Pharmalobby setzt sich durch

Ein parlamentarischer Vorstoss will die belastendsten Experimente mit Tieren verbieten. Ohne Erfolg.

Notwendigkeit oder Quälerei? Eine Maus in einem Schweizer Labor. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Notwendigkeit oder Quälerei? Eine Maus in einem Schweizer Labor. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Fast 15’000 Mäuse, 1600 Ratten und über 700 Fische mussten 2017 für die Wissenschaft leiden, und zwar in einem besonders schweren Ausmass. Insgesamt waren es über 17’000 Tiere, die Versuche mit dem höchsten Belastungsgrad 3 über sich ergehen lassen mussten. Das bedeutet etwa schwere Schmerzen oder mehrtägiger Futter- und Wasserentzug.

Im Vergleich zum Vorjahr entspricht dies einer Zunahme von 7,4 Prozent. Und laut Interpharma, dem Verband der forschenden pharmazeutischen Firmen in der Schweiz, werden Gesuche für diese Kategorie künftig wohl noch zunehmen. Laut dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) ist beim Schweregrad 3 von 2013 bis 2017 eine Zunahme zu beobachten: Ob es sich dabei um einen Trend handelt, will das BLV nicht bestätigen, dies werde sich erst in den nächsten Jahren zeigen.

«Es sollte doch im Jahr 2019 möglich sein, ohne Tierversuche des höchsten Schweregrades auszukommen», sagt Felix Müri. Der Luzerner ist SVP-Nationalrat, Unternehmer und hat als einziger bürgerlicher Politiker die parlamentarische Initiative der grünen Nationalrätin Maya Graf unterzeichnet. Worauf er von der Pharmalobby mit Gegenargumenten «bombardiert» worden sei. Die wehrt sich tatsächlich vehement dagegen, wie Anita Geiger, Pressechefin von Interpharma, bestätigt: «Dieser Vorstoss würde die biomedizinische Forschung am Standort Schweiz sehr stark einschränken und den medizinischen Fortschritt bei schweren Erkrankungen verunmöglichen.» Mit Erfolg, wie sich nun zeigt: Die WBK hat die parlamentarische Initiative mit 17 zu 8 Stimmen abgelehnt.

Neu erwachte Sensibilität

Die parlamentarische Initiative, die in der vorberatenden Kommission des Nationalrats (WBK) behandelt wurde, will Tierversuche der Kategorie 3 vollständig verbieten. Und stürzt damit Politiker wie Müri in ein Dilemma, denn das Tierwohl ist hoch im Kurs, nicht nur bei militanten Tierschützern. Ein Indiz dafür lieferte Basel am vergangenen Wochenende: Das geplante Ozeanium wurde versenkt, auch weil viele Stimmbürger diese Form der Zurschaustellung nicht mehr als zeitgemässe Tierhaltung betrachten. Mehrere Tausend Tiere hätten in rund 40 Aquarien untergebracht werden sollen.

Maya Graf hoffte denn auch, dass die neu erwachte Sensibilität für das Tierwohl bei den Politikern Wirkung zeigt. Zumal vielen Schweizer Tierversuchen laut zwei kürzlich veröffentlichten Studien eine ungenügende Qualität und Aussagekraft attestiert wird. «Vor diesem Hintergrund lassen sich schwer- und schwerst belastende Tierversuche weder ethisch noch wissenschaftlich vertreten.»

Möglicher Gegenvorschlag

Die Zunahme dieser Kategorie Tierversuche ist zwar auch für BDP-Nationalrätin Rosmarie Quadranti «beängstigend». Aber ein Verbot, wie es die parlamentarische Initiative vorsieht, geht ihr dann doch zu weit: «Es gibt nun mal Bereiche, in denen solche Experimente vonnöten sind.» Eine Ansicht, die auch bei CVP- und FDP-Mitgliedern der Wissenschaftskommission vorherrschte. Trotzdem hoffte die grüne Nationalrätin Irène Kälin auf eine mögliche Annahme des Vorstosses ihrer Parteikollegin: «Wir hätten damit einen pragmatischen Vorstoss in der Hand, mit dem wir Schlimmeres verhindern könnten.» Sie sieht nämlich im Vorstoss das Potenzial zu einem zielführenden Gegenvorschlag zur Tierverbotsinitiative.

Das Volksbegehren wurde im März von Tierschützern aus der Ostschweiz mit 124’000 Unterschriften eingereicht. Sie will Tierversuche vollständig abschaffen und den Import von Produkten verbieten, die im Ausland mittels Tierversuchen entwickelt wurden. Wissenschaftler und die Pharmalobby laufen schon jetzt dagegen Sturm. «Der Innovationsstandort Schweiz würde damit de facto stillgelegt und die Schweiz vom medizinischen Fortschritt komplett abgeschnitten», warnt Geiger. Selbst dem Schweizer Tierschutz (STS) ist sie zu radikal.

Erstellt: 24.05.2019, 16:18 Uhr

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