Neubau oder weniger Geld von der Versicherung

Besitzer von zerstörten Häusern in Bondo sind gut beraten, anderswo ein neues Haus zu bauen. Die Erklärung.

Der Vergleich aus der Drohne: Bondo im August 2017 und das gleiche Dorf heute. Video: Aline Bavier / Adrian Panholzer

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«Sieben Wohnhäuser sind nach dem Bergsturz und den Murgängen am Piz Cengalo vor einem Jahr abgerissen worden», sagt Anna Giacometti. Die Parzellen befinden sich heute in der roten Gefahrenzone. Gemäss der Präsidentin der Gemeinde Brega­glia, zu der auch Bondo gehört, können hier bis auf weiteres keine neuen Häuser mehr gebaut werden. Für die Betroffenen heisst das: Totalschaden.

Zu ihnen gehören auch der pensionierte Lehrer Reto Müller und seine Frau. Ihr Land im Ortsteil Spino ist praktisch wertlos. Sie nutzen es heute nur noch als Garten. Das Haus war zu einem Neuwert von rund einer halben Million Franken versichert. Das Ehepaar hatte es im Jahr 2010 gekauft. Zum Zeitpunkt des Felssturzes war es mit einer Hypothek von 280'000 Franken belastet.

Sie hätten den Bau eines neuen Hauses an einem anderen Ort in der Region geprüft, sagt Müller. Doch das hätte inklusive Kauf eines neuen Grundstücks etwa 900'000 Franken gekostet. Das konnte sich das Paar nicht leisten. Die Folge: Weil die Müllers auf einen Neubau verzichteten, wurden sie von der Gebäudeversicherung des Kantons Graubünden für den Totalschaden nur zum Zeitwert ihres alten Hauses entschädigt. Konkret mit 360'000 Franken. Nach Rückzahlung der Hypothek blieben dem Paar 80'000 Franken Entschädigung.

Neuwert nur bei Neubau

Zeitwert, Neuwert: Was technisch tönt, macht für die Betroffenen finanziell einen grossen Unterschied. In Graubünden entschädigt die obligatorische Gebäudeversicherung bei einem Totalschaden nur dann zum Neuwert, wenn am gleichen oder an einem anderen Ort im Kanton innert dreier Jahre ein vergleichbares Gebäude neu gebaut wird. Gedeckt würden die realen Kosten des Wiederaufbaus zu heutigen Preisen, sagt Versicherungsdirektor Markus Feltscher. Für Verbesserungen beim Ausbaustandard oder zusätzliche Wohnfläche müsse der Versicherte selber aufkommen. Verzichtet der Versicherte auf einen Neubau, erhält er nur den tieferen Zeitwert seines zerstörten Hauses. Das ist der Wert des ­Gebäudes vor dem Schadenereignis unter Berücksichtigung von Alter, Abnützung und weiteren wertmindernden Faktoren.

Video: Murgang-Alarm in Bondo

Ein Jahr nach dem Erdrutsch in Bondo ist wegen des starken Regens der Alarm losgegangen. Video: Tamedia

80'000 Franken von der Gebäudeversicherung plus 50'000 Franken von der Hausratversicherung für zerstörtes Mobiliar: Zusammen mit einer neuen Hypothek von 330'000 Franken reichte dem Ehepaar Müller das Geld, um ein seit langem zum Verkauf stehendes Nachbarhaus zu erwerben. Es liegt nur wenige Meter ausserhalb der roten Gefahrenzone. Nur deshalb konnte das Paar das Haus weit unter dem früheren Wert kaufen. Vor dem Bergsturz wurde das Haus auf über eine Million Franken geschätzt. Reto Müller sagt dazu: «Wäre ich jünger, dann hätte ich dieses Haus nie gekauft. Niemand weiss, was in den nächsten Jahrzehnten am Cengalo passiert.»

Bereicherung verhindern

Ohne das leer stehende Nach­barhaus wären die Müllers als Folge des Bergsturzes wohl ­Mieter geworden. Reto Müller stört die rechtliche Situation im Kanton Graubünden. Es könne doch nicht sein, dass Menschen, die wegen Naturgefahren Haus und Boden verlieren, nur dann zum Neuwert entschädigt werden, wenn sie auch tatsächlich an einem anderen Ort neu bauen. «Im Bergell stehen viele ältere Häuser leer. Da macht es doch keinen Sinn, dass die Versicherung immer auf einem Neubau besteht.»

Direktor Feltscher entgegnet: Ziel der Versicherung sei die Existenzsicherung. Den Geschädigten soll es möglich sein, ihr gewohntes Leben fortzusetzen. Gleichzeitig müsse aber auch verhindert werden, dass sich die Geschädigten auf Kosten der Solidargemeinschaft der Versicherten bereichern. Das wäre gemäss Feltscher der Fall, wenn die Geschädigten zum Neuwert ihres zerstörten Hauses entschädigt würden und sich für einen tieferen Betrag ein bereits bestehendes Gebäude kauften. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2018, 22:48 Uhr

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Zürich macht eine Ausnahme

Versicherung Schäden an Gebäuden deckt in den meisten Kantonen eine eigene obligatorische Versicherung. Ein Fall wie jener des Ehepaars Müller wird deshalb nicht in jedem Kanton gleich gehandhabt.

Wie in Graubünden gilt auch in Zürich der Grundsatz, dass nach einem Totalschaden nur dann der Neuwert eines Gebäudes entschädigt wird, wenn es in vergleichbarer Art innert zweier Jahre wieder aufgebaut wird. Anders als in Graubünden muss das aber zwingend am gleichen Standort geschehen. Verzichtet der Geschädigte auf den Wiederaufbau, wird er nicht zum Zeitwert (Neuwert minus Abzüge für Alter, Abnützung und andere wertmindernde Faktoren), sondern zum Verkehrswert entschädigt. Darunter versteht man den mutmasslichen Verkaufswert (ohne Land), den das Gebäude gehabt hätte.

Im Unterschied zu Grau­bünden kennt Zürich aber eine ­Sonderregel für den Fall, dass ein Gebäude wegen staatlicher Vorschriften nicht mehr am gleichen Ort aufgebaut werden kann – etwa weil das Grundstück neu in einer Gefahrenzone liegt. Dann erhält der Geschädigte den Neuwert unabhängig davon, ob er an einem anderen Ort wieder baut oder nicht. Die Zürcher Versicherung begründet dies damit, dass man die Geschädigten nicht bestrafen wolle. Allerdings habe man diese Regel im Zusammenhang mit Naturgefahren noch nie anwenden müssen. (ldc)

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