Problem Winterstrom

Befürworter der Energiestrategie sagen, es gebe genug Projekte, um die Ziele für die neuen erneuerbaren Energien zu erreichen. Offen ist, ob dies auch im Winter reicht.

Das grösste Sonnenkraftwerk der Schweiz: Fotovoltaikanlage auf dem Mont Soleil im Kanton Bern. Foto: Raisa Durandi

Das grösste Sonnenkraftwerk der Schweiz: Fotovoltaikanlage auf dem Mont Soleil im Kanton Bern. Foto: Raisa Durandi

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Vor diesem Szenario haben die AKW-Befürworter bereits vor der Abstimmung über die Atomausstiegsinitiative im letzten November gewarnt: Die Schweiz müsse klimaschädlichen Kohlestrom importieren, sollte sie den Atomausstieg wagen. Auch die Energiestrategie 2050, über die das Stimmvolk am 21. Mai befindet, sieht langfristig die Abkehr von der Atomenergie vor, freilich ohne fixe ­Abschaltdaten vorzuschreiben. Das Ausstiegstempo ist also weniger forsch als bei der Volksinitiative vom November, die Warnung bleibt aber dieselbe: «Das Energiegesetz führt zu vermehrtem ­Import von Kohlestrom.»

Damit wollen die Gegner der Energiestrategie andeuten, dass der Richtwert für die neuen erneuerbaren Energien im Energiegesetz zu Versorgungsproblemen führt. Gemäss diesem Richtwert sollen ab 2035 in der Schweiz mindestens 11,4 Terawattstunden Strom pro Jahr aus neuen erneuerbaren Energiequellen stammen. Das ist gut ein Fünftel der heutigen Stromproduktion. Der jeweilige Anteil der einzelnen Energiequellen wird dabei nicht spezifisch ­festgehalten. Im Gegensatz zu den ­unverbindlichen Potenzialschätzungen des Bundes für jeden einzelnen Energieträger für das Jahr 2050.

Die Förderung beschleunigen

Dass dieser Richtwert durchaus realistisch sein kann, zeigen die Energiezahlen für Fotovoltaik-, Wasserkraft- und Biomasse-Anlagen, die der Bund durch die kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) in den letzten Jahren subventioniert hat. Schon heute produzieren diese Energiequellen ein Viertel des Richtwerts. Zählt man jene Energie­projekte hinzu, die zwar noch nicht ­realisiert wurden, aber bereits einen positiven KEV-Finanzierungsentscheid erhalten haben, könnte mehr als ein Viertel der Kernkraftwerke ersetzt werden. Die Rechnung stimmt sogar, wenn man die Realisierung der geplanten Windprojekte konservativ schätzt: Rund 40 Prozent der Vorhaben, die KEV-­finanziert sind, werden laut Bundesamt für Energie nicht verwirklicht.

Infografik: So könnten neue erneuerbare Energien die Atomkraftwerke ersetzen Grafik vergössern

Würden alle gut 38'000 Gesuche auf der Warteliste Wirklichkeit, wäre die Energievorgabe bis 2035 bereits erfüllt. Mit anderen Worten: Es gibt theoretisch genügend Projekte, um den Richtwert des neuen Energiegesetzes zu erreichen. Eine dominante Rolle spielt dabei die Fotovoltaik, gefolgt von der Kleinwasserkraft. Notwendig wäre, den heute mageren Anteil der Windenergie zu steigern, weil diese im Winter am meisten Strom produzieren. Falls das Volk das Energiegesetz im Mai annimmt, wird die KEV ausgebaut, was die Förderung erneuerbarer Energien beschleunigen würde. Es ist jedoch heute laut Bundesamt für Energie schon sicher, dass nicht alle Anlagen auf der Warteliste finanziell gefördert werden können. Doch sind sich Energiefachleute einig darin, dass sich schon in wenigen Jahren der Bau von Fotovoltaik auch ohne Subventionen lohnen kann.

Abhängig von Wind und Wetter

Irene Aegerter, Physikerin und Präsidentin des Nein-Komitees «Energiegesetz – so nicht» ist dennoch skeptisch. Die Kernkraftwerke könnten nicht vollständig durch dezentrale, nicht ständig verfügbare Energie ersetzt werden, erklärt sie. Es brauche diese Bandenergie, die rund um die Uhr eine Grundlast garantiere. Sie zweifelt daran, dass Foto­voltaik- und Windkraftanlagen im Winter genügend Strom produzieren. «Die Tag- und Nachtschwankungen können im Sommer mit Batterien ausbalanciert werden, aber was ist im Winter, wenn bei Spitzennachfrage die Sonne zu wenig scheint?», fragt sie. Dann könnten nur Importstrom oder inländische Gaskraftwerke die Nachfrage decken.

