Religiöse Stiftungen missbrauchen ihren Sonderstatus

Statt in religiöse Einrichtungen flossen Spenden einer Schweizer Freikirche in ein globales Firmennetz. Spezialisten orten bei religiösen Stiftungen ein Kontrollvakuum.

«Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb»: Das Areal der Gemeinde Sonnmatt in der Nähe von Mogelsberg SG. Foto: Martin Mischkulnig (13 Photo)

«Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb»: Das Areal der Gemeinde Sonnmatt in der Nähe von Mogelsberg SG. Foto: Martin Mischkulnig (13 Photo)

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«Vollgass Cholä schuflä», steht auf einem Schild, Dutzende Jugendliche stehen auf der Bühne und singen: «Zuesage sind schomol guet, verlüred jetzt nur nöd de Muet, bruched no es bitzli meh, scho isch die Million passé»,

Die Sammelaktion fand im vergangenen September auf einem ehemaligen Bauerngut abseits des St. Galler Ortes ­Mogelsberg statt. Dort trifft sich Woche für Woche die freikirchliche Gemeinde Sonnmatt, feiert Gottesdienste, veranstaltet Sport- und Spieltage. Unter den Mitgliedern sind viele kinderreiche Familien, sechs oder mehr Nachkommen pro Ehepaar sind die Regel. Die 450 Gläubigen bilden den Schweizer Ableger der Brun­stad Christian Church, einer ultrakonservativen Freikirche aus Norwegen, deren Richtschnur eine wörtliche Auslegung des Neuen Testaments ist. Abtreibung, Verhütung oder Scheidung sind mit deren Grundsätzen nicht vereinbar.

Ein weiteres Merkmal der «Norweger»: Sie zahlen im Vergleich zu Angehörigen einer Landeskirche mehr an die Gemeinde. Viel mehr. Zu den Geldquellen gehören Monatsbeiträge und Spenden. Ein Tarifblatt von 2016 weist für einen erwerbstätigen erwachsenen Gläubigen (inkl. Familie) je nach Einkommen Beiträge von 400 bis 480 Franken aus.

Der Sammeleifer hat zweierlei Gründe: Erstens muss das Gemeindehaus mit Sport- und Spielangebot unterhalten werden. Zweitens sind Spenden gefragt, um das globale Zentrum in Norwegen auszubauen. Obwohl das Oslofjord Convention Center Apartments und eine Halle für 6800 Besucher bietet, ist es für Konferenzen der weltweit 30 000-köpfigen Brunstad-Gemeinde aus 54 Ländern zu klein. Bis 2020 soll es für 200 Millionen Franken vergrössert werden.

Spenden flossen zu Off-Shore-Firma

Recherchen zeigen, dass Teile der Spenden aus der Schweiz nicht nach Norwegen flossen. Vielmehr wurden sie ­in einer zypriotischen Off-Shore-Firma namens BCC Financial (BCCF) parkiert und von da aus an Private und Firmen im Umfeld der Kirchenspitze weiterverliehen.

Es geht um erhebliche Beträge. Zwischen 2011 und 2014 waren es allein aus der Schweiz mindestens 4,4 Millionen Franken. 2014 schickte der Sonnmatt-Kassier eine E-Mail nach Norwegen: «Die Gemeinde Sonnmatt wird alles daran setzen, um im nächsten Sommer ins Zeltzu kommen. Das heisst für uns, dass wir bis Juni 2015 noch rund 5,0 Millionen bei BCCF anlegen werden.» Das «Zelt» ist eine Anspielung auf ein Fest, das die Brunstad-Gemeinde jährlich am Oslofjord feiert. Dabei gilt: je mehr Spenden, desto besser der Tisch an der Party.

