Private sollen Schädlinge bekämpfen

Eingeschleppte Pflanzen und Tiere bedrohen die Biodiversität der Schweiz. Der Bund will diese Arten nun wirksamer bekämpfen und auch Grundstückbesitzer in die Pflicht nehmen.

Der Asiatische Laubholzkäfer – Anoplophora glabripennis – hat es auf einheimische Laubbäume abgesehen. Foto: Wikimedia

Der Asiatische Laubholzkäfer – Anoplophora glabripennis – hat es auf einheimische Laubbäume abgesehen. Foto: Wikimedia

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Diese Einwanderer sind unerwünscht. Der Asiatische Laubholzbockkäfer zerstört einheimische Laubbäume, der Götterbaum schwächt den Schutzwald, die Körbchenmuschel verstopft Wasserleitungen. Das sind nur drei Beispiele aus einer Liste von mehr als 100 invasiven gebietsfremden Arten, die der Bund als problematisch einstuft. Sie alle sind, ob absichtlich oder nicht, eingeschleppt worden – eine Folge der fortschreitenden Globalisierung.

Die Politik hat das Problem erkannt. Bereits haben verschiedene Kantone Aktionspläne verabschiedet – unkoordiniert allerdings. An diesem Punkt setzen der Bundesrat und das Parlament an. Eine nationale Strategie soll die Verantwortlichkeiten zwischen Bund und Kantonen klären und die nötigen Massnahmen koordinieren. Ausgearbeitet hat den Entwurf das Bundesamt für Umwelt (Bafu). Die Experten im Departement von Bundesrätin Doris Leuthard (CVP) wollen auch Private in die Pflicht nehmen. So sollen Grundstückeigentümer und -bewirtschafter sicherstellen, dass sich auf ihrem Boden keine invasiven Arten ansiedeln und ausbreiten. Dem Bundesrat, heisst es im Entwurf, sei die Kompetenz einzuräumen, «Private zu entsprechenden Massnahmen auf ihrem Grundstück verpflichten zu können». Hierfür seien Anpassungen der Rechtsgrundlagen nötig.

Finanzierung umstritten

Bei den Kantonen kommt der Vorschlag gut an. Die Bündner Regierung etwa begrüsst ihn ausdrücklich. Der Umweltverband Pro Natura indes hält die Idee für «unrealistisch», da die Strategie keine Kontrollen und Sanktionen für Fehlbare formuliere. Davon abgesehen, sagt Sprecher Roland Schuler, fehlten den Privaten oftmals die Kenntnisse, um solche Arten überhaupt zu erkennen.

Die Anhörung zum Entwurf ist gestern zu Ende gegangen. Kantonale Fachstellen und Umweltverbände begrüssen zwar die Stossrichtung im Grundsatz. Gleichwohl gibt es Streitpunkte. So fehlt zum Beispiel eine Priorisierung der Lebensräume, in denen die Bekämpfung erfolgen soll.

Umstritten ist schliesslich die Frage der Finanzierung. Der Entwurf rechnet in den nächsten zehn Jahren mit jährlich wiederkehrenden Zusatzkosten von je 6,5 Millionen Franken für Bund und Kantone. Keine Aussage macht die Strategie jedoch darüber, woher das zusätzlich benötigte Geld stammen soll. Pro Natura sieht darin ein entscheidendes Versäumnis. Die Umweltorganisation warnt davor, die Mittel den laufenden Naturschutzbudgets des Bundes und der Kantone zu entnehmen. «Sonst werden wichtige Bereiche noch stärker vernachlässigt als heute schon», sagt Sprecher Roland Schuler. Als Beispiel nennt er den Schutz der wichtigsten Lebensräume, wozu etwa Moore und Auen gehören.

Eine Bafu-Sprecherin sagt, die Auswertung der Anhörung werde zeigen, ob der politische Wille bestehe, die zusätzlichen Kosten zu tragen. Die Umweltverbände befürchten, dass der Bund und die Kantone den Geldhahn geschlossen lassen, weil die Finanzlage angespannt ist. So hat der Bund in der Rechnung 2014 erstmals seit 2005 wieder rote Zahlen geschrieben. Für das nächste Jahr ist ein milliardenschweres Sparpaket geplant. Auch die Mehrheit der Kantone rechnet 2016 mit Defiziten.

Schäden bis 1 Milliarde Franken

Ein Zuwarten bleibt nicht folgenlos, sondern verteuert die Bekämpfung – darin sind sich Fachleute einig. In der EU werden die ökologischen und ökonomischen Folgekosten invasiver Arten auf mindestens 12 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt, Tendenz steigend. Auch der Bund hat Berechnungen erstellt. Allein eine unkontrollierte Ausbreitung des Schmalblättrigen Greiskrauts, einer Pflanze mit einem für Mensch und Tier schädlichen Giftstoff, kann eine folgenschwere Kettenreaktion auslösen, wie das Bundesamt für Bevölkerungsschutz darlegt. So ginge im besagten Fall der ­Ertrag von Wiesen und Weiden zur ­Herstellung von Milchprodukten und Fleisch zurück. Insbesondere könnte kein Heu mehr bereitgestellt werden, da den Tieren, die diese Pflanze fressen, Vergiftungen drohten. In Milch, Honig oder Fleisch könnte das Gift zudem vereinzelt die Grenzwerte überschreiten. Die entsprechenden Lebensmittel müssten aus dem Verkehr gezogen werden, was bei betroffenen Produzenten zu Umsatzeinbussen führte. Dazu kämen teure Massnahmen zur Überwachung und Bekämpfung der Pflanze. Unter dem Strich ergäbe dies stattliche Kosten: Die Bundesexperten beziffern sie im besagten Fallbeispiel auf bis zu 1 Milliarde Franken.

Erstellt: 16.10.2015, 19:46 Uhr

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