Nicht studiert und trotzdem Bundesrat

Adolf Ogi war ohne akademische Ausbildung noch ein Exot in der Regierung, 2019 könnte das Verhältnis nun erstmals kippen.

Simonetta Sommaruga ist ausgebildete Konzertpianistin. Foto: Peter Schneider (Keystone)

Simonetta Sommaruga ist ausgebildete Konzertpianistin. Foto: Peter Schneider (Keystone)

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Als Adolf Ogi, langjähriger Direktor des Schweizerischen Ski-Verbands und Generaldirektor von Intersport, 1987 Bundesrat werden sollte, kam eine Sache wieder hervor, die ihn ärgerte. Die Sache mit der Schule. Als Bub im Berner Oberland hatte Ogi die Aufnahmeprüfung für die Sekundarschule Frutigen nicht bestanden.

«Man sagte, ich sei intellektuell nicht fähig, Bundesrat zu werden», erinnerte sich Ogi (76) diesen Sommer in einer Sendung des Schweizer Fernsehens. Wann immer er im Bundeshaus einen Akkusativfehler gemacht habe, sei das ein Thema geworden. Er habe dann teilweise extra Englisch gesprochen, um Verwirrung zu stiften.

Bildungskarrieren sind persönliche Geschichten. Wer sich einmal schwertat, eine Aufnahmeprüfung nicht schaffte oder ein Jahr wiederholen musste, trägt das manchmal lange mit sich herum. Oft plagt es einen selbst viel mehr als Aussenstehende.

Fleiss, Moral und Engagement sind wichtiger als Diplome und Titel.

Gerade in der Schweizer Politik gilt: Jeder Lebenslauf ist erlaubt, das Regieren sollte unbedingt allen Bürgerinnen und Bürgern offenstehen, Arbeitern wie Professoren. Fleiss, Moral und Engagement sind wichtiger als Diplome und Titel. Adolf Ogi (SVP) hatte jederzeit den Rückhalt der Bevölkerung. Trotz oder wegen des fehlenden Sek-Abschlusses.

Ueli Maurer absolvierte eine KV-Lehre. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Diesen Winter wird die Bildungsvielfalt in der Landesregierung ausgebaut. Wählt die Vereinigte Bundesversammlung am 5. Dezember die FDP-Favoritin Karin Keller-Sutter, so regiert im Bundesrat ab Januar eine Ministermehrheit ohne klassisch akademische Ausbildung.

Ueli Maurer (SVP), Bauernsohn, hat nach der Sekundarschule eine KV-Lehre absolviert und war während 20 Jahren Geschäftsführer einer landwirtschaftlichen Genossenschaft. Guy Parmelin (SVP) hat die Matura abgelegt, Typus B mit Latein, dann aber eine Lehre als Landwirt gemacht und 1985 den Fachausweis «Betriebsleiter Weinbau» erhalten. Simonetta Sommaruga (SP) hat ebenfalls eine B-Matura gemacht, dann am Konservatorium Luzern eine Ausbildung als Konzertpianistin abgeschlossen, mit Weiterbildungen in Stanford und Rom. Mehrere Semester spanische und englische Literatur an der Uni blieben ohne Abschluss.

Vier zu drei

Karin Keller-Sutter (FDP) schliesslich ist Konferenzdolmetscherin. Sie hat keine Matura, sondern in Neuenburg ein Handelsdiplom erworben. Nach einer Zulassungsprüfung hat sie die Dolmetscherschule Zürich besucht und abgeschlossen. Diese ist heute Teil der Fachhochschule ZHAW. 1996 erlangte Keller-Sutter am Pädagogischen Institut der Universität Freiburg ein Nachdiplom für Sprachlehrkräfte, sie wirkte als Berufsschullehrerin.

Vier zu drei: Die Titel-Akademiker kämen in die Minderheit. Ignazio Cassis (FDP) ist Mediziner, Alain Berset (SP) Doktor der Ökonomie. Wer von der CVP auf die Juristin Doris Leuthard folgt, ist offen. Die Nominierten – Viola Amherd und Heidi Z’graggen – sind eine Notarin und eine promovierte Politologin.