Kirche und Geschäft verquickt

In Norwegen steht die Brunstad-Spitze wegen der Finanzen seit Jahren in der Kritik. Der geistliche Führer Kåre Johan Smith und das langjährige Vorstands­mitglied Bernt Aksel Larsen vermischten die kirchliche Arbeit mit privaten Geschäften, so der von Medien erhobene Vorwurf. Spendengelder würden im grossen Stil zweckentfremdet. Die Norweger bestreiten dies.

Bernt Aksel Larsen, Vorstands­mitglied. Foto: PD

Ein Hinweis, dass mit der Finanzierung etwas nicht stimmen könnte, tauchte bereits 2013 auf – in der Schweiz: Ein Teil der Sonnmatt-Gemeinde, über 100 Personen, spaltete sich ab. Die Betroffenen kritisierten intransparente Geldflüsse und beklagten, dass es nur noch ums Geld gehe. Die Kritiker wurden ausgeschlossen, ein Rechtsstreit zwischen einem von ihnen und der Kirche dauert an. Die Ausgeschlossenen wollten auf Anfrage keine Stellung beziehen.

Im März 2016 verhaftete die Polizei in Holland Jonathan L., ein Mitglied des innersten Brunstad-Zirkels. Die Führung hatte den 34-Jährigen angezeigt. Sie wirft dem Ex-Kirchen-Buchhalter vor, acht Millionen Euro abgezweigt zu haben. L. ist für die Brunstad-Spitze ein gefährlicher Mann, weil er viel weiss. Die Behörden beschlagnahmten bei ihm 205'600 E-Mails. Diese Daten liegen Tagesanzeiger.ch/Newsnet vor.

Mehrere Hundert Gesellschaften sind mit der Kirche verbandelt.

Die Mails erlauben einen Blick hinter die Kulissen der Kirche. Sie enthüllen ein verzweigtes globales Netz von Gesellschaften, die von Spenden aus den verschiedenen Kirchenablegern mit­gespeist werden. Private Unternehmen sind mit der Kirche verbandelt, darunter der Leuchtenhändler Lampenwelt oder der finnische Reitsportanbieter Finn-Tack. Total geht es um mehrere Hundert Gesellschaften und Stiftungen.

Die Spenden aus der Schweiz flossen als Darlehen an die zypriotische BCCF, die als Gelddrehscheibe diente. Strohmänner amteten als Direktoren. Die Anweisungen kamen oft von Bernt Aksel Larsen, Buchhalter L. führte die Befehle aus. Bei wichtigen Entscheiden schaltete sich das Oberhaupt Smith ein.

Smith und Larsen profitierten von den Geldflüssen: Laut einer internen Aufstellung flossen alleine an Larsen und ihm nahestehende Firmen 15 Dar­lehen, total rund zwei Millionen Euro.

Kåre Johan Smith, geistlicher Führer. Foto: PD

2013 gründete die Sonnmatt-Gemeinde neu eine kirchliche Stiftung, die BCC Schweiz. Spenden und Darlehen wurden fortan darüber abgewickelt. Auch das Darlehen wurde umgebaut: Das Geld war ab 2014 nicht mehr bei der zypriotischen BCCF, sondern direkt in Norwegen bei der Brunstad Christian Church angelegt. Dort befinden sich die Millionen laut Sonnmatt-Spitze noch heute. Die Idee dahinter: Die Schweizer unterstützen den teuren Ausbau in Norwegen. Wenn in einigen Jahren ein Neubau in der Schweiz ansteht, soll das Geld zurückfliessen. So erklärt es Davatz.

Auf Kosten der Kirche nach Las Vegas

Ob Sonnmatt das Geld je zurückerhält, ist allerdings nicht garantiert. Die Kirche steckt heute in einer Krise. In Holland laufen Ermittlungen gegen Jonathan L. Der Ex-Buchhalter lebte in Saus in Braus, wie die geleakten E-Mails zeigen. Er übernachtete auf kirchlichen Reisen im Four Seasons in Las Vegas oder im The Palm in Dubai. 2015 liess er sich in Las Vegas schachtelweise rosa Rosen aufs Zimmer liefern. Die Rechnung für den 6-Tage-Aufenthalt: 12'132.78 US-Dollar. Den Betrag verrechnete er als Spesen auf Kirchenkosten.

