Reines Frauenticket wird möglich

Zwei CVP-Frauen wollen in den Bundesrat, ein Mann winkt ab. Und ein möglicher Kandidat sieht sich mit alten Vorwürfen konfrontiert.

Heidi Z’graggen nach der gewonnenen Wahl zur Urner Regierungsrätin 2012. Foto: Geri Holdener (Keystone)

Heidi Z’graggen nach der gewonnenen Wahl zur Urner Regierungsrätin 2012. Foto: Geri Holdener (Keystone)

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«Wo es um Einfluss, Macht und Karriere geht, kommen auch heute noch vorwiegend Männer zum Zug», sagte Heidi Z'graggen damals, im Jahr 2000, als Studentin an einem Podium in Altdorf. Die Urner Politikwissenschaftlerin mit Doktortitel beliess es nicht beim Studium der Staatsführung und der anklagenden Analyse. Sie schaffte es in die Regierung des Bergkantons, wo sie seit 14 Jahren als Justizdirektorin tätig ist. Jetzt will sie in den Bundesrat, wie sie gestern Morgen bekannt gab. Die Zürcher Frauenpionierin Emilie Lieberherr, die sie für ein Buchprojekt porträtierte, habe sie stark zu diesem Weg inspiriert. Auch bei der gestrigen Ankündigung ihrer Kandidatur räumte sie dem Frauenaspekt grosses Gewicht ein: «Nur wenn Frauen sich zur Wahl stellen, können sie nominiert und gewählt werden.» Wer sich so exponiert, muss auch mit Niederlagen rechnen.

Das erfuhr Z’graggen 2010: Obwohl als Regierungsrätin wohlbekannt, unterlag sie dem Parteilosen Markus Stadler bei den Ständeratswahlen deutlich. Klar brauche es Mut, als Aussenseiterin für den Bundesrat zu kandidieren, räumt Z’graggen ein, aber es sei nicht Wagemut. Schliesslich sei sie als Mitglied von mehreren schweizerischen Regierungskonferenzen mit bundespolitischen Themen vertraut. Nicht im nationalen Parlament zu sein, sei ein gewichtiges Handicap, sagt der Urner FDP-Ständerat Josef Dittli. Er sass mit Z’graggen zwölf Jahre in der Urner Regierung und ist überzeugt: «Je nach Konstellation sind ihr als Zentralschweizerin und als teamfähiger und zielorientierter Politikerin Chancen einzuräumen.»

Konservatives Gedankengut

Politisch ist die Urnerin nicht so einfach einzuschätzen. Sie ist eher dem konservativen CVP-Flügel zuzuordnen. Das habe nichts mit ihrem langjährigen Partner, dem Unternehmer und ehemaligen Zürcher SVP-Kantonsrat Bruno Dobler, zu tun, ­betont Z’graggen: Sie sei eine Politikerin aus den CVP-Stammlanden, und deren Wertvorstellungen fühle sie sich verpflichtet. Ansonsten beschreiben Leute aus ihrem politischen Umfeld Z’graggen als solide Konsenspolitikerin mit einem wachen Gespür für strategische Fragen und einem guten Umgang mit dem Personal. Ihr grösster Erfolg ist die Wiederbelebung des Tourimusortes Andermatt dank grossem Einsatz und dem guten, bisweilen als anbiedernd taxierten Einvernehmen mit dem ägyptischen Grossinvestor Samih Sawiris.

Uneingeschränkte Freude hat Babette Sigg, Präsidentin der CVP-Frauen. Sie arbeitet immer noch auf ein reines Frauenticket hin. Und dieses ist seit gestern Abend zumindest theoretisch möglich: Die 54-jährige Baselbieterin Elisabeth Schneider-Schneiter wurde von ihrer Kantonalpartei als Bundesratskandidatin nominiert. Wie die 52-jährige Z’graggen stammt die Nationalrätin aus einer Region, die derzeit nicht im Bundesrat vertreten ist. Als Präsidentin der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrats ist sie in letzter Zeit angeeckt, etwa mit der Forderung, die Sanktionen gegen Russland aufzuheben.

Bildstrecke: Die Kandidaten für die Leuthard-Nachfolge

Sagt nun auch noch die bisher als Kronfavoritin gehandelte Walliser Nationalrätin Viola Amherd zu, sei das Ziel eines reinen Frauentickets in Griffnähe, ist Babette Sigg überzeugt. Damit würden der CVP-Fraktion drei Frauen zur Auswahl stehen: Mit Viola Amherd sind sicher am meisten Stimmen im linken Lager zu holen, ist sie doch für ihre gesellschaftlich-liberale Einstellung bekannt. Eher auf Stimmen aus dem rechten Lager hoffen dürfen Elisabeth Schneider-Schneiter und Heidi Z’graggen.

Auch Elisabeth Schneider-Schneiter will in den Bundesrat. Video: SDA

Dem Wunsch nach einem reinen Frauenticket im Weg steht bisher lediglich ein Mann, der Zuger Ständerat Peter Hegglin. Aber seine Chancen aufs Ticket sind gut, steht doch derzeit bei der Fraktion ein gemischtes ­Ticket im Vordergrund. Aus dem Rennen genommen hat sich der Obwaldner Ständerat Erich Ettlin. Seine fast schon tägliche Absage erteilte gestern Parteipräsident Gerhard Pfister. «Ich werde nicht, ich will nicht, ich kann nicht, ich muss nicht», liess er die Schweiz via Twitter ­wissen.

Und da ist noch Pirmin Bischof aus Solothurn. Dem Ständerat werden seit geraumer Zeit Bundesratsambitionen nachgesagt. Er hat sich noch nicht zu einer allfälligen Kandidatur geäussert. Ausgerechnet jetzt werden neue Details zu einem Streitfall bekannt. Dabei geht es um die Zweckentfremdung von Lohngeldern von Solothurner Staatsangestellten. Direkt involviert ist der Staatspersonal-Sekretär, Pirmin Bischof.

Erstellt: 18.10.2018, 22:04 Uhr

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