Welchen Weg die Schweiz gehen wolle, sei politisch noch gar nicht richtig diskutiert worden. Einen Plan B hat sie aber nicht. Nur so viel: «Wir müssen alles daran setzen, die Wasserkraft zu retten, sie ist unser Rückgrat», sagt sie.

Nicht alle Anlagen auf der Warteliste werden finanziell unterstützt.

Pumpspeicherkraftwerke, die derzeit wegen der gehandelten tiefen Strompreise kaum mehr rentabel sind, werden denn auch eine wichtige Energiespeicherfunktion haben, wenn der Anteil an Solar- und Windstrom in der Schweiz grösser wird. «Ich gehe davon aus, dass sie wieder rentabel betrieben werden können, sobald grössere Speicherkapazitäten im Netz notwendig werden», sagt Andrea Vezzini, Energieexperte an der Fachhochschule Bern. Das sei aber nicht vor 2025 zu erwarten und hänge stark von der Ausbaugeschwindigkeit der erneuerbaren Energien ab.

Um die Stromversorgung in der Schweiz in einem dezentralen Netz langfristig zu garantieren, braucht es weitere Speichertechnologien wie Batterien im Haus, Grossbatterien oder die Akkus in Elektroautos. «Ein Einsatz ist jedoch erst nach 2035 zu erwarten», so der Berner Energieexperte. Somit wird in den nächsten Jahren die Stromproduktion im Zentrum der Politik bleiben. Hier ist auch Vezzini skeptisch, ob die Schweiz im Winter genügend Energie produzieren kann. Das notwendige Potenzial für Windkraft sei zwar vorhanden, aber er zweifelt an der Akzeptanz in der ­Bevölkerung. Zudem seien zusätzliche Pumpspeicherprojekte aus Kostengründen auf Eis gelegt. «Wir müssen uns letztlich entscheiden, wie viel wir selber produzieren oder importieren wollen», sagt der Energieexperte.

Intelligentes Strommanagement

Vezzini kann sich vorstellen, bei Bedarf Gas- und Dampfkraftwerke (GuD) einzusetzen. Infrage kämen auch Wärmekraftkopplungen (WKK), die lokal mit Gas­motoren Strom und Wärme im Winter produzieren. Der Fokus liege stets zu stark auf der Stromproduktion. Aus klimapolitischer Sicht sind fossile Kraftwerke oder WKK auf den ersten Blick nicht opportun. «Wenn mit solchen Anlagen Strom für Wärmepumpen produziert wird, die anstelle von Ölheizungen in Betrieb gehen, dann kann die CO2-Bilanz durchaus positiv sein», sagt Vezzini.

Die Energiestrategie des Bundesrats hält der Berner Energiewissenschaftler dennoch für richtig: «Die Abstimmung ist deshalb wichtig, damit wir politisch endlich wissen, was die Rahmenbedingungen sind, und die Akteure in der Energiebranche ihre Lösungen präsentieren können.» Die Netzbetreiber stellen sich laut dem Energieexperten ­allmählich auf den Umbau des Ver­sorgungssystems ein.

Kohleanteil sinkt

Bleibt letztlich immer noch die Frage, ob der Umbau der Stromversorgung auf ­dezentrale Energie tatsächlich zu mehr Stromimport führen wird. Genau weiss das niemand. «Künftig wird es ein intelligentes Strommanagement geben, das alle Energiearten im Netz optimal koordinieren wird», sagt Harald Graf, Pressesprecher des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich EWZ. Wichtig sei jedoch die Anbindung an das europäische Stromnetz. Nur so könne die Netzstabilität gesichert werden.

Wie gross der Importstrom dabei auch sein wird: Nimmt man die Entwicklung der letzten Jahre in der Europäischen Union zum Massstab, dann scheint der Kohleanteil immer kleiner zu werden. Im vergangenen Jahr betrug der Beitrag in Europa 21,6Prozent der Stromproduktion – Tendenz sinkend. «Kohle wird in Europa immer mehr durch erneuerbare Energie ersetzt», sagt Aeneas Wanner von Energie Zukunft Schweiz, einem Verein, der Energieversorger und Organisationen berät. Der Anteil von Wind- und Solarstrom an der gesamten Strom­produktion in der EU betrug im letzten Jahr bereits knapp 30 Prozent.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.04.2017, 14:47 Uhr

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