Neu ist auch Bernt Aksel Larsen, der langjährige Finanzchef, Beschuldigter im holländischen Verfahren. Ermittelt wird wegen Verdachts auf Urkunden­fälschung. Ebenso ist ein Rechtshilfe­ersuchen an die Schweiz gegangen: Ein Genfer Treuhänder, der in die Organisation des Brunstad-Netzes involviert war, soll als Zeuge aussagen.

Kåre Smith und Bernt Aksel Larsen antworteten nicht auf Fragen von Tagesanzeiger.ch/Newsnet. In seinem Blog weist Bernt Aksel Larsen die Vorwürfe gegen ihn zurück.

Die Stiftung ist steuerbefreit

All die Alarmsignale scheinen den Sonnmatt-Vorstand bisher nicht aus der Fassung zu bringen. Das Geld sei sicher, sagt Präsident Davatz, man vertraue der Leitung in Norwegen. Ausserdem gingen die Bauarbeiten am Oslofjord voran. Auch das zeige, dass die Gelder korrekt verwendet würden. Vor allem habe sich die Schweizer Gemeinde bezüglich Finanzen nichts vorzuwerfen: «Wir haben die Revisionsberichte der zypriotischen Firma angefordert und erhalten, ebenso jene der Kirche in Norwegen». Wirtschaftsprüfer hätten bestätigt, dass die Zahlen stimmten. Davatz betont, dass Mitglieder die Monatsbeiträge an die ­Gemeinde problemlos reduziert könnten, wenn ein Mitglied diese nicht tragen könne.

Erst als ihm Tagesanzeiger.ch/Newsnet Dokumente vorlegt, die zeigen, dass Brunstad-Geld via die zypriotische Firma in weltweit Dutzende Unternehmen geschleust wurde, gerät Davatz ins Grübeln. Diese Dokumente sehe er zum ersten Mal. Später mailt der Präsident: Eine Anfrage in Norwegen habe ergeben, dass die von der zypriotischen Firma weiterverliehenen Gelder korrekt und mit Zins in die Kirche zurückgeflossen seien.

Wie gut die Kontrolle tatsächlich funktionierte, ist fraglich. Daran ist auch das Schweizer Gesetz schuld: Die Stiftung BCC Schweiz unterliegt keinerlei staatlicher Aufsicht. So war die BCC Schweiz bei der Sitzgemeinde Neckertal SG bis zur Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet unbekannt. Gleich verhielt es sich bei der Ostschweizer Stiftungsaufsicht, die nur für «normale» Stiftungen zuständig ist. Informiert sind hingegen die St. Galler Steuerbehörden – aber auch sie prüfen die Buchhaltung nicht; sie haben die BCC als kirchliche Stiftung mit Kultuszweck offiziell steuerbefreit.

Die katholische Kirche im Kopf

Für den Zürcher Anwalt Thomas Sprecher ist in der Schweiz bei kirchlichen Stiftungen ein Kontrollvakuum entstanden: «Als der Gesetzgeber die Sonderform kirchliche Stiftung schuf, dachte er vor allem an die katholische Kirche», sagt der Jurist, der im rechtlichen Beirat des Verbands Swissfoundations sitzt. Die katholische Kirche habe über Jahrhunderte hinweg Kontrollstrukturen aufbauen können. Deshalb habe sie der Gesetzgeber von der staatlichen Aufsicht befreit. Diese Freiheiten scheinen nun von Stiftungen ausgenutzt zu werden, an die der Gesetzgeber damals nicht gedacht habe, wie islamische ­Stiftungen oder Freikirchen. Sprecher regt deshalb an, «gesetzliche Präzi­sierungen» für kirchliche Stiftungen und deren Aufsicht ins Auge zu fassen.

