Poller gegen Bomben

In der Schweiz dauert alles ein bisschen länger: Die Sicherheit des Bundeshauses wird für 5 Millionen Franken verbessert.

Die Vorderseite des Bundeshauses ist sehr verwundbar und soll besser geschützt werden. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Die Vorderseite des Bundeshauses ist sehr verwundbar und soll besser geschützt werden. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am 14. Juli 2016 raste in Nizza ein islamistischer Attentäter mit einem Lastwagen in eine Menschenmenge und tötete 86 Menschen. Schon damals riefen Nationalräte wie Walter Müller (FDP) und Jakob Büchler (CVP) dazu auf, das Bundeshaus gegen solche LKW-Anschläge zu schützen. Doch die Parlamentsdienste sahen noch keinen Handlungsbedarf. Jetzt hat sich ihre Lageanalyse verändert. Wie erst jetzt publik wird, hat die Verwaltungsdelegation des Parlaments schon im November 2018 den Auftrag erteilt, ein Schutzkonzept für den Haupteingang des Parlamentsgebäudes zu erarbeiten.

Inzwischen liegt dieses Konzept vor, wie Radio SRF berichtet. Zwischen Parlamentsgebäude und Bundesplatz sollen Poller aufgebaut werden, voraussichtlich Granit, wie Mark Stucki von den Parlamentsdiensten bestätigt. Die Poller sollen verhindern, dass Fahrzeuge in das Gebäude rasen können.

Eine Lösung mit versenkbaren Metallpfosten wurde aus Gründen des Denkmalschutzes verworfen. Noch diesen Herbst soll die Verwaltungsdelegation definitiv grünes Licht für die Ausführung geben. Dann wird das Parlament bei der Stadt Bern das offizielle Baugesuch einreichen. Montiert werden sollen die Poller im Frühjahr 2020.

Das Bundeshaus sei «ein Symbol» und könnte daher besonders attraktiv sein für einen Attentäter.Florian Näf, Fedpol-Sprecher

Heute ist die Vorderseite des Parlamentsgebäudes sehr verwundbar, wie sogar Laien unschwer erkennen können. Zwar macht der Bundessicherheitsdienst eine Zugangskontrolle für alle Besucher und röntgt auch deren Gepäck. Diese Sicherheitsmassnahmen wurden eingeführt, nachdem im September 2001 der Attentäter Friedrich Leibacher in das Zuger Kantonsparlament hineinmarschiert war und dort 14 Menschen erschossen hatte.

Gegen schwerere Angriffe mit Fahrzeugen gibt es im Bundeshaus jedoch bis jetzt kaum Schutz. Wenige Meter vor dem Gebäude verläuft eine öffentliche Strasse, die Bundesgasse. Von dieser können Fahrzeuge ohne jedes Hindernis auf das Trottoir und das Parlamentsgebäude zusteuern. Die grossen Eingangstüren sind aus Holz und Glas. Das bedeutet, dass ein mit Sprengstoff beladener Lastwagen durch die Tür in die ebenerdige Eingangshalle des Bundeshauses rasen und dort seine Bombe zünden könnte – unmittelbar unter dem Ständeratssaal.

Es war das Bundesamt für Polizei (Fedpol), das den Parlamentsdiensten empfohlen hat, die Sicherheit zu verbessern, wie Fedpol-Sprecher Florian Näf bestätigt. «Wir analysieren die Gefährdungslage für die Bundesbauten laufend.» Das Bundeshaus sei «ein Symbol» und könnte daher besonders attraktiv sein für einen Attentäter.

An der Hinterseite wird bereits gearbeitet

Hinzu kommt, dass das Bundeshaus immer mehr Besucher anzieht. Allein in den letzten zehn Jahren hat sich die Besucherzahl auf rund 100’000 pro Jahr verdoppelt. Auch immer mehr ausländische Parlamentsdelegationen und Staatsgäste besuchen das Parlamentsgebäude, im letzten Juni etwa US-Aussenminister Mike Pompeo. Solche Gäste würden immer wieder ihr Erstaunen äussern, wie nahe Passanten und Autos sich dem Schweizer Parlament annähern könnten, so der Fedpol-Sprecher.

Doch das Parlament rüstet nicht nur auf seiner Vorderseite auf, sondern auch auf seiner Rückseite – und hier sind die Bauarbeiten bereits im Gang. Auf der Rückseite befindet sich der Besuchereingang, der erst 2008 aufwendig neu gestaltet wurde. Jetzt wird dieser Bereich bereits wieder für 5 Millionen Franken umgebaut – ebenfalls aus Sicherheitsgründen. Bis Anfang September sollen diese Bauarbeiten abgeschlossen sein.

Auch Medienzentrum ist geschützt

Auf dieser Seite des Gebäudes droht zwar weniger Gefahr durch fahrende Bomben, aber von möglichen Attentätern zu Fuss, die direkt in die grosse Empfangshalle spazieren könnten und erst dann dem bewaffneten Sicherheitspersonal gegenüberstünden. Zu einer heiklen Situation kam es an dieser Stelle etwa im Oktober 2015, als sich ein verzweifelter Syrer vor dem Eingang mit einer brennbaren Flüssigkeit überschüttete und anzuzünden drohte.

Erst vor wenigen Monaten wurden auch im Medienzentrum des Bundes, das gegenüber dem Bundeshaus liegt, zusätzliche Sicherheitsinstallationen eingebaut. Sie sollen verhindern, dass mögliche Attentäter während einer Pressekonferenz des Bundesrats in das Gebäude stürmen und einen Anschlag verüben.

Erstellt: 24.08.2019, 11:27 Uhr

Artikel zum Thema

Parlamentarier warnen vor «fahrenden Bomben», die ins Bundeshaus rasen können

Nach dem Attentat von Nizza fordern Sicherheitspolitiker, eine Verkehrssperrung um das Parlament zu prüfen. Mehr...

Nizza-Attentäter hatte Komplizen – Tat monatelang geplant

Eine Frau und vier Männer sollen dem 31-Jährigen geholfen haben. Ein Verdächtiger soll ihm die Pistole besorgt haben. Mehr...

«Dann ist er direkt durch unseren Glühweinstand gefahren»

Ein Jahr nach dem Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt: Betroffene berichten über traurige Erinnerungen und entwürdigende Erlebnisse auf Ämtern. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Blog

Kommentare

Paid Post

Die Schweiz zum halben Preis entdecken

Exklusiv und nur für kurze Zeit: Mobility-Testabo für 43 Franken inkl. gratis Hotelcard!

Die Welt in Bildern

Im Wiederaufbau: Das Sonnenlicht am frühen Morgen scheint auf die Kathedrale Notre-Dame in Paris. (16. September 2019)
(Bild: Ian Langsdon) Mehr...