Gerhard Pfisters Dilemma

Der CVP-Präsident hat reelle Chancen, bald Bundesrat zu werden. Doch dann hätte er ein Problem.

Die machtpolitischen Verhältnisse sind ideal für eine Bundesratskandidatur von Gerhard Pfister. Foto: Béartice Devènes (Lunax)

Die machtpolitischen Verhältnisse sind ideal für eine Bundesratskandidatur von Gerhard Pfister. Foto: Béartice Devènes (Lunax)

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Er schwitzt, als er ans Rednerpult schreitet. Nervös erhebt er die Stimme. Augenblicklich legt sich Stille über den Saal. Keine Lacher mehr, kein Raunen, alle Blicke nach oben, zu ihm, gerichtet. Und dann geschieht es: Mit jedem selbstkritischen Wort, jedem eindringlichen Blick, jeder zupackenden Geste schwindet die über Jahre aufgebaute Distanz zwischen Redner und Publikum, bis sie sich am Schluss in einem heftigen Applaus auflöst.

Es ist der 23. April 2016, und das Unwahrscheinliche wird wahr: In Winterthur küren die Delegierten der CVP Schweiz Gerhard Pfister zu ihrem Präsidenten. Dass es so weit kommen würde – das hatte er selbst nicht zu hoffen gewagt. Noch ein Jahr zuvor hatte er gesagt: «Haben Sie allen Ernstes das Gefühl, irgendjemand in dieser CVP würde mich zum Präsidenten wählen?» Seit Pfister im Jahr 2003 Nationalrat wurde, war er die Reizfigur am rechten Rand seiner Partei.

Dass sich diese schwierige Beziehung an jenem Samstag in Winterthur entkrampft, ist nicht nur auf Pfisters Einzelkandidatur zurückzuführen. Der Zuger überzeugt die über 300 Delegierten mit rhetorischer Kraft, strategischen Visionen und politischem Ehrgeiz. Die 11,6-Prozent-Partei, das verspricht er in seiner Rede, soll nicht länger nur Mehrheitsbeschafferin sein, sondern eigenständige Gestalterin werden. Und damit endlich wieder Wähler gewinnen.

Pfisters Ziel: 15 Prozent Wähleranteil im Jahr 2023. Pfisters Versprechen: So lange werde er bleiben.

Günstige Machtverhältnisse

Knapp zwei Jahre später eröffnet sich dem 55-Jährigen jetzt aber eine noch viel grössere Chance. CVP-Bundesrätin Doris Leuthard hat ihren baldigen Rücktritt in Aussicht gestellt. Und ausgerechnet Pfister, die einstige Reizfigur, könnte sie beerben.

Kaum jemand, der ihn näher kennt, bezweifelt, dass es sein grösster Traum ist: Bundesrat zu werden. Und Freund wie Feind sind überzeugt, dass er das Format dazu hätte. Der frühere Leiter einer Privatschule politisiert mit scharfem Intellekt, inhaltlichem Gestaltungswillen und ausgeprägtem Instinkt. In den letzten zwei Jahren hat er mit so manchem Vorurteil aufgeräumt. Als Parteichef zeigt er sich auch kompromissfähig und integrativ: Bei der Rentenreform trägt er den christlichsozialen Kurs seiner Partei, mit einer Wertedebatte will er den konservativen Flügel stärken. Die neuen Facetten sind Pfisters Image zuträglich. Galt er einst als hartherziger Asylpolitiker, besticht er nun im «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens mit Feinsinnigem über Peter Handke, Thomas Pynchon und Arno Camenisch.

Doch seiner Partei nützt Pfister bisher wenig. In den Kantonen verliert sie unaufhörlich Sitze – und Umfragen deuten darauf hin, dass dies nur die Vorboten der nationalen Wahlen vom Oktober 2019 sind. Die entscheidende Frage lautet daher: Würde es die CVP verkraften, wenn sich Pfisters Traum erfüllte – wenn er sich also kurz vor den Wahlen in den Bundesrat verabschieden würde? Zumal ein Aspirant auf sein Amt als Parteichef weit und breit nicht in Sicht ist.

Und umgekehrt: Kann sich einer, der als Präsident Treue bis 2023 schwor, schon nach zwei Jahren für das würdevollere Magistratenamt bewerben – ohne Gesichtsverlust?

Für Pfister selber ist eine Bundesratskandidatur höchst verlockend. Die machtpolitischen Verhältnisse sind ideal: Die 120 Stimmen der SVP- und FDP-Fraktion werden wahlentscheidend sein. Deren Wunsch ist es, die rechte Mehrheit auch im Bundesrat weiter zu festigen. Und im Unterschied zum neuen FDP-Bundesrat Ignazio Cassis haben nicht die Projektionen des Parlaments Pfister zum Rechtsbürgerlichen gemacht, sondern sein politischer Tatbeweis. Trotz Streitereien im EU-Dossier, trotz Knatsch um die Rentenreform: Aus Sicht der Rechten gibt es in der CVP keinen verlässlicheren Partner als Pfister. Zudem kommt er aus dem richtigen Landesteil. Der Sitzanspruch der Zentral- und der Ostschweiz ist unbestritten. In der FDP, die ebenfalls bald einen Bundesrat ersetzen muss, sind die potenziellen Kandidaten Ostschweizer. Damit rücken in der CVP die Zentralschweizer in den Fokus.

Fast alles spricht für Pfister. Wäre da nur nicht die Frauenfrage. 

Neben dem Zuger Pfister ist das vor allem der Luzerner Konrad Graber. In der eigenen Partei respektiert, gilt Graber aber in der SVP als zu wenig bürgerlich. Fraglich ist zudem, ob er mit 60 Jahren noch gewillt ist, seine Rolle als Elder Statesman im Ständerat und seine lukrativen Wirtschaftsmandate gegen den Bundesratsjob einzutauschen.