Aus der Sicht von Sonnmatt-Präsident Davatz ist die BCC Schweiz ausreichend kontrolliert. Man habe ein Reglement verabschiedet und ein Aufsichtsgremium gebildet. Das besteht aus Gemeindemitgliedern, wird aber laut Davatz von einem externen Stiftungsrechtler beraten. «Wir lassen die Stiftung zudem von einem Revisor kontrollieren – freiwillig», so Davatz. Wie viel Sonnmatt-Geld total nach Zypern und nach Norwegen floss, legt der Präsident nicht offen.

Klar ist, dass die zypriotische BCCF kurz nach Abzug des Schweizer Gelds in Schwierigkeiten geriet. Die Bank of Cyprus, welche BCCF-Konten führte, kündigte an, man werde diese schliessen. Derart komplizierte Strukturen, bei denen «auch noch Stiftungen involviert» seien, gehörten «nicht zum Risikoappetit der Bank», heisst es in einer E-Mail. Heute ist die BCCF stillgelegt.

Derweil sammeln die Sonnmatt-Mitglieder weiter fleissig Spenden. Oft auch mit Spezialaktionen. Im Februar 2015 hiess es etwa: In den nächsten zwei Monaten gibt es pro 1000-Franken-Spende eine nummerierte Weinflasche.

Am ersten Abend der Aktion gingen von 200 Flaschen 139 weg.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.01.2017, 21:43 Uhr

In keinem Register eingetragen

Wie viele religiöse Stiftungen in der Schweiz existieren, weiss niemand.

Als FDP-Nationalrätin Doris Fiala vergangenen Juni im Parlament ans Rednerpult trat, hatte sie keine Ahnung, welche Entrüstung sie in der katholischen Kirche auslösen würde. Eigentlich wollte die Zürcherin darauf aufmerksam machen, dass Islamisten Schweizer Stiftungen für die Terrorfinanzierung missbrauchen könnten. Fiala sagte: «Die Attentate in Paris und Brüssel (. . .) zeigen, dass auch religiöse Gemeinschaften von Finanzkriminalität und Terrorismus­finanzierung betroffen sein können.»

Tatsächlich sind kirchliche Stiftungen ein ideales Gefäss, um unbemerkt Geld hin und her zu schieben: Sie unterliegen keiner staatlicher Aufsicht, und sie sind nicht dazu verpflichtet, eine Revisionsstelle zu betreiben. Immerhin müssen kirchliche Stiftungen seit Anfang Jahr per Gesetz ins Handelsregister eingetragen werden. Sie haben dafür fünf Jahre Zeit. Wer sich nach Ende 2020 nicht ­eingetragen hat, dem drohen strafrechtliche Konsequenzen.

Das Problem: Das Handelsregister kann unmöglich in Erfahrung bringen, welche Stiftungen existieren. Und Stiftungen, die sich bis 2020 nicht eintragen lassen, verlieren ihre Rechtspersönlichkeit nicht. Diesen Passus hat sich die katholische Kirche mit viel Lobbyarbeit im Parlament erstritten.

Andrea Röllin, Expertin für kirchliche Stiftungen, erkennt ein ähnlich grosses Risiko für Geldwäsche wie bei Off-Shore-Konten in Panama. Doch sie hat auch Verständnis für die Probleme: Viele Stiftungen seien jahrhundertealt und verfügten nicht einmal über eine Stiftungsurkunde. Für Doris Fiala ist das Nebensache. Sie hat im Dezember in zwei Motionen verlangt, dass alle Vereine mit Geldflüssen ins Ausland neu ins Handelsregister eingetragen werden müssen. Und: Kirchliche Stiftungen sollen strenger sanktioniert werden, wenn sie nicht eingetragen sind. Beide Motionen sind im Parlament hängig. (ms/bsk)

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