Pfisters Plan

Gerhard Pfister hat gute Chancen, CVP-Präsident zu werden. Vorbild des konservativen Nationalrats ist die bayerische CSU.

Würde mit seinen Positionen auch in der FDP am rechten Rand politisieren: Gerhard Pfister, Nationalrat aus Zug. Foto: Reto Oeschger

Würde mit seinen Positionen auch in der FDP am rechten Rand politisieren: Gerhard Pfister, Nationalrat aus Zug. Foto: Reto Oeschger

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Es war ein weiter Weg für Gerhard Pfister ins Hotel Ochsen in Zug. Eine gefühlte Ewigkeit hat er mit dem Gedanken gespielt, Präsident der CVP zu werden. Nur glaubte niemand daran, dass er es auch ernsthaft werden könnte – nicht einmal er selbst. Aber das war vor den Wahlen im Herbst. Vor dem Rechtsrutsch. Nun sitzt Pfister also doch hier, im Ochsen, und redet sich warm: In zwei Stunden wird er im Saal nebenan seine Kandidatur verkünden – als erster und aussichtsreicher Bewerber.

Die CVP, die noch einen Wähleranteil von 11,6 Prozent hat, wählt im April den Nachfolger von Christophe Darbellay. Es ist ein Richtungsentscheid, und in welche Richtung Pfister seine Partei am liebsten lenken würde, ist ziemlich klar: Kein Parlamentarier in seiner Fraktion ist rechter als er. Mit den Werten, die Pfister jeweils in den Abstimmungsrankings der NZZ erzielt, würde er selbst in der FDP zum rechten Flügel gehören.

Ist Pfisters Position auch die künftige der CVP? Nein, sagt er, darum gehe es nicht. Sein Massstab sei die eigene Kantonalpartei, die er von 1999 bis 2008 präsidierte. Er sagt: «Wir haben in Zug gezeigt, dass es möglich ist, als CVP wieder zu gewinnen. Von uns kann die CVP Schweiz lernen.» Zug, sagte Pfister einmal, habe «eine gewisse Ähnlichkeit mit Bayern». In der Kantonalpartei habe man sich deshalb zur Jahrtausendwende zum Ziel gesetzt, «so etwas wie die CSU der Schweiz zu werden». Laptop und Lederhosen, die Mischung aus wirtschaftlicher Offenheit und Konservatismus, die Edmund Stoiber einst zum Slogan machte: Pfister, Sohn eines Zugers und einer Saarländerin, hält die Parole für ein Vorbild für die ganze CVP.

Wildern bei der FDP

Es ist Pfisters Traum, mit der CVP wieder eine Macht zu werden im Land. Eine Macht, die selbst in den Stammlanden der Partei erodiert ist. Das spüren Leute wie Pfister. Seine Karriere war eine klassisch katholische: Gymnasium in der Klosterschule Disentis, Studium der Germanistik und Philosophie in Freiburg. Es waren viele dieser Leute, die in den vergangenen Jahrzehnten zwei Heimaten verloren: die Kirche und die CVP. Beide wurden sie offener, weiblicher, linker. Beide verloren sie an Bedeutung.

Gewisse Entwicklungen, das weiss Pfister, sind unumkehrbar. «Unsere früheren Wähler, die heute bei der SVP sind, gewinnen wir nicht mehr zurück. Die sind weg.» Sein Plan für die CVP ist ein anderer: «Bei freisinnigen Wählern ist für uns mit wirtschaftlichen Themen etwas zu holen. Die FDP meint, sie habe da ein Alleinstellungsmerkmal, aber es gibt Potenzial für uns.» Die Wirtschaftspolitik ist das eine, die Wertedebatte das andere: Es reiche nicht mehr, eine Milieupartei zu sein. «Wir müssen uns über Themen definieren, bei denen jedem klar ist, was die CVP davon hält.»

15 Prozent Wähler und 15 Ständeräte bis 2023

Für seine Vision hat Pfister auch schon ein Schlagwort gefunden: «15/15». 15 Prozent Wähleranteil, 15 Ständeräte (heute sind es 13). Erreichen will er das bis zu den Wahlen 2023. So lange, sagt er, würde er im Fall einer Wahl auch Präsident bleiben wollen. Dass er Durchhaltewillen hat, bewies er schon früher. 2007 bewarb er sich für einen Sitz im Parteipräsidium, fiel aber bei den Delegierten durch. Erfolgreich war er erst drei Jahre später, als er es mit Darbellays Hilfe erneut versuchte.

