Plötzlich hip

Die Grünliberalen sind plötzlich eine Partei des Zeitgeistes. Wie nachhaltig ist das? Und hält ihre Politik da mit? Kritiker zweifeln.

Nicola Forster ist ein Hoffnungsträger der Grünliberalen und Co-Präsident der Zürcher Kantonalpartei. Foto: Dominique Meienberg

Nicola Forster ist ein Hoffnungsträger der Grünliberalen und Co-Präsident der Zürcher Kantonalpartei. Foto: Dominique Meienberg

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Nur noch schnell die Welt retten. Es ist kurz vor 12 Uhr am Freitag, die Schiebetüren öffnen sich, Nicola Forster schreitet in die Ankunftshalle des Flughafens Zürich. Gestern war er in Abidjan, Elfenbeinküste, um ein Podium über die Funktion von Frauen in Friedensprozessen zu leiten. Heute Abend wird er in Gontenbad, Appenzell, erwartet. Wieder ein Podium, diesmal über Risiken und Chancen im Unternehmertum.

33 Jahre alt ist Forster. Grünliberaler und seit November mit Corina Gredig Co-Präsident der Zürcher Kantonalpartei. Er steht für die GLP wie zur Zeit kaum ein anderer. Progressiv, weltoffen, hip: Dandy-Look, wohnen an der Zürcher Langstrasse. Und trotzdem unaufgeregt über Liberalismus sprechen.

So hip die GLP scheint, so hart wird sie von ihren Rivalen kritisiert – vor allem von links.

Forster hat einen Plan mit der GLP, er denkt seine Partei als Start-up. Klein und agil. In der Wachstumsphase. Jeder willkommen, um mitzugestalten. «Mitmach-Partei» hat sie die «NZZ am Sonntag» genannt. Das zieht junge Leute an – und gestalten, das kann Forster. Er erfand vor zehn Jahren den Thinktank Foraus mit heute 15 Mitarbeitern und 1000 Mitgliedern. Er war Mitgründer der Operation Libero. Er hat mit der ehemaligen Aussenministerin Micheline Calmy-Rey zu Abend gegessen. Ihr Nachfolger Didier Burkhalter fragte ihn, was er an seiner Stelle tun würde – Forster war da noch keine 30 Jahre alt.

Nun bringt er in die Partei Ideen und Ansätze, die man bereits von Operation Libero kennt und die für das Lebensgefühl der Jungen stehen sollen. «Das ist harte Arbeit, wir sitzen nicht einfach zusammen, machen ein bisschen Brainstorming und surfen auf der Klimawelle, wie man es der FDP vorwerfen kann», sagt Forster. Man biete jungen Politikinteressierten Alternativen zur Ochsentour. Möglichkeiten für unverbindliches Mitwirken fern von einem vierjährigen Amt in der Schulpflege oder im Gemeinderat. Das kommt an. Die Mitgliederzahlen steigen. «Deutlich», sagt Forster.

Die Prognosen: Hervorragend

Eine Woche vor dem kantonalen Wahltermin durch die halbe Welt jetten – selbst das scheint den Grünliberalen im Moment nichts anhaben zu können. Sie sind die Partei der Stunde, des Moments. Es läuft. Und das nicht erst seit dem spektakulären Parteiübertritt von Nationalrätin Chantal Galladé. Die national dominierenden Themen Europa und Klima: von der Partei besetzt. Die Prognosen für die Wahlen: hervorragend.

Die letzte Umfrage sagt der GLP für die national wegweisenden Zürcher Wahlen vom Sonntag 10 Prozent Wähleranteile voraus, plus 2,4 im Vergleich zu 2015. National sieht das Bild ähnlich rosig aus. In der letzten Tamedia-Umfrage kommt die GLP auf einen Wähleranteil von 6,7 Prozent, das wären 2,1 Prozentpunkte mehr als 2015. Happy Times! Fast so wie damals, 2011, beim ersten grossen Wahlsieg der GLP. Und es sind eben nicht nur die dominanten Themen, die euphorischen Prognosen. Da ist mehr: Da ist ein Gefühl. Und wenn eine Partei sich irgendetwas wünschen könnte (neben dominanten Themen und euphorischen Prognosen), dann wäre es genau das: ein Gefühl.

«Was die machen, ist extrem zeitgemäss, am Puls der Zeit, nah am urbanen Gefühl. Das ist leicht, digital, feminin, kollaborativ.» Roman Hirsbrunner sagt das und sitzt dabei in einem Besprechungszimmer eines Bürokomplexes, den man kaum anders als leicht, digital, feminin und am Puls der Zeit beschreiben kann. Hirsbrunner ist CEO der Kommunikationsagentur Jung von Matt/Limmat, er ist einer der wichtigsten Werber der Schweiz, wenn einer den Zeitgeist kennt: dann er.

Weg vom Technokraten-Image

Hirsbrunner hat keinen Auftrag von der GLP, er macht keine politische Werbung – zu kompliziert für das restliche Geschäft. Doch der Werber ist ein aufmerksamer Beobachter. Zwei Megatrends erkennt er im Moment. Erstens: Nachhaltigkeit und ökonomische Prosperität gehören zusammen. Zweitens: mitmachen ist besser als zuschauen. «Millennials sind daran gewöhnt, von Beginn weg mitzubestimmen. Darum ist die Positionierung der GLP als Mitmachpartei sehr interessant. Sie geht auf eine Metaebene und kann so jedes Thema bespielen.» Extrem zeitgemäss sei das, wiederholt Hirsbrunner noch einmal und meint dann: «Das einzige Problem bei solchen Dingen ist: Was geschieht, wenn es nicht mehr zeitgemäss ist?»

