Politstrategie gegen Shitstorms

Es schadet der Demokratie, wenn Social Media zum politischen Scharfrichter gemacht werden.

Tamy Glauser wurde mittels Shitstorm aus der Politik gedrängt. Ihre Partei hätte sie besser schützen sollen. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Tamy Glauser wurde mittels Shitstorm aus der Politik gedrängt. Ihre Partei hätte sie besser schützen sollen. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Shitstorms sind keine Demokratie», rief der deutsche Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble letzten September jungen Menschen im bundesdeutschen Bildungsministerium zu. Engagiert euch real, nicht per Mausklick, wollte er ihnen vermitteln.

Doch was ist, wenn Politiker selber im Shitstorm mitmischen wie im Fall von Tamy Glauser? Bei diesem Sturm der Entrüstung kann man vermutlich von einem Orkan sprechen. Vor ein paar Jahren stellten die Social-Media-Experten Daniel Graf und Barbara Schwede eine Shitstorm-Skala vor, angelehnt an der Beaufort-Windskala. Shitstorm Stufe 6: ungebremster Schneeballeffekt mit aufgepeitschtem Publikum. Tonfall: aggressiv, beleidigend, bedrohend, intensive Berichterstattung in allen Medien – ein Orkan.

Der Protest formierte sich innert weniger Stunden

Als relevant für die Heftigkeit eines Shitstorms stuften die beiden ein, wie gut und schnell sich die Protestgruppe vernetzt. Eine Schlüsselrolle spielen die Medien und wie intensiv darüber berichtet wird. Wirklich entscheidend ist aber der Wolfsrudeleffekt in der Community: Beisst sie zu oder lässt sie das Opfer laufen? In Glausers Orkan kam alles zusammen.

Wie stark die Community zubiss, sieht man daran, dass Glausers Entschuldigung für ihre Veganerblut-Aussage keine Wirkung erzielte. Die Beschimpfungen gingen weiter. Kieferklemme. Dann beendete die ehemalige Nationalratskandidatin der Grünen den Shitstorm vorzeitig. Andere Politiker haben Holocaust-Referenzen zu Fall gebracht. Bei Tamy Glauser war es ihre völlig verunglückte Äusserung zum Veganismus.

Die Empörung darüber war aber nicht die einzige Ursache für die Heftigkeit des Sturms. Die Protestgruppe formierte sich in diesem Fall nur Stunden nach Bekanntmachung der Kandidatur. Das erklärt sich aus Glausers Prominenz und ihren realistischen Chancen. Deswegen standen die politischen Gegner sofort bereit. Eine breitere Masse zog nach, weil Glauser, auch ohne dass sie etwas Falsches sagt, provoziert: als Veganerin, Lesbe, Model und Frau.

Es braucht ungewöhnliche Kandidaten

Eine Lesbe, die sich geoutet hat, politisiert bisher keine im Bundeshaus, und internationale Models gibt es in der ganzen Schweiz kaum. Dass Politikerinnen heftiger – und meist sexuell konnotiert – angegangen werden, ist bekannt. Egal auf welcher politischen Seite sie stehen: «Es wird ganz gezielt auf die Frau gespielt», sagte am Mittwoch die Aargauer SVP-Nationalratskandidatin Martina Bircher gegenüber «Blick». «Wir provozieren leider auch, weil wir Frauen sind.» Sie selber blende die Beleidigungen aus, sagte Bircher. Solche Angriffe können ein Mittel sein, um politische Gegnerinnen aus der Politik zu drängen.

Doch wenn Shitstorms nun zur Politstrategie gehören, müssen die Parteien sich besser darauf vorbereiten. Sie sollten kritische Kandidaturen strategisch begleiten und das Thema an-gehen. Denn an vielen Menschen in diesem Land, die sich aktuell vielleicht gerade das erste Mal in ihrem Leben den Ruck gegeben haben, sich auf eine Nationalratskandidatenliste setzen zu lassen, ist dieser Shitstorm wohl nicht spurlos vorbeigegangen.

Wer will sich schon im Auge eines solchen Orkans wiederfinden? Es wäre fatal, wenn valable Kandidatinnen schon im Vorfeld durch diese Angst abgeschreckt würden. Ungewöhnliche Kandidaten mit neuen Perspektiven braucht es in einer Demokratie. Auch wenn sie Reizfiguren sind.

Erstellt: 17.08.2019, 10:32 Uhr

Artikel zum Thema

Tamy Glauser zieht Nationalratskandidatur zurück

Überraschung bei den Grünen: Das Model nimmt sich selbst aus dem Rennen für die Wahlen im kommenden Herbst. Mehr...

Der grosse Shitstorm

Die ehemalige Nationalratskandidatin Tamy Glauser über den Shitstorm, der ihre Kandidatur beendete – zur Freude der politischen Konkurrenz. Mehr...

Tamy und die alten Männer

Kommentar Das Model äussert sich zu seinem Shitstorm – und zeigt, dass es die Dynamik medialer Öffentlichkeit nicht versteht. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Die Schweiz zum halben Preis entdecken

Exklusiv und nur für kurze Zeit: Mobility-Testabo für 43 Franken inkl. gratis Hotelcard!

Die Welt in Bildern

Zeigen Flagge: Luftaufnahme der Flaggen-Zeremonie für die Olympischen Jugendspiele, die 2020 in Lausanne stattfinden werden. (19. September 2019)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...