Reden-Check: Maurers Angst-Feuerwerk fällt durch

Was macht eine präsidiale Ansprache zum Schweizer Feiertag gut? Experte Martin Reisigl hat drei Reden geprüft – und lobt Sommarugas 2015-Ausgabe. Hören Sie selbst rein.

Staatstragend sollte eine Rede sein: Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga auf dem Rütli, 2015. Foto: Alexandra Wey (Keystone)

Staatstragend sollte eine Rede sein: Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga auf dem Rütli, 2015. Foto: Alexandra Wey (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist wieder so weit: Der Bundespräsident wird das ganze Land mit seiner 1.-August-Rede beglücken. Johann Schneider-Ammann wird gleich viermal vors Mikrofon treten. Der Zweck dieser präsidialen Ansprachen scheint klar: Sie sollen dem Nationalfeiertag einen würdigen und feierlichen Rahmen geben. Was sie darüber hinaus transportieren können, erklärt der Sprachwissenschaftler Martin Reisigl an drei präsidialen Fernsehansprachen beispielhaft.

Untypisch Rief nach innen zu nationalem Zusammenhalt auf: Ueli Maurer nimmt seine 1.-August-Rede für TV und Radio auf. Foto: Sigi Tischler (Keystone)

Ueli Maurer (SVP) hielt 2013 laut Martin Reisigl eine wenig staatstragende und recht untypische Ansprache. Im ersten Teil seiner Rede sprach er über internationale Bedrohungsszenarien. «Er betrieb negative Fremddarstellung», sagt Reisigl. Maurer betonte die Gefahr der Fremdbestimmung, womit er sich vor allem gegen die EU richtete. «Dieses Argumentationsmuster nutzte Maurer, um nach innen zu nationalem Zusammenhalt aufzurufen», so Reisigl. Laut dem Experten ist so etwas zwar typisch für Parteiansprachen, nicht aber für überparteiliche und konsensorientierte bundespräsidiale Augustreden. Was allerding zu diesem Anlass typisch sei für rechts orientierte Bundespräsidenten, sie Maurers Berufung auf den Bundesbrief von 1291. Er behauptet, dass die im Bundesbrief niedergeschriebenen Grundsätze und Werte bis heute die gleichen geblieben seien. Zu den Grundwerten zählt Maurer die Freiheit und Unabhängigkeit, als Basis für den Wohlstand.

Ungewöhnlich Entschärfte Unsicherheit nicht: Eveline Widmer-Schlumpf an einer Bundesfeier in Hinwil 2011. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

Teilweise ungewöhnlich war laut Martin Reisigl die Rede von Eveline Widmer-Schlumpf (BDP) im Jahr 2012: Sie zeichnete ein düsteres Bild der politischen Zukunft der Schweiz, indem sie betonte, dass der Wind in den nächsten Jahren wohl noch rauer werde und noch mehr Druck von aussen zu spüren sei. Dies ist laut dem Experten aber genau das Gegenteil von dem, was eigentlich die Aufgabe einer Staatsspitze am Nationalfeiertag gewesen wäre, nämlich Sicherheit und Halt vermitteln. «Sie entschärfte diese Unsicherheit und Ungewissheit auch nicht», so Reisigl. Doch abgesehen von diesem Teil, hatte die Rede durchaus einen staatstragenden Charakter. So hob Widmer-Schlumpf am Beispiel des Rätoromanischen die Vielfalt in der nationalen Einheit der Schweiz hervor und berief sich auf die Jahre 1291, 1848 und 2012, um damit Kontinuität zu unterstreichen. Dies seien charakteristische Elemente, die an einer Augustrede für Bundespräsidenten üblich sind.