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«Personen ohne Universitätsabschluss und ohne Matura sind bis jetzt sicher zu wenig im Bundesrat vertreten», sagt Andreas Glaser, Rechtsprofessor an der Universität Zürich und Direktor des Zentrums für Demokratie in Aarau. Es diene der «demokratisch erwünschten Vielfalt», dass auch Leute wie Ueli Maurer oder vielleicht bald Karin Keller-Sutter im Bundesrat seien. Sie könnten eigene Sichtweisen einbringen und der Herausbildung «beruflich bedingter Kasten oder Pseudo-Eliten» entgegenwirken.

«Es ist äusserst wichtig, dass bei hohen Ämtern nicht die formale Berufsbildung zum vorrangigen Auswahlkriterium wird», sagt Glaser. Denn das könne Politikverdrossenheit und schädliche Formen des Populismus schüren. Die da oben in Bern.

«Personen ohne Matura sind bis jetzt im Bundesrat sicher zu wenig vertreten.»Rechtsprofessor Andreas Glaser

Winzer, KV-Absolvent, Pianistin, Dolmetscherin: Auf dem Papier sieht das recht farbig aus. Im Gespräch aber legt die nominierte Keller-Sutter Wert auf die Feststellung, dass sie länger Regierungsrätin des Kantons St. Gallen gewesen sei als Konferenzdolmetscherin, Ersteres nämlich zwölf Jahre. «Man kann sich also streiten, was mein Erstberuf ist.»

Als langjährige Vorsteherin des St. Galler Sicherheits- und Justizdepartements hat sie zudem zweifellos auch ohne Jus-Studium weitreichende Erfahrung in rechtlichen Dingen gesammelt. «Ich bin sozusagen angelernt.»

Solche Exekutiverfahrung sei «viel entscheidender» für eine Wahl in den Bundesrat als jeder weitere berufliche Hintergrund, sagt der emeritierte Geschichtsprofessor Urs Altermatt, Herausgeber des biografischen Bundesrats-Lexikons. Parmelin, Sommaruga und Maurer waren vor ihrer Wahl alle Gemeinderäte (in Bursins VD, Köniz BE und Hinwil ZH), dann Kantons- und Bundesparlamentarier. Maurer war zusätzlich noch Parteipräsident.

Guy Parmelin ist gelernter Landwirt und Winzer. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Wie «unakademisch» eine Fachhochschule oder ein Konservatorium heute noch sind, ist zudem fraglich. Ihre Abgänger mögen nicht Juristen und Ökonomen sein, aber doch tertiär ausgebildete Geistesarbeiter. «Der Habitus des Bundesrats bleibt trotz aller Diversifizierung intellektuell geprägt», sagt der emeritierte Soziologieprofessor Ueli Mäder, der Standardwerke zu Macht und Reichtum in der Schweiz verfasst hat.

Das war schon immer so. «Akademiker haben den Bundesrat seit 1848 dominiert», sagt der Historiker Urs Altermatt. Gerade zu Beginn des Bundesstaates sei gut ausgebildetes Personal absolut gefragt gewesen. «Die Bundesräte schrieben die Gesetze damals ja oft noch eigenhändig.» Nach Bern kamen die Studierten. Das galt auch für die Sozialdemokraten, die 1943 erstmals einen Bundesrat stellten.

«Einen Mythos» nennt Altermatt die verbreitete Vorstellung, dass die SP früher eher Arbeiter als Professoren in die Hauptstadt entsandt habe. Ernst Nobs (Bundesrat von 1943–1951) war zwar Sohn eines Grindelwalder Schneidermeisters, hatte dann aber das Lehrerseminar gemacht und war Journalist der Zeitung «Volksrecht». Max Weber (Bundesrat von 1951–1953) war Doktor der Staatswirtschaftskunde und Lehrbeauftragter der Universität Bern. Der Zürcher Willy Spühler (1959–1970) war promovierter Volkswirt, Hans-Peter Tschudi aus Basel (1959–1973) Rechtsprofessor, Otto Stich (1984–1995) ein Doktor der Staatswissenschaften. Der Heizungsmonteur Willi Ritschard (1974–1983) war als Unstudierter also auch bei der SP eine Ausnahme.

