Politik von der Kanzel

Während der Weihnachtstage wird Politik nicht im Bundeshaus gemacht –, sondern vielerorts in der Kirche. Wofür sich die Pfarrer einsetzen.

«Die institutionelle Wirkung darf nicht unterschätzt werden»: Eine evangelische Kirche im zürcherischen Thalwil während eines Gottesdiensts. (Archivbild)

«Die institutionelle Wirkung darf nicht unterschätzt werden»: Eine evangelische Kirche im zürcherischen Thalwil während eines Gottesdiensts. (Archivbild)

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Es gibt das Sommerloch, und es gibt die Weihnachtsferien. Während dieser beiden kurzen Phasen im Jahr steht der ansonsten hektische Politbetrieb in der Schweiz still. Im Sommer schlägt die Stunde der Strategen: Geschickt platzierte Enthüllungen lassen sich nie so gut zu einem vermeintlichen Politskandal aufbauschen wie dann. Dieses Jahr führte die SVP eine Kampagne gegen das angebliche «Asylchaos» in der Schweiz, letzten Sommer deckte die «SonntagsZeitung» eine angebliche Verschwörung in der Bundeskanzlei auf, bei der die Volksrechte ausgehebelt werden sollten.

Im Winter dagegen dominieren die leisen Töne – die Politik findet dann auf einer anderen Bühne statt: Viele Pfarrer nutzen ihre Predigten in der besinnlichen Jahreszeit für politische Botschaften. «Auf der Kanzel darf ich keine Parteipolitik betreiben, weil ich allen Menschen gleichermassen verpflichtet bin. Aber wenn biblische Werte auf dem Spiel stehen, dann beziehe ich Stellung», sagt Elke Rüegger-Haller. Im Vordergrund stehen für die evangelische Pfarrerin aus Zürich-Wipkingen dabei Menschenrechte, Armut, der Umgang mit Flüchtlingen und die Verantwortung für die Umwelt.

Auch Christoph Sigrist, reformierter Pfarrer im Zürcher Grossmünster, predigt politisch – aus Überzeugung, wie er sagt. «Gott ist nicht neutral, sondern ergreift Partei zugunsten der Benachteiligten und Beeinträchtigten. Daraus ergibt sich für die Kirche und für mich als Pfarrer ein eindeutiger politischer Auftrag.» Und Neumünster-Pfarrer Res Peter bestätigt: «Rechte Parteien möchten zwar, dass wir nur Seelsorge betreiben. Aber es ist unsere Pflicht, von der Kanzel aus zum Denken anzuregen.»

Einsatz für Volksinitiativen

Das kann in der direktdemokratischen Schweiz zuweilen ein ganz konkreter politischer Denkanstoss sein. So haben alle Geistlichen im Gottesdienst an Heiligabend die Spekulationsstoppinitiative thematisiert, die demnächst an die Urne kommt. Das Juso-Begehren will Spekulationsgeschäfte mit Agrarrohstoffen in der Schweiz verbieten. «In jedem Gottesdienst beten wir: Unser tägliches Brot gib uns heute. Wer so betet, muss am 28. Februar Ja stimmen. Und es ist die Aufgabe der Kirche, die Zusammenhänge aufzuzeigen, warum eben nicht alle ihr tägliches Brot haben», sagt Rüegger-Haller dazu.

Auch Peter verweist auf das «Wächteramt» der Kirche: «Wir müssen den Staat darauf hinweisen, wenn Regulierungsbedarf besteht. Das ist der Fall, wenn mit dem Handeln an den Finanzmärkten Armut und Tod verursacht werden könnte.»

Dass sich Pfarrer direkt für ein Volksbegehren einsetzen, ist keine Seltenheit. Das Grundeinkommen oder die 1:12-Initiative sind weitere Beispiele. Und dass es sich dabei zumeist um linke Anliegen handelt, ist kein Zufall, denn der Kampf gegen Armut und prekäre Lebensbedingungen ist für die Kirche essenziell.

«Beten reicht nicht»

Zweites zentrales Thema an den Weihnachtsgottesdiensten war auch die Flüchtlingskrise. Viele Kirchgemeinden haben dieses Jahr in ihren Räumlichkeiten Asylsuchende aufgenommen. Jene des Neumünsters beherbergt 14 Personen und jene des Grossmünsters eine dreiköpfige syrische Familie. In ihren Predigten werden die Pfarrer auch an die Hilfsbereitschaft der Kirchgänger appellieren. Und das dürfte die Kirche grundsätzlich offensiver tun, findet Rüegger-Haller: «Beten reicht nicht. Wir müssen das, was wir glauben, verstärkt in Taten umsetzen.» Die Kirche müsse daher dringend politischer werden und ihre Mitglieder zum Einsatz für die Schwächeren bewegen – zum Beispiel durch die Zustimmung zu entsprechenden Vorlagen an der Urne.

Angesichts des Mitgliederschwunds der Landeskirchen und leerer Ränge in den Gottesdiensten stellt sich indes die Frage, ob die Botschaften der Pfarrer ihr Publikum finden. Davon ist Sigrist überzeugt: «Man muss zwischen den leeren Kirchenbänken am Sonntagmorgen und der institutionellen Wirkung der Kirche unterscheiden – und die darf nicht unterschätzt werden. Es braucht eine kritische Instanz ausserhalb von Politik und Wirtschaft.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.12.2015, 13:09 Uhr

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