Was Schweizer über Heimat denken

72'000 Besucher haben einem Museum Fragen zur Heimat beantwortet. Die Auswertung zeigt: Das Konzept der Schweiz als Heimat ist wandelbar geworden.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Unser aller Heimweg führt in den Aargau. Dorthin, wo sich die Schweiz so zeigt, wie sie ist: durchschnittliche Agglomeration. An beigen Wohnblocks, schmutzigem Schnee am Strassenrand und Autos vorbei, die auch dann vor dem Fussgängerstreifen halten, wenn ihnen die Ampel grünes Licht gibt, gelangt man vom Bahnhof Lenzburg zum Stapferhaus, Ringstrasse West. Ein Riesenrad steht vor der einstigen Kaserne, das Gelände ist teilweise eingezäunt. Hier wird seit bald einem Jahr in einer Ausstellung eine grosse Frage verhandelt. Was ist das überhaupt, Heimat? Und was bedeutet sie den Schweizerinnen und Schweizern?

Alltäglich und doch unbestimmt. Das Wort Heimat wirkt oft zu gross geraten. Als wolle man damit etwas sagen, ohne es recht ausdrücken zu können. Du weisst schon – das Eigene, Vertraute, an dem das Herz hängt.

Ein Gefühl lässt sich vermarkten

Es ist ein Gefühl, und es lässt sich vermarkten. Gerade ist Beat Feuz zum Botschafter des Emmentals ernannt worden: Der Skirennfahrer repräsentiere seine Heimat durch seine sympathische und bodenständige Art, schrieb der regionale Tourismusverband. Dass Feuz seit Jahren in der Nähe von Innsbruck lebt (ausgerechnet in Österreich!), spielt keine Rolle. Heimat ist mehr als der Wohnort.

Wer Rösti mag, für den steht die Gemeinschaft zuoberst.

Ein «Stück Heimat» wollte auch das Nationalgetränk Rivella, ein echtes Schweizer Produkt, den Sportlerinnen und Sportlern in Pyeongchang vermitteln. Für die Olympischen Spiele in Südkorea hatte das Unternehmen eine Limited Edition produziert. «Die meisten Athleten sind mit Rivella gross geworden», erklärte der Geschäftsleiter in einem Interview mit der «Coop-Zeitung». Weil Rivella fast nur in der Schweiz erhältlich sei, mache das «Herrn und Frau Schweizer ein wenig stolz: Es ist quasi ihr eigenes Getränk.»

Der eigene Garten

Der Begriff Heimat lässt sich ja auch gut politisch aufladen: In Deutschland wird Horst Seehofer, der bayerische CSU-Parteichef, als künftiger Innenminister den neu geschaffenen Zuständigkeitsbereich «Heimat» betreuen. Das Heimatministerium – eine Wortschöpfung wie aus einem «Harry Potter»-Roman oder einem von George Orwell.

Heimat also als eigener Garten, den man pflegen muss? Den man für das schöne Bild herrichtet und, je nachdem, vor Eindringlingen schützen oder aber auch für Auswärtige zugänglich machen will? Das ist eine mögliche Auslegung von Heimat. Die der Werber und Politiker. Eine übergeordnete, jene, die man nach aussen trägt. Aber entspricht sie auch der ganz persönlichen Empfindung von Heimat?

Wie in einem grossen Garten sind auch die verschiedenen weissen Häuschen angeordnet, Schrebergartenhäuschen, ein Raum, eine Tür. Es ist der vierte Posten der Heimatausstellung im Stapferhaus, er heisst «1001 Heimat». In jedem der Häuser erzählt eine Person auf einem Bildschirm davon, was für sie Heimat bedeutet. Eine Amerikanerin, die von ausgewanderten Schweizern abstammt, hat ihr ganzes Leben in den USA verbracht, aber für sie ist Heimat eine Schweizer Spezialität: der Glarner Schabziger, den sie sich oft und gerne über ihr selbst gekochtes Essen reibt. Für einen Appenzeller ist es der Brauch, sich zur Jahreswende als Silvesterklaus zu verkleiden. Für den digitalen Nomaden der nächste Coworking-Space mit Saftbar und Infinity-Pool, für den niedergelassenen Flüchtling die neuen Freunde in der Schweiz – und die Erinnerungen an das alte Land.

Vier Menschen, vier Deutungen

Um genauer zu erfahren, was sich die Schweizer unter ihrer Heimat vorstellen, durften alle Besucher in Lenzburg einen Fragebogen ausfüllen. Bislang haben diesen rund 72'000 Menschen beantwortet. Es ist für die Schweiz eine vergleichsweise hohe Zahl, das Publikum sehr gemischt. Alt und Jung, Stadt und Land. Die Schweiz hat sich in Lenzburg, mitten im Irgendwo, auf die Couch gelegt. Psychoanalyse einer Nation.