Eine halbe Juristin

Neu ist heute, dass die Juristen im Bundesrat auf dem Rückzug sind. «Seit etwa 25 Jahren schwindet ihre Vorherrschaft», sagt der Historiker Altermatt. Im Moment ist Doris Leuthard die einzige Juristin im Gremium. Bereits erscheinen Abgesänge auf «die letzte Juristin», mit deren Abgang dem Bundesrat «der komplette Verlust seines juristischen Gewissens» drohe.

Solche Ängste sind wohl nicht begründet. Eine Bundesrätin wie Simonetta Sommaruga ist als Justizministerin längst zu einer halben Juristin geworden. «In der ‹Arena› argumentierte sie unlängst juristisch viel gewiefter als ein quasi ganzer Jurist», sagt der Soziologe Ueli Mäder.

Für den Bundesratshistoriker Altermatt ist es logisch, dass die Akademikerdiversität im Bundesrat zunimmt. «Das entspricht der Gesellschaft: Früher studierte man entweder Pfarrer, Arzt oder Jurist», sagt Altermatt. Heute seien die Fächer so zahlreich, dass sich das aufs Personal niederschlagen müsse. Ökonomen, Politologen, Ingenieure, Unternehmer.

Juristen sind in der Schweizer Politik übervertreten

Dass Juristen in der Politik lange Zeit so dominant waren (und im Parlament noch immer sind), mag im Studiengang angelegt sein. Die Nähe zum Papier, zum Gesetz, zu Paragrafen und ihrer Auslegung. Dazu kommen Ambition und Gestaltungswille. In den USA stellt keine andere Disziplin so viele politische Topkader, wie die Rechtsprofessorin Deborah Rhode in ihrem Buch «Lawyers as Leaders» schreibt. 26 der bisher 45 US-Präsidenten waren Rechtsgelehrte, auch wenn es im Weissen Haus stets Platz für Quereinsteiger hatte, etwa den Bergbauingenieur Herbert Hoover oder den Schauspieler Ronald Reagan.


Video – FDP und CVP präsentieren ihre Bundesratskandidaten

Bundesratswahl: Die FDP schickt Karin Keller-Sutter und Hans Wicki ins Rennen und die CVP Viola Amherd und Heidi Z’graggen. (Video: SDA)


Oft befördert in den USA auch die Beziehungsmechanik berühmter Law Schools ihre Absolventen in Spitzenpositionen. Für das Land ist das nicht immer optimal: Die juristische Ausbildung und Praxis «legen wenig Wert auf die zwischenmenschlichen Fähigkeiten und die ethische Entschlossenheit, die für erfolgreiche Leadership so wichtig sind», schreibt Rhode über ihre Zunft. Juristen gelangen an die Macht, aber sind ihr nicht immer gewachsen.

Auch in der Schweiz sind Juristen im Vergleich zu vielen anderen Berufsgruppen eher übervertreten in politischen Führungspositionen. Einen typischen Leadership-Stil der Juristen gebe es aber nicht, sagt Andreas Glaser, Rechtsprofessor an der Universität Zürich, solche Verallgemeinerungen seien unzulässig. Allenfalls könne man sagen, dass Juristen «in der Regel sehr sachorientiert und auf genaue Strukturen und klare Prinzipien bedacht sind». Dass dabei «die emotionale Komponente» manchmal etwas kurz komme, will Glaser nicht verhehlen. Grundsätzlich seien Juristen aber «Menschen wie alle anderen auch». Ideale Bundesräte also.

Erstellt: 22.11.2018, 06:29 Uhr

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