Religion ist radikal

Wer sich die Kirche als politischen Eunuchen wünscht, hat das Evangelium nicht verstanden.

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Wie politisch darfs denn sein? Die Frage sorgt, bezogen auf das Wirken der Kirchen, wieder einmal für Auseinandersetzungen. CVP-Präsident Gerhard Pfister missfällt es, wenn Kirchenleute in Abstimmungskämpfen Position beziehen. Auch SVP-Exponenten wie die Zürcher Nationalrätin und Regierungsratskandidatin Natalie Rickli sowie ihr Nationalratskollege Claudio Zanetti sind ungehalten. Sie haben sich aus der katholischen Staatskirche verabschiedet, weil sie sich über politische Äusserungen von Kirchenvertretern geärgert haben. Eine Abkehr vom Katholizismus sei dies aber nicht, betonen die SVP-Politiker – und überweisen demonstrativ einen Solidaritätsbeitrag an den konservativen Churer Bischof Vitus Huonder. Inzwischen hat sich auch die oberste Zürcher Katholikin Franziska Driessen in die Debatte eingeschaltet und ihre Institution verteidigt.

Wer sich die Kirche als politischen Eunuchen wünscht, hat die Natur der Kirche missverstanden. Die Kirche folgt dem Evangelium, und das Evangelium ist radikal politisch – es nimmt Partei, wenn es darum geht, Schwache und Verletzliche zu schützen und zu stützen. Dazu gehören Flüchtlinge, Arme und Kranke. Auch Umwelt und Klima – im biblischen Duktus: die Schöpfung – sind auf Fürsprecher angewiesen, wenn den Interessen von Konzernen und Regierungen etwas entgegengesetzt werden soll. Die Kirchen dürfen, ja müssen sich einbringen, wenn im politischen Prozess diejenigen eine Stimme brauchen, die sonst nicht gehört würden.

Es liegt im Wesen des Evangeliums, dass es alle Menschen als gleichwertig und ebenbürtig anerkennt, keine Unterschiede macht zwischen Reichen und Armen, Erfolgreichen und Erfolglosen, Gesetzestreuen und Gesetzesbrechern. In einer Welt, wo sich der Graben zwischen Oben und Unten verbreitert und vertieft, ist die Kirche die Gegenkraft – indem sie integriert statt ausgrenzt.

Die Kirche soll durch konkretes Engagement den christlichen Geist vorleben.

Gerade vor diesem Hintergrund sind die SVP-Leute aber mit Fug und Recht frustriert, wenn Vertreter der Zürcher Kantonalkirche referieren, ein guter Christ könne nicht SVP wählen. Die Kirche soll durch konkretes Engagement den christlichen Geist vorleben. Darüber zu richten, wer das gut macht und wer nicht – wer also ein guter Christ ist und wer nicht: Das hingegen ist nicht ihre Aufgabe, sondern eine Anmassung. Eine Kirche, die sich dazu befugt sieht, die Gesellschaft pauschal und aufgrund der Parteipräferenz in gute und schlechte Christen zu gliedern, macht das Gegenteil dessen, was sie sollte: Sie spaltet, statt dass sie versöhnt.

Allerdings sind die Kirchenleute mit ihrem Pauschalurteil in guter Gesellschaft. Wenn die SVP den Slogan kreiert «Schweizer wählen SVP», begibt sie sich aufs selbe Terrain. Dann sagt sie im Umkehrschluss: Wer nicht SVP wählt, ist kein richtiger Schweizer. Und wenn der Churer Bischof und mit ihm die offizielle römisch-katholische Kirche dekretiert, dass ein guter Christ seine Homosexualität nicht auslebe – dann ist auch das eine Anmassung.

Vielleicht hilft ein Blick ins Matthäus-Evangelium: «Urteilt nicht über andere, damit Gott euch nicht verurteilt. Denn so wie ihr jetzt andere richtet, werdet auch ihr gerichtet werden. Und mit dem Massstab, den ihr an andere anlegt, werdet ihr selbst gemessen werden.» Es wäre viel gewonnen für die politische Kultur, wenn der alte Matthäus auch in der Gegenwart ein bisschen Beachtung fände.

Erstellt: 25.01.2019, 21:50 Uhr

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