Preisfrust: Bauer holzt 2500 Kirschbäume ab

Die Wettbewerbsbedingungen für Kirschenbauern werden immer schlechter. Jetzt hat Lukas Zeller zur Kettensäge gegriffen.

Landwirt Lukas Zeller vom Hof Sonnenberg in Känerkinden rodet seine 3,5 Hektaren grosse Kirschbaumplantage und wird künftig Getreide anbauen. Video: Daniel Wahl

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Noch längst sind nicht alle Baselbieter Kirschen über die Ladentheken gegangen. Und für ein Drittel seiner gepflückten und abgelieferten Früchte hat Landwirt Lukas Zeller keine Abrechnung erhalten. Aber schon steht vor den Eingängen von Lidl und Aldi billige Importware aus der Türkei. Das kann eigentlich nur eines bedeuten: Die teureren Schweizer Kirschen sollen gar nicht mehr verkauft werden. Der Handel bleibt auf seinen Früchten hocken, und Zeller erwartet weitere Abzüge auf den Überschüssen. Für ihn bedeutet das einmal mehr Mindereinnahmen in der Höhe von Zehntausenden von Franken.

Jetzt ist dem Kirschenbauern vom Hof Sonnenberg in Känerkinden, den Fernsehzuschauer von «Bauer, ledig, sucht» kennen, der Geduldsfaden gerissen. Er startete in diesen Tagen nach der Ernte das grösste Kirschbaummassaker, welches das Baselbiet gesehen hat. Zeller verabschiedet sich vom Obstbaumgeschäft und rodet seine 3,5 Hektaren grosse Plantage; ein Grossteil seiner 2500 Kirschbäume liegt bereits am Boden und verdorrt.

Ein Grossteil der Bäume liegt bereits am Boden. Foto: Daniel Wahl

Der radikale Schnitt, die Trennung vom Familiengeschäft, ist ihm offenbar nicht leicht gefallen. «Ich rang mit dem Entscheid und hatte einige schlaflose Nächte», sagt er. Aber in den letzten Jahren verliere er jede Saison rund 30’000 Franken. Dies, obwohl er seine Hausaufgaben gemacht habe. Zeller setzte konsequent auf grosse Früchte und pflanzte Sorten wie Kordia, Regina, Vanda und Oktavia. In den letzten drei Jahren schnitt er die Bäume zurück und senkte den Ertrag auf 13 Tonnen pro Hektare, damit die Kirschen noch grösser und schöner werden. Wie es der Detailhandel verlange, wie es angeblich der Kunde haben wolle.

Aber wiederum haben die Detailhändler die Annahmebedingungen verschärft. Früchte von 22 bis 24 Millimeter Durchmesser werden zwar angenommen, aber ab nächstem Jahr nicht mehr ausbezahlt. Und wenn im Verkauf Aktionen geplant werden, müssen die Bauern daran partizipieren. «Bislang waren das 20 Rappen pro Kilo, heute ist es nach oben offen. In diesem Jahr wurden 45 Rappen vereinbart», sagt Zeller.

Druck auf Produzenten

Für Hansruedi Wirz, Alt-Landrat und Präsident Produktzentrum Kirschen/Zwetschgen, ist das Kirschbaummassaker zu Känerkinden ein Stich ins Herz. «Das ist keine gute Visitenkarte fürs Baselbiet», sagt er. «Es ist aber auch eine Realität, dass die Kunden nach immer grösseren Kirschen verlangen.» Darauf müsse man als Produzent reagieren.

Nach wie vor glaubt Wirz, dass die Schweizer Kirsche konkurrenzfähig ist und das Abholzen der Plantage in Känerkinden unnötig. Aber er räumt auch ein, dass der Druck auf die Bauern weiter zugenommen hat. Der Obstverbandspräsident vergleicht: In der Schweiz werden 500 Hektaren Kirschen angebaut, in Chile 40’000 Hektaren. Dort werde auf Grösse gesetzt. Dort gibt es andere Pestizidbestimmungen. Dem Kunden sei es jedoch völlig egal, woher die Kirschen kommen. «Von Klimabewusstsein beim Konsumenten spüren wir leider gar nichts.»

In den vergangenen Jahren hätten die landwirtschaftlichen Zentren den Anbau von Kirschen propagiert, kritisiert Zeller. Auf Empfehlung wurden so 130 zusätzliche Hektaren in der Schweiz geschaffen. «Jetzt haben wir eine Überproduktion, und das führt zur Rosinenpickerei im Detailhandel», erklärt er. Jedenfalls habe er die Erfahrung gemacht, dass schon bei der optischen Beurteilung hochwertige Posten willkürlich kommissioniert und zu Brennkirschen deklassiert wurden.

Schwierigere Saison

Ein weiteres Problem sei der immer frühere Import von Kirschen aus dem Ausland. Wenn die Baselbieter Frucht auf den Markt komme, sei dieser bereits gesättigt, die Bevölkerung habe ihre Lust am Saisonprodukt bereits gestillt.

Obstbauer Wirz lässt sich in diesem Zusammenhang nicht vorwerfen, die Aufgaben als Verband ungenügend gemacht zu haben: «Wir können die Importmenge durch die Anhebung von Zöllen zwischen 15. Mai und 31. August beeinflussen, aber nur, wenn genügend Schweizer Kirschen auf dem Markt sind», sagt er. Jedoch sei es unmöglich, den Detailhändlern vorher oder nachher den Import und Verkauf von Kirschen zu verbieten. Die Verschärfung der Marktsituation in diesem Jahr bestätigt aber auch er: Wegen der Hitze seien Ende Juni zu wenig Schweizer Kirschen marktreif gewesen. Das habe dazu geführt, dass zusätzliche Mengen aus dem Ausland auf den Markt gelangten, während Baselbieter Kirschen dann in grösseren Mengen in die Läden gekommen sind, als die Schweizer sich in die Sommerferien verabschiedet haben.

Wie im Krieg

Optimierungspotenzial sieht Wirz beim Verkauf der Kirschen. Sie müssten in den Läden besser platziert werden. Denn Kirschen würden spontan gekauft – wenn sie einen anlachen. Der Konsument setzte das Produkt nicht auf den Einkaufszettel, dort heisse es einfach «Früchte». Es gelte also, die Kirsche besser zu bewerben.

«Draussen, in der Plantage, sieht es aus wie im Krieg», sagt Lukas Zellers Mutter, während sie auf dem Hof Sonnenberg frisches Brot aus dem Ofen zieht. Wo bis heute Kirschbäume blühten, soll künftig Getreide gedeihen. Und vielleicht säe er noch eine Bienenweide mit Blumen an, sagt Zeller. Das gibt ebenso Subventionen wie auch die Hochstamm-Kirschbäume, die Zeller stehen gelassen hat. Ernten lässt er diese stolzen Bäume, die das Baselbieter Landschaftsbild prägen, schon lange nicht mehr.

Erstellt: 12.08.2019, 11:49 Uhr

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