Fragt man CVP-Politiker nach Pfisters Eignung als Parteichef, nennen sie zwei Qualitäten. Erstens: Er sei intellektuell und strategisch den allermeisten im Parlament überlegen. In Bern ist Pfister einer der wenigen, der über die Biografie Tony Blairs genauso gerne spricht wie über Details der letzten Asylgesetzrevision. Seine Lektüreliste, die er auf seiner Website führt, ist eklektisch: Von einem Überblickswerk zur rationalen Theologie über Romane von T. C. Boyle bis zu einem Buch Rudolf Strahms findet sich darin ziemlich viel. Der zweite Grund, der in den Augen vieler für Pfister spricht: Er, der kinderlos Verheiratete, habe die nötige Zeit für das Amt. Tatsächlich ist der 53-Jährige längst Vollzeitpolitiker. Nach seiner Wahl in den Nationalrat 2003 arbeitete er als Lehrer und Direktor am Institut Dr. Pfister AG in seinem Wohnort Oberägeri. Die Privatschule hatte er von seinem Vater übernommen – 2012 verkaufte er sie.

Gegner in den CVP-Stammlanden

Was aber nützt intellektuelle Brillanz im Umgang mit einer Partei, die sich seit Jahrzehnten im Niedergang befindet? Wie viel Zeit ist nötig, um eine Partei zu einen, die in vielen Fragen gespalten ist wie keine andere? Dafür müsste Pfister wohl zuerst damit beginnen, sich selbst einzumitten. Genau das habe sie in der Wintersession bereits beobachtet, sagt CVP-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter. Sie unterstützt Pfisters Kandidatur: «Er will nicht Präsident werden, um der CVP einen Rechtskurs zu verordnen. Ihm geht es darum, diese Partei wieder zum Erfolg zu führen. Dafür hat er das nötige strategische Rüstzeug.»

Doch Pfister hat auch Gegner. Im linken, christlich-sozialen und urbanen Teil der Partei natürlich, der ihm seine Hardliner-Positionen in der Migrationspolitik übelnimmt. Aber auch in den CVP-Stammlanden: Dort beobachtete man kritisch, wie sich Pfister als Vertreter seines reichen Kantons in Debatten um den Finanzausgleich konsequent auf die Seite der Geberkantone schlug. Nicht vergessen hat man, wie er vor einigen Jahren in der Parteizeitung über Subventionsempfänger herzog und von «Randregionen-Nostalgiker, Alpen-Opec und Steilgeländefetischisten» schrieb. «Das war für eine ländliche Partei, wie wir es sind, nicht klug», sagt ein CVP-Ständerat aus einem Gebirgskanton. Der Grünen-Politiker Josef Lang, der mit Pfister im Zuger Kantonsrat und im Nationalrat sass, sagt es so: «Pfister verkörpert die Zuger Steuerprivilegien.»

Die Ehedefinition als Test

Bald schon könnte sich zeigen, wie gross der Rückhalt für Pfisters Positionen ist. Am 28. Februar kommt die Initiative zur Abstimmung, mit der die CVP die «Heiratsstrafe» abschaffen will. Auf Pfister geht der umstrittene Passus zurück, der die Ehe als ausschliessliche Verbindung von Mann und Frau definieren will. In seinem Sessel im Ochsen redet Pfister lange darüber, was im Vorfeld der Abstimmung nicht gut lief: Die interne Debatte sei zu spät gekommen, die politischen Gegner sprächen gar nicht über den Kern der Initiative, der doch eigentlich ein steuerlicher sei. Trotzdem sagt er: «Diese Abstimmung können wir gewinnen.» Aber er weiss: Wird das Anliegen hoch abgelehnt, ist das auch eine Niederlage für ihn. Es wäre eine empfindliche Niederlage auf dem Weg zum Parteipräsidenten.

Erstellt: 06.01.2016, 21:59 Uhr

CVP-Präsidium

Kaum Konkurrenz in Sicht

Schon lange ist klar, dass CVP-Präsident Christophe Darbellay im April abtritt – seit November und noch bis Mitte Februar können interessierte Parteimitglieder ihre Bewerbung für die Nachfolge an die interne Findungskommission melden. Bisher ist der Zuger Gerhard Pfister der einzige Bewerber. Seine Gegner, die vor allem im linken Parteiflügel zu finden sind, hoffen, dass sich ein Gegenkandidat findet – und denken dabei meist an den Bündner Nationalrat Martin Candinas. Doch der Vater von drei jungen Kindern, der beruflich in einer Kaderfunktion bei der Helsana-Versicherung eingespannt ist, zögert. Er sagt, er werde sich bis Ende Januar entscheiden, ob er antrete. Als möglicher Kandidat gilt auch der Solothurner Ständerat Pirmin Bischof. Er war für den TA nicht zu erreichen. Viele in der CVP halten eine Kandidatur Bischofs für wenig wahrscheinlich: Ihm wird nachgesagt, er wolle Nachfolger von Bundesrätin Doris Leuthard werden. Dafür ist er heute – er ist neu Gruppenchef der CVP-Ständeräte und polarisiert kaum – bereits in einer guten Ausgangslage. Zudem führt der Anwalt eine Kanzlei und ist kürzlich Vater geworden. Bereits abgesagt haben der Solothurner Nationalrat Stefan Müller-Altermatt und der Bündner Ständerat Stefan Engler. (cas)

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