Vorbildlich Stellte Volksnähe her: Simonetta Sommaruga während ihrer 1. Augustrede 2015 in Bern. Foto: Lukas Lehmann (Keystone)

Die 2015 gehaltene Rede von Simonetta Sommaruga (SP) entsprach laut dem Sprachwissenschaftler Martin Reisigl den inhaltlichen Anforderungen an eine präsidiale Ansprache. Ihr gelang es, Volksnähe herzustellen, indem sie betonte, dass man «bei uns» den Bundesräten beim Wandern begegnen könne, was von den Bürgern geschätzt werde. Ausserdem fiel Reisigl auf, dass sie eine gesunde Wirtschaft thematisierte: «Die Wirtschaft wird wie ein lebendiger Organismus behandelt.» Solche Sprachbilder seien sehr typisch in solchen Reden. Zusätzlich erzeugte Sommaruga auch einen gewissen Nationalstolz, indem sie die direkte Demokratie lobte und die Einmaligkeit des politischen Systems hervorstrich. Sie sprach aber auch davon, die politische Kultur zu pflegen, die durch Konkordanz und Kompromiss-Streben gekennzeichnet sei. Dies seien für Links positionierte Parteien zur Zeit wichtige Themen. Alles in allem, hielt Sommaruga laut Reisigl eine vorbildliche Rede.

Umfrage

Nachdem Sie die 3 Reden gehört haben, wer machte es aus Ihrer Sicht am besten?





Erstellt: 30.07.2016, 17:16 Uhr

«Das Gesagte verpufft meist schnell»

Welche Inhalte die Reden transportieren und wie wichtig die Themen sind, hat der Sprachwissenschaftler Martin Reisigl anhand der Fernsehansprachen der Bundespräsidenten vergangener Jahre analysiert. Sein Fazit: «Das Gesagte verpufft meist schnell.» Dass nicht viel hängen bleibt, sei jedoch gar nicht so schlimm – denn primär soll die Rede zum 1. August einen nationalen Konsens stiften und bei den Zuhörern das Zugehörigkeitsgefühl zum Land stärken. Zudem seien die Reden nur ein Element von vielen. Ebenso wichtig seien jährliche Rituale wie das Höhenfeuer, das Feuerwerk oder das Feiern selbst, auch sie lösten ein Identitätsgefühl aus. «Das gebetsmühlenartige Wiederholen dieser Rituale ist entscheidend», sagt Reisigl.

Stolz auf das Heimatland

Er selbst beschäftigt sich bereits seit seiner Doktorarbeit mit politischen Reden und deren sozialen Auswirkungen. Mittlerweile ist er Assistenzprofessor an der Uni Bern und begutachtet des Öfteren umstrittene und heikle Aussagen von Politikerinnen und Politikern. Denn Reden ist für ihn bereits Handeln, und deshalb sieht er gerne genauer hin. Reisigl ist Südtiroler, so etwas wie Nationalstolz auf sein Heimatland Italien kennt er nicht. Deshalb fällt es ihm besonders leicht, nationale und politische Rhetorik distanziert von aussen zu betrachten und zu beurteilen.

Auch mit Ansprachen zum Nationalfeiertag hat sich Reisigl bereits befasst. Er hat herausgefunden, dass sie auffällig oft Ausdrücke wie nationale Einzigartigkeit, Unabhängigkeit, Autonomie, Einheit, internationale Gleichheit, Vielfalt und Zusammenhalt enthalten. Solche Wörter lösten einen Stolz auf das Heimatland und ein Zugehörigkeitsempfinden aus.

Auch wenn die Reden sich in der Wortwahl sehr ähnlich sind, voneinander abgeschrieben sind sie in der Regel nicht. Sie variieren je nach tages- oder jahrespolitischen Themen und nach politischem Amt und Parteizugehörigkeit der Redner und Rednerinnen. Je rechter ein Bundespräsident parteipolitisch orientiert sei, desto stärker betone er Freiheit und nationale Unabhängigkeit. Im Gegensatz dazu wiesen links positionierte Redner stärker auf die humanitäre Tradition der Schweiz hin.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...