Regieren bald Frauen die Welt?

In einigen Arbeitsfeldern, die früher fest in Männerhand waren, sind Frauen heute klar in der Überzahl. Dies könnte bald auch in der Politik der Fall sein.

Vier der fünf Spitzenpolitikerinnen Finnlands: Erziehungsministerin Li Andersson, Finanzministerin Katri Kulmuni, Premierministerin Sanna Marin und Innenministerin Maria Ohisalo (v.l.). Foto: Keystone

Vier der fünf Spitzenpolitikerinnen Finnlands: Erziehungsministerin Li Andersson, Finanzministerin Katri Kulmuni, Premierministerin Sanna Marin und Innenministerin Maria Ohisalo (v.l.). Foto: Keystone

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Das Foto der finnischen Regierung ging um die Welt. Fünf Frauen aus fünf Parteien führen neuerdings das Kabinett an, zwei von ihnen sind erst 32 Jahre alt, Ministerpräsidentin Sanna Marin 34.

Ganz so weit ist man in der Schweiz noch nicht. Aber auch hier sind die Politikerinnen im Vormarsch. Seit den letzten Wahlen beträgt der Frauenanteil im Nationalrat rekordhohe 42 Prozent. In den Fraktionen der zwei linken Parteien SP und Grüne sind sogar mehr als 60 Prozent der Abgeordneten weiblich. Vieles deutet darauf hin, dass ein solches Geschlechterverhältnis in der gesamten Politik schon bald zum Normalfall gehören wird.

Es mag vermessen klingen, bereits von einer weiblichen Dominanz zu reden, bevor die Frauen in den Parlamenten die 50-Prozent-Hürde überschritten haben. Doch die Richtung ist eindeutig. Zudem besteht eine verblüffende Ähnlichkeit zwischen der Politik und anderen Arbeitsfeldern, die einst fest in Männerhand waren und zu einer Frauendomäne geworden sind.

Der Arztberuf zum Beispiel wurde über Jahrhunderte hinweg hauptsächlich von Männern ausgeübt. Heute sind in der Schweiz 60 Prozent der Studierenden im Fach Medizin Frauen, Tendenz steigend. In der Veterinärmedizin sind es sogar 85 Prozent.

In der Primarschule galt lange die ungeschriebene Regel: Von der ersten bis zur dritten Klasse unterrichten Frauen, von der vierten bis zur sechsten Männer. Heute sind die Primarschulen Frauenbastionen, der Anteil an Lehrerinnen liegt bei 82,5 Prozent. An vielen Schulen wird verzweifelt nach männlichem Personal gesucht.

Die Psychologie ist ebenfalls zu einer Frauendomäne geworden. 80 Prozent der Studierenden an den Universitäten sind Frauen. Auch hier war dies nicht immer so. Bei der Entstehung des Fachs Ende des 19. Jahrhunderts war der Bereich hauptsächlich von Männern geprägt, etwa von Sigmund Freud oder Carl Gustav Jung.

Alle Berufe, die eine Feminisierung erlebten, haben etwas gemeinsam: Es handelt sich um ­Tätigkeitsfelder, wo der Mensch im Zentrum steht, wo es im weitesten Sinne ums Helfen geht, ums Soziale.

Zwei Drittel der Ausgaben für Soziales und Bildung

Auch die Politik hat sich inhaltlich in diese Richtung entwickelt. Mittlerweile fliessen beinahe zwei Drittel der gesamten Staatsausgaben von Bund, Kantonen und Gemeinden in die soziale Wohlfahrt, die Bildung und das Gesundheitswesen. Die früher zentralen Bereiche «Verteidigung» und «öffentliche Ordnung und Sicherheit» beanspruchen zusammen nur noch 7,4 Prozent der Staatsausgaben, der Verkehr 8,2 Prozent.

Wenn es nach den Kosten geht, ist der Sozial- und Bildungsbereich der mit Abstand wichtigste in der Politik. Genau jener Bereich also, der primär den Neigungen und Interessen der Frauen zugeschrieben wird.

Nun könnte man einwenden, dass es sich hierbei in Zeiten der Gleichberechtigung um eine veraltete Sichtweise handle; dass Geschlechtsunterschiede heute keine wesentliche Rolle mehr spielten. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Forschung zeigt: Je fortschrittlicher und gleichberechtigter eine Gesellschaft ist, desto mehr driften die Interessen und Tätigkeiten von Frauen und Männern auseinander. In der Fachwelt spricht man vom «Gender equality paradox».

Wohlstand verstärkt Geschlechterunterschiede

Dieses Phänomen zeigt sich zum Beispiel beim Frauenanteil in den sogenannten Mint-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik). Die Statistik ist eindeutig: Je wohlhabender und egalitärer ein Land eingestuft wird, desto kleiner ist der Frauenanteil in diesen Fächern. Trotz aufwendigen Förderprogrammen gelingt es zum Beispiel den skandinavischen Ländern kaum, Frauen für die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer zu begeistern.