Grafik vergrössern

Durch einen Vorhang von den anderen abgeschirmt, sitzt man vor einem Bildschirm und geht die 17 Fragen durch, die einen mit Dingen konfrontieren, die man sonst nicht gross beachtet: Ich fühle mich zu Hause, wo die Gemeinschaft im Vordergrund steht – oder die persönliche Unabhängigkeit. Wenn ich Heimweh habe, sehne ich mich nach einem Menschen – oder einem Ort. Auf einer Skala von null bis zehn: An einem kleinen Ort wird es mir zu eng; Ich habe oft Fernweh; Ich habe oft Heimweh; Ich fühle mich mitverantwortlich dafür, dass Menschen ohne Heimat sind.

Der Auswertung der Antworten liegt das Psychogramm von Fritz Riemann zugrunde. Der deutsche Psychoanalytiker hat 1946 das Institut für psychologische Forschung und Psychotherapie in München mitbegründet. 1961 veröffentlichte er die Studie «Grundformen der Angst», ein Standardwerk, in dem er vier Grundängste ausmacht, die allen Menschen gemein sind – in unterschiedlicher Ausprägung. Die Angst vor der Hingabe haben die Macher der Heimatausstellung in den Begriff Distanz übersetzt, die Angst vor der Selbstwerdung in Nähe, die Angst vor der Veränderung in Dauer und die Angst vor der Notwendigkeit in Wandel.

Im Spannungsfeld dieser vier Merkmale, auf den Achsen Wandel/Dauer und Nähe/Distanz, findet man sich nach der Beantwortung der Fragen als Punkt wieder.

Und jetzt? Empfinden Frauen Heimat anders als Männer? Was sind Unterschiede zwischen jenen vom Land und den Städtern? Zeigen lässt sich dies:

  • Gemeinschaft ist uns wichtiger für das Heimatgefühl als die persönliche Unabhängigkeit.
  • Schweizerinnen streben stärker nach Nähe und Dauer als Schweizer.
  • Städter streben stärker nach Wandel als Leute, die auf dem Land oder in der Agglomeration leben.
  • Heimweh haben die meisten nach Menschen, nicht nach Orten.
  • Das Heimatgefühl verändert sich im Laufe eines Lebens: Sind Freunde und Familie im jungen Alter dafür ausschlaggebend, nimmt diese Empfindung ab dem 18. Altersjahr ab.
  • Je älter man ist, desto eher ist Heimweh an einen Ort gekoppelt.
  • Städter haben öfter Fernweh als jene, die auf dem Land oder in der Agglo leben.
  • Städter fühlen sich stärker mitverantwortlich für die Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten, als jene vom Land oder aus der Agglomeration.
  • Der Rösti-Seafood/Sushi-Graben.
  • Wer Rösti am liebsten mag, für den steht eher Gemeinschaft zuoberst, für Seafood- oder Sushi-Liebhaber eher die persönliche Unabhängigkeit.

Heimat als Konzept

Auf den ersten Blick scheinen die Ergebnisse banal, als etwas, das man schon lange zwar nicht gewusst, aber zumindest vermutet hat. Den Unterschied macht die statistische Datenlage: Zum ersten Mal lassen sich Erkenntnisse benennen, die man nur geahnt hat. So ist beispielsweise interessant, wie die Auswertung die «Stufenleiter des Lebens» abbildet. Die Ortsgebundenheit der Jungen, die relative Ungebundenheit der mittleren Generation, die sich zum Ende hin wieder auf das Kleine, Vertraute verengt.

Dann der Unterschied der Geschlechter: Frauen fühlen sich deutlich mehr verantwortlich für das Schicksal von Migranten, Frauen fühlen sich eher überfordert von der immer schneller drehenden Welt: weil sie empathischer sind? Ängstlicher?

Die gleichen Fragen kann man sich stellen, wenn man den Graben zwischen jenen auf dem Land und jenen in der Stadt anschaut. Es ist der wichtigste Graben in der Schweiz, viel wichtiger als der zwischen Romandie und Deutschschweiz oder zwischen den Generationen. Für die auf dem Land und zu grossen Teilen auch für Bewohner der Agglomeration sind Nähe und Dauer, ist Stabilität wichtiger als für die Städter, sie sind konservativer. Und das lässt sich direkt in die jeweiligen politischen Mehrheitsverhältnisse übersetzen.

«Heimat hatte etwas sehr Selbstverständliches.»Michael Hermann

Für den Politgeografen Michael Hermann, der die Gräben der Schweiz eingehend untersucht hat, zeigt die Auswertung der 72'000 Fragebogen vor allem, wie stark sich der Heimatbegriff in der Schweiz in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt hat.

