Psychologen müssen um ihre Besserstellung bangen

Der Bundesrat will Psychologen das eigenständige Arbeiten zulasten der Grundversicherung ermöglichen. Doch bürgerliche Parteien stemmen sich dagegen.

Psychologen wollen Psychotherapien selbstständig mit der Grundversicherung abrechnen können. Foto: Deepol by Plainpicture

Psychologen wollen Psychotherapien selbstständig mit der Grundversicherung abrechnen können. Foto: Deepol by Plainpicture

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Schon mehrere Gesundheitsminister stellten den nicht ärztlichen Psychotherapeuten in Aussicht, dass sie ihre Leistungen direkt über die Grundversicherung abrechnen können. Seit bald 40 Jahren ist dies nur indirekt möglich: wenn die Psychologen von einem Psychiater delegiert werden. Beim Delegationsmodell stehen Psychologinnen und Psychologen in einer Art Angestelltenverhältnis mit einem ärztlichen Psychotherapeuten und arbeiten unter dessen Aufsicht.

Nach Jahrzehnten des Wartens hat der Bundesrat diesen Sommer nun dem Wunsch der Psychologen endlich entsprochen: Künftig sollen jene mit psychotherapeutischer Fachausbildung selbstständig mit der Grundversicherung abrechnen können, sofern die Behandlung auf Anordnung eines Arztes erfolgt.

Vielmehr werde ein «niederschwelliges Angebot» geschaffen.CVP in einem Schreiben

Doch der Vorschlag stösst in der Vernehmlassung auf starke Kritik, sodass Gesundheitsminister Alain Berset wohl nochmals über die Bücher muss. Zwar kann der Bundesrat die Änderung ohne das Parlament auf dem Verordnungsweg einführen, es stellen sich mit CVP, FDP und SVP aber gleich drei bürgerliche Parteien gegen den Vorschlag.

Die CVP bezweifelt in ihrem Schreiben an den Bundesrat, dass es im Bereich der ambulanten psychotherapeutischen Betreuung eine Unterversorgung gebe, die den erleichterten Zugang zu psychotherapeutisch tätigen Psychologen rechtfertige. Vielmehr werde ein «niederschwelliges Angebot» geschaffen, welches zu mehr Behandlungen und zusätzlichen Kosten für die Grundversicherung führe. Dies sei angesichts der stetig steigenden Prämien «nicht vertretbar».

SVP: Psychotherapie als Pflichtleistung streichen

Die FDP sieht ebenfalls keinen Mangel an Psychotherapeuten, warnt vor einem «unkontrollierbaren» Kostenanstieg und fordert grundlegende Anpassungen an der Vorlage, etwa höhere Anforderungen an die Ausbildung nicht ärztlicher Therapeuten. Die Krankenkassen müssten zudem wählen können, welche Psychologen sie unter Vertrag nehmen. Bei Ärzten und anderen Leistungserbringern wie Physiotherapeuten sind die Kassen heute verpflichtet, alle unter Vertrag zu nehmen (Vertragszwang).

Nach Meinung der SVP sollten Psychotherapien nicht von der Grundversicherung bezahlt werden, auch nicht jene der Psychiater.

Die SVP schliesslich fordert vom Bundesrat einen «Marschhalt». Ein Wechsel zum Anordnungsmodell sei nur mit griffigen Massnahmen gegen einen Kostenanstieg vertretbar. Eigentlich sollten aber nach Meinung der SVP Psychotherapien generell nicht von der Grundversicherung bezahlt werden, auch nicht jene der Psychiater.

Gegen das Anordnungsmodell stellt sich auch die Ärzteverbindung FMH. Und die Verbände der ärztlichen Psychotherapeuten warnen vor massiven Mehrkosten für die Grundversicherung von einer halben Milliarde Franken pro Jahr statt der vom Bundesrat angeführten 100 Millionen. Die Anordnung müsse zudem den Psychiatern vorbehalten bleiben.

Lesen Sie jetzt: Unser Bericht zur Situation der Psychologinnen und Psychologen Sie erzählen, wie es ist, bei Psychiatern angestellt zu sein, um über die Grundversicherung abzurechnen. Foto: Khue Bui (Keystone)

Einen Vermittlungsvorschlag macht der Verband der psychiatrischen Kliniken und Dienste (SMHC). Hausärzte sollten bei leichten Lebenskrisen Psychotherapien anordnen können, allerdings nur 10 statt 15 Sitzungen, wie dies der Bundesrat vorschlägt. Auch die Krankenkassen akzeptieren das Anordnungsmodell nur, wenn die Anordnung in erster Linie Psychiatern vorbehalten bleibt.

Psychologen setzten auf Bundesrat und die Kantone

Die Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) hält die Einwände für unbegründet. Die FSP verweist darauf, dass neben der SP und der GLP die Kantone sowie der Verband der Haus- und Kinderärzte das Anordnungsmodell des Bundesrats unterstützen. Die Kantone und Hausärzte seien wichtige Akteure im Gesundheitswesen. Die FSP hofft deshalb, dass der Bundesrat an seinen Plänen festhält.

Denn die blosse Anordnung sei für Ärzte noch viel weniger interessant als die Delegation.

Studien des Bundesamts für Gesundheit hätten nachgewiesen, dass im Bereich der Psychotherapie eine Versorgungslücke bestehe, sagt FSP-Sprecher Philipp Thüler. Wer sich auf den Standpunkt stelle, dass die Versorgung durch psychotherapeutisch tätige Psychologen schon heute ausreichend sei, ignoriere die fehlende Kostenübernahme durch die Grundversicherung. Dies treffe vor allem die Schwächsten, die sich keine Zusatzversicherung oder die Übernahme der Therapiekosten leisten könnten.

Die Forderung einiger Vernehmlassungsteilnehmer, dass nur Psychiater die Therapie durch Psychologen anordnen könnten, hätte möglicherweise sogar eine Verschlechterung der heutigen Situation zur Folge, warnt Thüler. Denn die blosse Anordnung sei für Ärzte noch viel weniger interessant als die Delegation. Dies könne dazu führen, dass die Zahl der anordnungswilligen Ärzte gegenüber der Zahl der heute delegierenden Ärzte sogar sinkt.

Der Bundesrat wertet die Stellungnahmen zurzeit aus und will spätestens bis Mitte 2020 definitiv über den Systemwechsel entscheiden.

Erstellt: 07.11.2019, 21:36 Uhr

Artikel zum Thema

Streit um Psychotherapie spitzt sich zu

Die psychologischen Psychotherapeuten fordern in einer Petition mehr Kompetenzen. Das ärgert namhafte Psychiater: Sie greifen die Pläne harsch an. Mehr...

Psychisch Kranke sollen schneller eine Therapie erhalten

Der Bundesrat will den Zugang zu Therapieplätzen erleichtern, um Langzeitfolgen zu vermindern. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Verstehen Sie Ihre Arztrechnungen?

Sie wollen wissen, was genau auf Ihrer Arztrechnung steht? Kein Problem – lassen Sie es sich einfach im Kundenportal des Gesundheitsversicherers Atupri übersetzen.

Die Welt in Bildern

Fast wie auf der Titanic: Ein Liebespaar betrachtet die untergehende Sonne im untergehenden Venedig (17. November 2019).
(Bild: Luca Bruno) Mehr...