Pilot muss wegen Entführung vor das Bundesstrafgericht

Die Bundesanwaltschaft hat den Co-Piloten, der 2014 eine Boeing 767 nach Genf entführte und Asyl beantragte, wegen Freiheitsberaubung angeklagt.

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Es ist eine der skurrilsten Episoden der Schweizer Luftfahrtgeschichte. Sie endete glücklicherweise glimpflich. Ein Co-Pilot der Ethiopian Airlines entführte im Februar 2014 ein Flugzeug des Typs Boeing 767-300 nach Genf. Die Maschine mit 202 Passagieren an Bord war in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba gestartet und hätte eigentlich um 4.40 Uhr in Rom landen sollen. Hätte, denn der junge Mann mit Jahrgang 1983 hatte sich einen anderen Plan zurechtgelegt. Er nutzte die Toilettenpause des Chefpiloten, um das Kommando über das Flugzeug zu übernehmen. Den Kapitän sperrte er kurzerhand aus dem Cockpit aus, nahm Kurs auf Genf und meldete der italienischen Flugsicherung, er habe die Maschine entführt.

Die italienische Luftwaffe stieg mit zwei Eurofightern auf, um das Flugzeug zu eskortieren. Als Flug ET 702 in den Schweizer Luftraum eindrang, stiegen keine Kampfjets auf. Die Schweizer Luftwaffe erklärte später, man überwache den Luftraum zwar während 24 Stunden, könne aber nur zu Bürozeiten Kampfjets einsetzen.

Um 6.02 Uhr morgens setzte der Co-Pilot die Boeing 767 auf der Landebahn des Flughafen Genf-Cointrin auf, öffnete das Cockpitfenster und kletterte an einem Seil auf das Rollfeld, wo er sich von der Polizei widerstandslos festnehmen liess. Den verblüfften Sicherheitskräften sagte er: «Ich bin der einzige Pirat an Bord. Ich habe diesen Plan vorbereitet und beantrage politisches Asyl in der Schweiz.» Danach konnten auch die 202 Passagiere, einzeln und mit hinter dem Kopf verschränkten Händen, die Maschine verlassen.

Pilot wird therapiert

Nach rund zwei Jahren Strafunter­suchung hat die Bundesanwaltschaft (BA) den Co-Piloten nun am Bundes­straf­gericht in Bellinzona angeklagt. Die Verhandlung wurde auf den 21. April festgesetzt. Die Untersuchung der BA zog sich auch darum in die Länge, weil sie zur Beweisführung auf die Mitarbeit ausländischer Behörden angewiesen war und technische und wissenschaftliche Expertisen einholen musste. Zudem hat die BA sämtliche Passagiere kontaktiert, um Informationen einzuholen. Einzelne Passagiere haben Zivilklagen gegen den Piloten eingereicht und machen finan­zielle Schäden geltend.

Die BA beschuldigt den Mann der Freiheitsberaubung und Entführung ­sowie der Störung des öffentlichen Verkehrs. Da Psychiater beim Äthiopier gemäss dessen Genfer Anwalt Philippe Currat schon kurz nach der Tat eine «Paranoia» und damit eine «komplette Urteilsunfähigkeit» festgestellt hatten, ordnete die BA eine stationäre Massnahme an. Der Mann ist nach einem Aufenthalt in der Genfer Anstalt Curabilis, einem Etablissement für psychisch angeschlagene Häftlinge, in ein Waadtländer Gefängnis verlegt worden. Bei einer Verurteilung würde die begonnene psychiatrische Behandlung wohl fortgesetzt.

Schon zu Hause war er paranoid

In seiner Heimat ist der Pilot bereits in Abwesenheit wegen Luftpiraterie verurteilt worden. Ein äthiopisches Gericht einigte sich im März 2015 auf ein Strafmass von 19 Jahren und 6 Monaten Freiheitsentzug. Ein Auslieferungsgesuch seitens der äthiopischen Behörden lehnte die Schweiz jedoch ab. Es hiess, der Mann solle sich für seine Tat vor einem Schweizer Gericht verantworten müssen.

Dass der Mann die Boeing 767 in schuldunfähigem Zustand in die Schweiz pilotierte, entspricht nicht nur der Auffassung der BA, sondern auch jener der Familie des Angeklagten. Eine Schwester hatte bereits am Tag nach der Flugzeugentführung in einer schriftlichen Stellungnahme darauf hingewiesen, dass sich ihr Bruder in einem Delirium befand. «Er glaubte, dass ihn Feinde attackieren wollten und ging davon aus, sein Mobiltelefon sei gehackt worden», schrieb die Schwester. Sein Laptop habe er nicht mehr benutzt, ohne die Kamera zu verdecken. Zudem habe er in seinem Zimmer eine Überwachungskamera installiert. Anwalt Philippe Currat betont: «Mein Klient hat nie ein gefährliches Manöver durchgeführt. Ich glaube, man wird nie wirklich wissen, warum er so gehandelt hat.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.02.2016, 23:24 Uhr

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