Heimat, das war bis in die 1990er-Jahre in Filmen zu besichtigen. Alpen, Kühe, Glocken, Idylle auf dem Berg, das Volk der glücklichen Hirten. «Heimat hatte etwas sehr Selbstverständliches», sagt Hermann. Es hatte aber auch immer etwas Ausschliessendes, Ausgrenzendes. Der Bruch kam mit dem Ende des Kalten Krieges und der Aufarbeitung der Schweizer Vergangenheit im Zweiten Weltkrieg. Heimat und ihr Begriff wurden plötzlich miefig, Ideen aus einer unrühmlichen Vergangenheit, und vor allem im politisch linken Spektrum waren viele heimatmüde.

«Seit einiger Zeit entdeckt man das Thema wieder neu», sagt Hermann. Es ist eine andere Art von Heimat, und die Ausstellung in Lenzburg, eine der erfolgreichsten in der Geschichte des Stapferhauses, ist Ausdruck dieses gewandelten Begriffs. Heute ist Heimat nicht per se ein Ort, eine Ursprungsregion. Heute ist Heimat ein Konzept. «Dieser Wandel ist Ausdruck einer allgemeinen Psychologisierung unserer Gesellschaft», erklärt Michael Hermann.

Nichts geht mehr ohne Gefühl. Psychologische Erklärungen, emotionale, würden überall mehr Gewicht erhalten. In der Gesellschaft, in der Politik. «Dinge müssen sich gut anfühlen», sagt Hermann. Man nehme nur die Argumentation im Migrationsthema über die Jahrzehnte: Früher, da warnte man von rechts vor dem Verlust der Heimat, vor der Überfremdung eines Ortes. Berge, Wiesen, Blumen. Heute funktioniert die Argumentation anders: Es geht um angeblichen Dichtestress, ein Unsicherheitsgefühl in den dunklen Orten der Stadt und am Arbeitsplatz, den man an einen Fremden verlieren könnte. «Das Wohlbefinden wird infrage gestellt.»

Nicht mehr erstarrt

Das lasse sich am Heimatbegriff ablesen, wie er im Stapferhaus definiert werde, sagt Hermann. «Im modernen Konzept kann Heimat viel mehr sein. Ein Geruch, ein Mensch, ein Gefühl von Geborgenheit.»

Und weil es so viel mehr ist als einfach ein Ort oder ein Ding, ist Heimat in der heutigen Definition vielschichtiger. Hermann: «Heimat und Identität, und das zeigt die Auswertung von Lenzburg sehr schön, sind Konstrukte. Und darum können sie sich ändern.» Das sei es, was die Schweiz, die moderne Schweiz, ausmache. Dass sie wandelbar sei, nicht erstarrt, dass der Begriff von ihr selber und ihren Bewohnerinnen und Bewohnern immer neue Möglichkeiten in sich trage.

Ein Psychiater würde sagen: Gar nicht schlecht für den Anfang. Mehr in der nächsten Sitzung.

Erstellt: 09.03.2018, 20:22 Uhr

Artikel zum Thema

Umwege in die Heimat

Porträt Der Banjospieler Jens Krüger tritt bei «Viva Volksmusik» auf. Mehr...

Heimat in Flammen

Analyse Der Fotokünstler Danila Tkachenko brennt russische Dörfer nieder. Mehr...

«Sogar der Weihnachtsmann ist politisch aufgeladen»

Interview Er kam als Kriegsflüchtling nach Deutschland – heute ist Saša Stanišic einer der wichtigsten Autoren deutscher Sprache. Mehr...

Ausstellung in Zahlen

90'000
Personen haben die Ausstellung «Heimat. Eine Grenz­erfahrung» besucht. Sie läuft seit dem 11. März 2017 im Stapferhaus in Lenzburg und geht am 25. März zu Ende.

1

Auf seiner Tournee durch die Schweiz hat das Stapferhaus verschiedene Chilbis besucht und die Menschen auf dem Riesenrad zur Heimat befragt. Ein solches, 32 Meter hoch, steht in Erinnerung daran direkt vor dem Kulturzentrum – und ist auch begehbar.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Harter Einsatz: Ein Demonstrant wird in Santiago de Chile vom Strahl eines Wasserwerfers getroffen. Die Protestbewegung fordert unter anderem höhere Untergrenzen für Löhne und Renten, günstigere Medikamente und eine neue Verfassung, die das Grundgesetz aus den Zeiten des Diktators Augusto Pinochet ersetzen soll. (9. Dezember 2019)
(Bild: Fernando Llano) Mehr...