Auch alle übrigen CVP-Papabili bringen Handicaps mit. Auf dem Papier hätte der Bündner Stefan Engler zwar das perfekte Profil: respektierter Ständerat, kantonale Exekutiverfahrung, Ostschweizer Herkunft. Doch anders als Pfister ist Engler im Bundeshaus bisher farblos geblieben. «Wofür steht er eigentlich, ausser für Graubünden?», fragt sich ein CVP-Nationalrat. Und wie bei Graber weiss auch bei Engler niemand, ob er überhaupt Bundesrat werden will. Bei Pirmin Bischof stellt sich wenigstens diese Frage nicht. Seit Jahren sind die Ambitionen des Solothurner Ständerats ein offenes Geheimnis. Doch sein Stern scheint zu verblassen: Vielen gilt er als zu ehrgeizig und opportunistisch.

Ein Ladykiller?

Graber, Engler, Bischof? Keiner der drei findet in der Fraktion derzeit jene Begeisterung, die ihn zum zwingenden Kandidaten machen würde. Anders Bundeskanzler Walter Thurnherr, den mehrere CVP-Exponenten hinter vorgehaltener Hand als Wunschkandidaten nennen. Doch seit 1848 wurde noch nie ein Bundeskanzler Bundesrat. Mit der Nomination eines Beamten würde die CVP zudem ein verheerendes Signal aussenden: Keiner ihrer 40 gewählten National- und Ständeräte und auch keiner ihrer zahlreichen Regierungsräte hat das Zeug zum Bundesrat.

Das Format, die Machtverhältnisse, die Schwächen der Konkurrenz: All das lässt Pfister zu einem Favoriten für Leuthards Nachfolge heranwachsen. Wenn da nur nicht die Frauenfrage wäre. Tritt die CVP-Magistratin zurück, sitzt mit Simonetta Sommaruga (SP) nur noch eine Frau im Siebner-Gremium. Der Druck auf die CVP, eine Frau zu portieren, wird enorm sein.

Doch valable Kandidatinnen sind rar. Die einzige CVP-Parlamentarierin, der viele Fraktionskollegen das Amt wirklich zutrauen, ist Viola Amherd.

Die 55-jährige Walliser Nationalrätin ist einer breiten Öffentlichkeit kaum bekannt. Im Parlament jedoch geniesst die im linken CVP-Flügel verortete Juristin einen sehr guten Ruf. Und als langjährige Stadtpräsidentin von Brig hat sie –anders als Pfister – Exekutiverfahrung. Eigentlich will Amherd 2019 aus dem Parlament zurücktreten, wie es in ihrem Umfeld heisst. Doch als der «SonntagsBlick» sie unlängst zu ihren Bundesratsaspirationen befragte, sagte sie: «Das wird erst Thema, wenn unsere Bundesrätin das Datum ihres Rücktritts bekannt gibt.» Im Klartext: Amherd kann sich eine Kandidatur vorstellen.

Für Pfister wäre sie pikanterweise die ideale Gegenkandidatin. Ein Duell zwischen ihnen dürfte sich auf der Links-rechts-Achse entscheiden: Mitte-links für Amherd; die SVP, die Mehrheit der FDP und der rechte CVP-Flügel für Pfister. Es dürfte knapp werden. Aber es könnte reichen. Dass das Parlament im Zweifelsfall politische Kriterien über die Geschlechterfrage stellt, hat es schon zur Genüge bewiesen.Das Frauenproblem könnte sich für die CVP womöglich sogar von selbst lösen – dann nämlich, wenn FDP-Bundesrat Johann Schneider-Ammann doch gleichzeitig mit Leuthard zurücktritt und von der St. Galler Ständerätin Karin Keller-Sutter beerbt wird. Damit wäre die Frauenfrage entschärft und der Ostschweizer Anspruch geklärt. Und in der CVP wäre der Weg erst recht frei für einen Mann aus der Zentralschweiz.

«Ganz schwierig» für die CVP

Pfisters Dilemma hingegen bliebe auch in dieser Konstellation bestehen: Kann er seine Partei schon jetzt im Stich lassen? Erst noch bei ungebrochenem Abwärtstrend? Nein!, sagt Fabio Regazzi dezidiert – und spricht damit offen aus, was in der CVP viele umtreibt. Für den Tessiner Nationalrat wäre Pfister zwar ein guter Bundesratskandidat. Für die Partei wäre das so kurz vor den Wahlen aber «ganz schwierig».

Laut zuverlässigen Quellen hat Pfister just solche Überlegungen unlängst mit engen Vertrauten diskutiert. Laut den gleichen Quellen ringt er momentan intensiv mit der Frage, ob er für die Leuthard-Nachfolge kandidieren soll.

Wie wird sich Pfister in seinem Dilemma entscheiden? Was, wenn ihn der rechte Flügel seiner Partei um eine Kandidatur bittet? Wenn ihm SVP und FDP Avancen machen? Wenn Wirtschaftskreise ihn beknien? Kann er dann der Versuchung widerstehen? Und was, wenn er sogar zum Schluss kommen sollte, das Interesse seiner Partei sei deckungsgleich mit seinen persönlichen Ambitionen? Weil die CVP auch nach Leuthard eine starke Figur im Bundesrat braucht? Und weil es für ihn selbst mit 55 Jahren die letzte Chance ist?

Gerhard Pfister mag sich zu diesem Thema derzeit nicht äussern. Auf Anfrage antwortet er: «Ich werde mich mit diesen Fragen ernsthaft beschäftigen, wenn sie sich stellen.» Und damit ist eigentlich alles gesagt.

Erstellt: 18.02.2018, 19:27 Uhr

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