«Knebelverträge» für Schweizer Hotels – jetzt laufen Politiker Sturm

Einen erheblichen Teil der Einnahmen müssen hiesige Gaststätten bei Online-Buchungen an Booking.com abliefern. Wer jetzt dem Konzern die Stirn bietet.

Wenn sich die Gäste wohl fühlen, heisst das noch lange nicht, dass auch für den Hotelier die Rechnung aufgeht: Prächtige Aussicht aus einem Wellness-Hotel in Saas Fee.

Wenn sich die Gäste wohl fühlen, heisst das noch lange nicht, dass auch für den Hotelier die Rechnung aufgeht: Prächtige Aussicht aus einem Wellness-Hotel in Saas Fee. Bild: Keystone

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Der Bund soll der Schweizer Hotelbranche gegen übermächtige globale Internetplattformen zu Hilfe eilen. Diesmal geht es nicht um die Plattform Airbnb, die den Hotels Gäste wegnimmt, sondern um globale Buchungsplattformen wie Booking.com und Expedia, die den Hotels Gäste zuführen. Viele Hoteliers sehen in diesen Plattformen zunehmend mehr Fluch als Segen. Denn die Verträge, die die Unternehmen den Hotels anbieten, verlangen erstens hohe Kommissionen und enthalten zweitens sehr restriktive Vertragsklauseln.

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Von diesen Vertragsfesseln will eine breite politische Koalition die Hotels nun befreien. Der Solothurner CVP-Ständerat Pirmin Bischof hat eine Motion gegen die «Knebelverträge der Online-Buchungsplattformen» eingereicht, die fast vom halben Ständerat unterschrieben wurde. 20 Ständeräte aus SP, CVP, BDP, FDP und SVP haben sich ­Bischofs Anti-Booking-Koalition angeschlossen. Die Motion verlangt eine Gesetzesänderung, die den Internetplattformen sogenannte Preisparitätsklauseln untersagt. Mit solchen Klauseln verbieten die Plattformen den Hotels in ihren Verträgen, auf der Hotel-Website günstigere Tarife zu offerieren als auf der Plattform. Selbst mit Last-minute-Rabatten darf der Hotelier die Tarife auf der Plattform nicht unterbieten.

Betroffen von einem Gesetz, wie die Motion es fordert, wäre primär eine Firma: Die 1996 in den Niederlanden gegründete und inzwischen zum US-Konzern Priceline gehörende Plattform ­Booking.com, die in der Schweiz einen Marktanteil von über 70 Prozent auf ­allen Online-Hotelbuchungen hält.

Die Weko blockte ab

Gegen die «Knebelverträge» läuft der Verband Hotellerie­suisse seit Jahren Sturm. Zuerst haben sie es über die Wettbewerbskommission (Weko) versucht. Nach jahrelanger Untersuchung fand die Weko tatsächlich «starke Indizien», dass Booking.com eine marktbeherrschende Stellung habe. Einen Missbrauch dieser Stellung konnte die Weko aber nicht erkennen. Und so untersagte sie den Plattformen im Oktober 2015 zwar die «weiten Paritätsklauseln», erteilte den «engen Paritätsklauseln» aber ihren amtlichen Segen. Das heisst: Die Plattformen dürfen den Hotels zwar nicht länger unter­sagen, einer Konkurrenzplattform günstigere Tarife anzubieten. Hingegen dürfen sie den Hotels weiterhin verbieten, auf ihrer eigenen Website billiger zu sein.

Die schönsten Schweizer Hotels:

«Der Entscheid der Weko hinkt», kritisiert Christophe Hans, Leiter Wirtschaftspolitik bei Hotelleriesuisse. «Anstatt die Abhängigkeit der Branche von Booking.com einzuschränken, hat die Weko diese Abhängigkeit zementiert.» Deshalb hat der Verband nun die letzten Monate genutzt, um bei Politikern für eine Gesetzänderung zu lobbyieren.

Bischof sagt, er sei in seinen letzten Weihnachtsferien im Gespräch mit Schweizer Hoteliers auf das Problem gestossen. Er hält den Entscheid der Weko für widersprüchlich, «weil sie zwar eine marktbeherrschende Stellung erkennt, aber trotzdem nichts unternimmt». Den Einwand, dass jeder Hotelier frei ist, die Verträge mit den Plattformen zu kündigen, hält Bischof für nicht stichhaltig. «Ich bin auch für Vertragsfreiheit, aber die Grenze dieser Freiheit ist erreicht, wo der Wettbewerb nicht mehr spielt.» Christophe Hans von Hotelleriesuisse haut in die gleiche Kerbe: Ein Hotelier habe gar nicht mehr die Wahl, ob er auf Booking sei oder nicht, sagt Hans. «Die Plattform ist so dominierend geworden, dass der Markt nicht mehr funktioniert.»

Tatsächlich bewegt sich der Hotel-Onlinemarkt europaweit auf ein Duo- oder gar Monopol zu. Professor Roland Schegg von der Walliser Hochschule für Wirtschaft und Tourismus kommt in einer aktuellen Marktstudie zum Schluss, dass in der Schweiz 2015 bereits 20,6 Prozent aller Übernachtungen über Buchungsplattformen verkauft wurden. Davon wiederum deckt ein Konzern — Priceline mit Booking.com und Agoda — 71,3 Prozent ab. Neben dem Marktführer können sich nur Expedia und HRS einigermassen behaupten. Schegg geht davon aus, dass der Marktanteil der Plattformen in Zukunft noch viel grösser wird.

Der Trick mit dem Telefon

Auch in anderen Ländern interveniert der Staat. In Deutschland gab es Entscheide des Bundeskartellamts und des Oberlandesgerichts Düsseldorf gegen einzelne Online-Plattformen. Frankreich hat 2015 die Preisparitätsklauseln per Gesetz verboten. Laut Angaben von Hotelleriesuisse gibt es derzeit auch in Italien und Österreich vergleichbare gesetzgeberische Bestrebungen. Auch aus diesem Grund müsse der Bund aktiv werden, sagt Bischof. Andernfalls erleide die Schweizer Hotelbranche einen weiteren Wettbewerbsnachteil gegenüber ihrer europäischen Konkurrenz.

Ausser auf die Politik hofft die Hotelbranche auf ihre Gäste. Hinter vorgehaltener Hand geben Hoteliers folgenden Tipp ab: Am besten informiere der Gast sich auf Booking.com über verfügbare Zimmer, buche dann aber telefonisch oder per Mail direkt beim Hotel. So spart sich der Hotelier die Kommission und der Gast kann vielleicht einen Rabatt herausschlagen. Anders als auf der Hotel-Website seien Rabatte am Telefon in den «Knebelverträgen» nicht verboten.

Video – dieses Hotel setzt auf Roboter:

Erstellt: 04.10.2016, 22:04 Uhr

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