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«La Quotidiana» droht das Aus

Die Zukunft der einzigen rätoromanischen Tageszeitung der Schweiz ist ungewiss. Das Verlagshaus Somedia will das Defizit nicht länger tragen.

Der erste Chefredaktor Enrico Kopatz (l.) und Hanspeter Lebrument präsentieren 1997 stolz die erste Ausgabe der «Quotidiana», von der 25'000 Exemplare gedruckt wurden.
Der erste Chefredaktor Enrico Kopatz (l.) und Hanspeter Lebrument präsentieren 1997 stolz die erste Ausgabe der «Quotidiana», von der 25'000 Exemplare gedruckt wurden.
Arno Balzarini (Keystone)

Eben erst ist im Somedia-Verlagshaus in Chur das 20-jährige Bestehen der «Quotidiana» gefeiert worden. Die Tageszeitung, 1997 aus der Fusion mehrerer Regionalzeitungen entstanden, erscheint jeweils von Montag bis Freitag. Im Regionalteil publiziert sie Texte in ­allen fünf rätoromanischen Idiomen, im überregionalen Teil in der Einheitssprache Rumantsch Grischun.

Als einzige Tageszeitung in der vierten Landessprache kommt ihr eine besondere sprachpolitische Bedeutung zu. Mit 4000 Abonnenten und einem beschränkten Reservoir an Inseratekunden ist die Zeitung derzeit allerdings defizitär. Und dieses Defizit will die Somedia ab dem 1. Januar 2018 nicht mehr tragen, teilte sie kurz nach der Jubiläumsfeier mit.

Agentur soll übernehmen

Wie das rätoromanische Fernsehen letzte Woche berichtete, wandte sich das Verlagshaus mit einem entsprechenden Schreiben an den zuständigen Bündner Regierungsrat Martin Jäger (SP) und die rätoromanische Nachrichtenagentur ANR. Die vom Bund und dem Kanton finanzierte Nachrichtenagentur beliefert die «Quotidiana» sowie weitere Medien mit Texten und Bildern.

«Aus Sicht der Somedia kann die ‹Quotidiana› unter den gegebenen Strukturen nicht mehr weiterbetrieben werden», schreiben Somedia-CEO Andrea Masüger und Geschäftsführer Silvio Lebrument. Sie stellen deshalb der Regierung und der ANR das Gesuch, dass die Nachrichtenagentur künftig für den gesamten Inhalt der Zeitung zuständig ist und die Personal- sowie Honorarkosten trägt. Gedruckt würde die Zeitung weiterhin von der Somedia. Laut dem Verlagshaus entstünden der ANR, die bereits heute den Grossteil der «Quotidiana»-Texte liefert, Mehrkosten von 300 000 Franken im Jahr. Diese sollten über höhere Bundes- und Kantonsbeiträge finanziert werden.

Die Idee stösst bei den Briefempfängern auf wenig Begeisterung. Laut Regierungsrat Martin Jäger könne aufgrund des Sprachengesetzes eine Agentur gefördert werden, die allen rätoromanischen Medien ihre Leistungen anbiete. Für die direkte Förderung einer Zeitung fehle indes die gesetzliche Grundlage. Und ANR-Präsident Martin Gabriel betont, es sei nicht Aufgabe der Agentur, eine Zeitung zu finanzieren: «Wir haben verschiedene Kunden, die Somedia ist einer davon.» Das Verlagshaus ist dennoch der Ansicht, so wie bisher könne es nicht weitergehen. «Unser Ziel ist nicht die Einstellung der ‹Quotidiana›. Aber nun muss eine neue Lösung gefunden werden», sagt CEO Andrea Masüger.

Eine Gratiszeitung für alle rätoromanischen Haushalte?

Verleger Hanspeter Lebrument hatte in seiner Rede zum 20-Jahr-Jubiläum der Zeitung die Idee aufgeworfen, die öffentlichen Finanzmittel für die Medien der vierten Landessprache neu zu verteilen. Heute erhalten das rätoromanische Radio und Fernsehen 25 Millionen Franken Gebührengelder pro Jahr, die ANR 1,1 Millionen Franken Fördergelder.

Lebruments Idee wäre es, das rätoromanische Radio und Fernsehen aus der SRG herauszulösen und die «Quotidiana» von der Somedia zu trennen, um zusammen ein neues Mediengefäss zu bilden. Dieses wäre dann auf allen Kanälen zuständig für die Produktion von rätoromanischen Medienangeboten – unter anderem für eine Gratiszeitung für alle rätoromanischen Haushalte.

ANR-Stiftungsrat und CVP-Nationalrat Martin Candinas meint dazu, die SRG habe einen anderen Auftrag, als eine Zeitung herauszugeben. «Eine stärkere Kooperation zwischen der ANR und dem rätoromanischen Radio und Fernsehen kann aber durchaus Sinn machen», sagt Candinas. Schon heute druckt die «Quotidiana» Nachrichtentexte ab, die ihr das rätoromanische Radio und Fernsehen zur Verfügung stellt.

«Eine Katastrophe für die Sprachbewegung »

Diese Zusammenarbeit könne ausgebaut werden, zum Beispiel im Online­bereich. Keine Lösung sei hingegen die ersatzlose Aufgabe der «Quotidiana», betont Candinas: «Die rätoromanische Tageszeitung ist eine Errungenschaft, die seit 20 Jahren besteht. Wir dürfen sie auf keinen Fall verlieren.»

Das sieht auch Chefredaktor Martin Cabalzar so: «Das Ende der ‹Quotidiana› wäre eine Katastrophe für die rätoromanische Sprachbewegung.» Damit die bedrohte Sprache überleben könne, sei eine täglich erscheinende Zeitung entscheidend. «Wortneuschöpfungen werden vor allem durch das geschriebene Wort verbreitet», sagt Cabalzar. Fehle eine Tageszeitung, könne sich eine Sprache nicht weiterentwickeln. Und drohe mit der Zeit zu verschwinden.

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