Doch das sind Fragen für später, zuerst muss eine andere beantwortet werden. Wie war das überhaupt möglich? Wie wurde aus der GLP, die seit ihrer Gründung (2004 in Zürich, 2007 national) eine Partei der Nerds, Akademiker und Technokraten war, plötzlich eine Partei des Zeitgeistes? Wie wurde aus der Partei von Gründer Martin Bäumle jene von Nicola Forster, Corina Gredig, Tiana Moser und Kathrin Bertschy?

Und man hat damit bereits einen Teil der Antwort. «Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert», sagt Martin Bäumle im Bundeshaus. Der Nationalrat hat die GLP gegründet und war in seiner Zeit als Präsident so dominant, dass er als Person das Image der ganzen Partei prägte. Ein Rechner, ein Technokrat, einer, der in der «Arena» über Excel-Tabellen sprach. So viel Rationalität, so wenig Wärme. Das Bild war damals überspitzt und ist es bis heute, die Wahrnehmung seiner Partei hat es trotzdem bestimmt. Das weiss auch Bäumle. «Es war für mich nicht ganz einfach loszulassen. Aber wenn man sieht, wie viel breiter die Partei heute aufgestellt ist, bin ich mehr als zufrieden.»

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Seit dem Rücktritt von Bäumle 2017 bestimmen andere das Image der GLP. Nicht unbedingt der neue Präsident Jürg Grossen, der in der nationalen Wahrnehmung kaum eine Rolle spielt. Im Vordergrund stehen zwei Frauen: Nationalrätin Kathrin Bertschy, die das Politlab der GLP leitet, und Fraktionschefin Tiana Moser, die von der «Rundschau» ehrfürchtig «Das Gesicht der neuen Mitte» genannt wird.

«Inhaltlich haben wir seit Beginn die gleichen Positionen», sagt Moser im Bundeshaus. «Vielleicht haben wir über die Jahre aber gelernt, diese Inhalte besser zu verkaufen.» Kathrin Bertschy sitzt neben Moser im Café, nickt und redet von «Storytelling» und davon, dass das, was momentan von der GLP national wahrgenommen werde, gar nicht so neu sei. «Wir haben die Berner Sektion der GLP auch Start-up-mässig aufgebaut. Da war von Anfang an ganz viel Leidenschaft mit dabei.» Das werde jetzt auch von den Medien wahrgenommen.

Und zwar viel zu stark. Denken viele ausserhalb der GLP. So hip die Grünliberalen scheinen, so hart werden sie von ihren Konkurrenten kritisiert – vor allem von links. Die Grünen regen sich auf (sagen das aber nicht zu laut), und in der SP ist man schlichtweg wütend. «Die GLP ist die Partei für alle, die früher mal links waren und sich jetzt nicht eingestehen können, rechts zu sein», sagt SP-Nationalrätin Min Li Marti. Sie stört sich an der übersteigerten medialen Aufmerksamkeit für die GLP («Die Grünliberalen sind vor allem eine Projektionsfläche für Journalisten»), sie stört sich an der hippen Inszenierung, die vor allem dazu diene, die rechten Positionen in sozial- und finanzpolitischen Fragen zu kaschieren. Die Forderung im Zürcher Kantonsparlament etwa, aus der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos) auszusteigen. Oder das Beharren der nationalen Fraktion, die Mindestfranchise für Krankenkassen auf 500 Franken heraufzusetzen. «Die real existierende GLP ist gar nicht so hip und urban, wie sie heute tut.»

«Eine absolute Blackbox»

SP-Fraktionschef Roger Nordmann nervt sich an der Unberechenbarkeit der GLP. Daran, dass sie in allen Kantonen mit jenen Parteien zusammenspannt, die ihr gerade am meisten nützen. Egal, ob die Ideologie stimmt oder nicht. In Bern mit der EVP, in Zug mit der FDP, in der Waadt mit der SVP. Gerade diese Woche hat GLP-Nationalrätin Isabelle Chevalley für eine erneute SVP-GLP-Allianz geworben. Und da ist Nordmann der Kragen geplatzt. Auf Twitter, auf dem Sender «Nau». «Ausgerechnet mit jener Partei paktiert die GLP, die gegen alle ihre Grundsätze in der Klima- und der Europapolitik ist. Das ist so opportunistisch!» Unredlich sei das, rückgratlos, schräg. «Die GLP macht Etikettenpolitik. Ausser in Klimafragen ist die Partei eine absolute Blackbox.»

Tiana Moser hat für Nordmanns Ausbruch ein müdes Lächeln übrig, wie sie sagt. Es sei Wahljahr, die Stimmung aufgekratzt, die Ellenbogen würden ausgefahren. Dass man als kleine Partei im Wahlsystem permanent im Nachteil sei und deshalb wechselnde Allianzen brauche – geschenkt. Dass man auch eine liberale Partei mit entsprechenden Grundsätzen in sozialen Fragen sei – schon immer so gewesen.

Was soll sie auch sagen. Läuft halt.

Erstellt: 22.03.2019, 21:47 Uhr

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