Reisende fahren viel häufiger mit dem Zug ins Ausland

Die SBB verzeichnen in Nachtzügen markant mehr Passagiere. Nun führen sie mit dem Bund Gespräche, um das Angebot auszubauen.

Reisende im Zürcher Hauptbahnhof vor dem Nightjet der ÖBB nach Hamburg.

Reisende im Zürcher Hauptbahnhof vor dem Nightjet der ÖBB nach Hamburg. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am Wochenende herrschte am Flughafen Zürich Hochbetrieb. Während rund 100 Klimaaktivistinnen und -aktivisten lautstark demonstrierten, standen die Passagiere in langen Kolonnen vor den Check-in-Schaltern. Schon in den vorhergehenden Monaten war der Flughafen gut besucht; seit Anfang Jahr ist die Zahl der Passagiere im Vergleich zum Vorjahresmonat zwischen 0,3 und 5,8 Prozent gestiegen.

Aber: Auch im internationalen Zugverkehr steigt die Zahl der Fahrgäste und zwar markant, wie die SBB auf Anfrage sagen. Dieses Wachstum zeigt sich auf allen internationalen Strecken und bei Verbindungen während des Tages wie in der Nacht. Besonders hoch war der Anstieg bei den Nachtzügen nach Hamburg und Berlin. Es sind Strecken, die sich per Zug in acht bis zehn Stunden zurücklegen lassen – und für die viele Reisende bisher das Flugzeug bevorzugten. Konkrete Zahlen geben die SBB erst im September bekannt.

Kunden denken grüner

Die SBB haben noch nicht vertieft geprüft, ob auch die Klimaaktivisten zum Anstieg beigetragen haben. Sie haben aber ihre Kundinnen und Kunden befragt, und diese gaben in den vergangenen zwölf Monaten öfter an, dass sie sich Gedanken über das Klima machten und entsprechend ökologische Verkehrsmittel wählten.

Noch im Januar hatten die SBB auf Anfrage gesagt, sie würden nicht daran denken, wieder Nachtzüge einzusetzen; 2009 hatten sie sämtliche Wagons verkauft. Heute bieten nur die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) ein paar wenige Verbindungen in der Nacht von der Schweiz ins Ausland an – und zwar nach Hamburg, Berlin, Wien, Graz, Prag, Zagreb und Budapest.

Bund soll mitzahlen

Vor ein paar Wochen aber hiess es plötzlich, die SBB würden abklären, ob die nächtlichen Verbindungen ausgebaut werden sollen. Sie können dabei auch auf die Unterstützung der Politik setzen – selbst auf jenes der Bürgerlichen: CVP-Nationalrat Thomas Ammann fordert den Bundesrat in einem Postulat auf, zu prüfen, wie das Angebot an Nachtzügen ausgebaut und attraktiver gemacht werden kann.

Und: Ammann will auch darüber diskutieren, wie weit der Bund den Ausbau finanziell unterstützen soll. Der Vorstoss wurde von 40 Parlamentsmitgliedern unterschrieben, die aus allen bürgerlichen Parteien kommen, wie die «NZZ am Sonntag» schrieb.

«Viele Bürgerliche wollen noch etwas grüner werden.»Ulrich Giezendanner über den Wahlkampf

Auch Transportunternehmer Ulrich Giezendanner (SVP) setzte seine Unterschrift darunter. Sein Unternehmen nutze seit 1984 den kombinierten Verkehr und gehöre damit zu den grössten Bahnkunden, sagt er. Auch Nachtzüge findet er eine «wunderbare Sache». Allerdings nur, wenn sie unternehmerisch betrieben und nicht subventioniert würden.

Einzig den Ausbau dürfte seiner Meinung nach der Bund mitfinanzieren. Das Geld dafür müsste aber dem Bahninfrastrukturfonds entnommen werden. Wie erklärt es sich Giezendanner, dass so viele Bürgerliche den Vorstoss unterzeichnet haben? «In einigen Monaten sind Wahlen, und viele Bürgerliche wollen noch etwas grüner werden», sagt er.

Schlafwaggons an Güterzüge hängen

Zudem fordert die Organisation Objectif Train de nuit, dass Nachtzüge künftig auch an Güterzüge angehängt werden. «In ganz Europa sind nachts Güterzüge auf langen Strecken unterwegs. Dieses Potenzial wollen wir für nächtliche Reisen nutzen», sagte deren Vizepräsidentin, GLP-Nationalrätin Isabelle Chevalley, dem «Blick». Mit einem Mix aus Güterwagen und Schlafwaggons liessen sich die Nachtzüge rentabel machen – die Güterzüge würden ohnehin fahren. Nun will die Organisation in Machbarkeitsstudien abklären, ob sich ihre Idee umsetzen lässt.

Einfach wäre es allerdings nicht. «Die Güterzüge verkehren nicht über die grossen Bahnhöfe, weil die Kapazität dort zu knapp ist», sagt SBB-Sprecher Raffael Hirt. Zudem verfügten Güterzüge auch nicht über eine durchgehende Stromversorgung, was für Schlafwagen unabdingbar ist.

Mehr Nachtzüge und tiefere Preise

Die SBB führen zum Ausbau des Nachtzugsangebots bereits Gespräche mit dem Bund, können aber noch keine genaueren Aussagen zu ihren Plänen machen. Klar ist jedoch, dass sie die Nachtzüge nicht selber beschaffen, sondern die ÖBB, mit denen sie auch in Zukunft zusammenarbeiten werden. Diese Züge sollen in zwei bis drei Jahren ausgeliefert werden. Zu den künftigen Destinationen sagen die SBB nur, dass Städte infrage kommen, die im «Nachtzug-Radius» von acht bis zehn Stunden liegen und die heute zu den meist angeflogenen Destinationen aus der Schweiz zählen.

Wie aber wollen sie die Flugpassagiere in die Züge holen? Wie Raffael Hirt sagt, wird das Angebot in den Nachbarländern ab 2020 schrittweise ausgebaut, und es wird billiger. Fahrgäste können zu weniger nachgefragten Zeiten von Rabatten bis zu 70 Prozent profitieren. Heute liegt der Kostendeckungsgrad der Nachtzüge bei 50 Prozent. Idealerweise, so sagt der SBB-Sprecher, ist es einmal selbsttragend.

Erstellt: 15.07.2019, 21:44 Uhr

Artikel zum Thema

SBB sollen wieder Nachtzüge fahren lassen

Die Jungen Grünliberalen machen sich dafür stark, dass die SBB wieder eine Nachtzug-Flotte betreibt. Eine andere Staatsbahn macht damit Profit. Mehr...

SBB bereiten Nachtzug-Comeback vor

Die Nachtzüge der Österreichischen Bundesbahnen nach Berlin, Wien oder Budapest sind beliebt, ziehen die SBB nun mit? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...