Die sogenannt fortschrittlichen Länder liegen in diesem Bereich weit hinten, so auch die Schweiz. Spitzenreiter mit einem vergleichsweise hohen Frauenanteil bei den Mint-Fächern sind Länder wie Algerien, Albanien und Tunesien, die allesamt nicht gerade als Vorbilder für die Gleichberechtigung bekannt sind.

Die Forschung erklärt sich das Paradoxon damit, dass wenn Menschen frei von wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Druck ihr Tätigkeitsfeld wählen können, die Geschlechterunterschiede stärker zum Tragen kommen. Mit anderen Worten: In weniger entwickelten Weltgegenden wählen Frauen tendenziell einen Studiengang, der ein gutes Einkommen oder ein gewisses Prestige garantiert, zum Beispiel Ingenieurin. Selbst dann, wenn sie ein brotloses Fach wie Kunstgeschichte eigentlich mehr interessieren würde. In unseren Breitengraden ist das anders: Hier können es sich Frauen (und Männer) eher leisten, eine Ausbildung allein nach den persönlichen Interessen zu wählen.

Sie werden immer mehr: Bundesrätin Viola Amherd mit Nationalrätinnen am Frauenstreik im letzten Juni. Foto: Keystone

Dass sich Geschlechterunterschiede mit steigender Gleichberechtigung verstärken, bestätigt auch eine gross angelegte Studie der Universität Bonn. 80'000 Personen aus 76 Ländern wurden befragt, wie wichtig ihnen Eigenschaften sind wie Vertrauen, Risikobereitschaft, selbstloses Handeln und so fort. Das Resultat war eindeutig: Die Präferenzen von Frauen und Männern drifteten umso weiter auseinander, je fortgeschrittener und wohlhabender die Gesellschaft ist.

Angesichts dieser nachgewiesenen Erkenntnisse ist wenig erstaunlich, dass auch in den skandinavischen Vorzeigeländern bei der Gleichberechtigung nicht alles nach Plan läuft. Zwar ist der Erfolg beim Frauenanteil in der Politik und im öffentlichen Bereich beachtlich, nicht aber bei den Führungskräften in der Privatwirtschaft. Trotz allen Bemühungen und Förderprogrammen haben andere Länder diesbezüglich mehr vorzuweisen.

Ein ideal auf Frauen zugeschnittener Job

Dass die Politik für Frauen an Attraktivität gewinnt, liegt hierzulande auch an den Arbeitsbedingungen. Ein Nationalratsmandat entspricht etwa einem 60-Prozent-Pensum, das mit rund 130'000 Franken entlohnt wird. Teilzeitarbeit ist vor allem bei Frauen beliebt, ob mit oder ohne Kinder. Der Politikerinnenjob scheint also ideal auf Frauen zugeschnitten zu sein: Er ist sozial, sinnvoll, man kann Teilzeit arbeiten und ist erst noch gut bezahlt.

Für Leute hingegen, die in der Privatwirtschaft Karriere machen wollen, ist der Aufwand eines Nationalratsmandats im Nebenamt mittlerweile oft zu gross. Dies betrifft mehrheitlich Männer. Auch aus anderen Gründen schwindet für sie der Anreiz, sich politisch zu engagieren. Vor allem in linken Parteien haben Männer kaum mehr Aussicht auf eine wichtige Funktion, da diese vorzugsweise an Frauen vergeben wird. Zudem ist nachgewiesen, dass Berufsfelder tendenziell an Prestige verlieren, wenn der Frauenanteil steigt.

1991 hielt die Luzerner Ständerätin Josi Meier ihre berühmte Rede anlässlich des Frauenstreiks, in welcher sie den Ausspruch «Frauen gehören ins Haus» neu interpretierte: «Natürlich gehören wir ins Haus: ins Gemeindehaus, ins Bundeshaus!»

Ihre Worte sind erhört worden. Wahrscheinlich hatte sich Meier die Sache aber anders vorgestellt. Denn geht die Entwicklung tatsächlich dahingehend weiter, dass die Politik zur Frauendomäne wird, währenddessen die Toppositionen in der Privatwirtschaft in Männerhand bleiben, so bedeutet das erneut eine Aufgabenteilung zwischen den Geschlechtern. Und die entspricht ironischerweise wieder ziemlich genau den konventionellen Rollenbildern: Männer gehen in der freien Wildbahn Geld verdienen, die Frauen kümmern sich derweil um den Staatshaushalt.



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Erstellt: 12.01.2020, 17:38 Uhr

In Zahlen

64,1 %
beträgt der Frauenanteil der SP-Fraktion im Nationalrat. Beim grossen Gegenspieler, der SVP, beträgt er 24,5 Prozent.

3
Schweizer Kantone werden von einer Frauenmehrheit regiert: Waadt, Zürich und Thurgau. Insgesamt ist der Frauenanteil in den Kantonsregierungen mit
23 Prozent allerdings eher gering.

2010
gab es mit der Wahl von Simonetta Sommaruga erstmals eine Frauenmehrheit im Bundesrat. Diese währte allerdings nur ein Jahr.

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