Raus aus dem Dilemma

Die Kosten für ausserfamiliäre Kinderbetreuung müssen stark sinken. Das befreit die Eltern und hilft der Wirtschaft.

In der Mittelstandsfalle: Meistens leidet die berufliche Laufbahn der Mutter. Foto: Alamy Stock

In der Mittelstandsfalle: Meistens leidet die berufliche Laufbahn der Mutter. Foto: Alamy Stock

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Mit dem ersten Kind platzt die Illusion. Jüngere Eltern sind mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass Mann und Frau gleichberechtigt sind, in Familie, Politik und Beruf, dass sie ihre Pläne verwirklichen können. Doch das gelte nur so lange, bis das erste Kind da sei, stand kürzlich in einer Analyse der NZZ. Nachher wird das Leben von anderen Kräften bestimmt. Nicht nur vom Kind, sondern von gesellschaftlichen Vorstellungen über die optimale Stilldauer, über die Mindestzeit an Nestwärme, die Eltern ihren Kindern gewähren müssen, bevor sie diese in fremde Hände geben.

Dazu kommen organisatorische Schwierigkeiten, wenn Familienpflichten und Erwartungen des Arbeitgebers kollidieren. Ganz zu schweigen von Budgetüberlegungen: Betreuungskosten, höhere Steuern und Abgaben fressen das Zweit­einkommen oft wieder weg.

Es ist die sogenannte Mittelstandsfalle: relativ hohes Einkommen, aber unter dem Strich auf der Verliererseite. In diesem Wettstreit der Interessen kommt zwangsläufig etwas zu kurz: das Kind, der Partner oder die Karriere. Meistens wird die berufliche Laufbahn eines Elternteils vernachlässigt, meistens diejenige der Mutter. Das belegt ein Blick in die Beschäftigungsstatistik: Die Erwerbsquote der Mütter hinkt jener der Väter weit hinterher.

Die ausserfamiliäre Kinderbetreuung muss so günstig sein, dass sich Erwerbsarbeit auch bei mittleren Einkommen lohnt.

Was ist die Lösung? Ein «sozialistischer Superstaat» sei nicht wünschenswert, schreibt die NZZ. Das ist der richtige Ansatz: Die Lösung soll nicht sozialistisch sein, aber der Impuls muss vom Staat kommen. Er sollte stark in die ausserfamiliäre Kinderbetreuung investieren und so ein grosses, nachhaltiges Wirtschaftsimpulsprogramm lancieren (nicht ein kleines, wie 2011 zur Linderung der Frankenstärke).

In die Förderung von Kinderbetreuungsplätzen hat der Bund seit 2003 mehrere Hundert Millionen Franken investiert. Damit wurde einiges erreicht, viele Betreuungsplätze, die dadurch entstanden sind, gäbe es sonst heute nicht. Doch es braucht einen grösseren Effort. Die ausserfamiliäre Kinderbetreuung muss für die Eltern so günstig sein, dass sich Erwerbsarbeit auch bei mittleren Einkommen lohnt.

Die Kitas müssen viele Vorschriften erfüllen, die für die Qualität der Kinderbetreuung unerheblich sind.

Dafür müssten die Kosten für die Betreuung in der Kindertagesstätte um die Hälfte sinken, also von rund 120 auf rund 60 Franken pro Tag und Kind. Zwei Kinder, die an zwei Tagen pro Woche in die Krippe gehen, würden dann ihre Eltern pro Monat noch 1000 statt wie heute 2000 Franken kosten. Dafür müsste zum einen Teil der Staat Kindertagesstätten – und damit indirekt die Eltern– substanziell unterstützen.

Zum anderen Teil könnten durch den Abbau überflüssiger Auflagen im baulichen und personellen Bereich Kosten gesenkt werden. Die Anstellung von Betreuungspersonal ist teilweise schrecklich kompliziert, vor allem, wenn vorgeschriebene Qualifikationen nicht exakt erfüllt werden. Und die Kitas müssen von der Art der Toiletten bis zum Arrangement der Spülbecken in der Küche viele Vorschriften erfüllen, die für die Qualität der Kinderbetreuung unerheblich sind.

Diese Massnahmen wären nicht sozialistisch, sondern höchst liberal und im Sinne der Marktwirtschaft: Die Eltern hätten mehr Entscheidungsfreiheit, die Unternehmen einen grösseren Fachkräftepool. Die Erwerbsquote würde steigen, was höhere Steuer- und AHV-Einnahmen zur Folge hätte.

Diese Massnahmen wären im Sinne der Marktwirtschaft: Die Eltern hätten mehr Entscheidungsfreiheit, die Unternehmen einen grösseren Fachkräftepool.

Nicht nur Eltern von kleinen Kindern würden davon profitieren, sondern auch Kinderlose und solche, die ihre Kinder lieber selber betreuen: weil die Wertschöpfung steigt, wenn mehr Leute erwerbstätig sind. Die Folge sind mehr Arbeitsplätze und eine wachsende Wirtschaft. Wichtig ist, dass die Entscheidungsfreiheit der Eltern verbessert wird – und dass die gesellschaftlichen Vorbehalte gegenüber Fremdbetreuung, die fester verankert sind, als manche glauben, sich nicht ins Gegenteil verkehren: in Ablehnung der heimischen Kinderbetreuung.

Und noch etwas ist wichtig: Betreuungsplätze sollten für alle Eltern gleich viel kosten, egal, wie arm oder reich sie sind. Das erspart Bürokratie und fördert die soziale Durchmischung in den Kindertagesstätten. Und es wäre ein Zeichen des Fortschritts: Kinderbetreuung ist selbstverständlich und bedingungslos erschwinglich.

Erstellt: 02.11.2015, 00:00 Uhr

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