Rentenreform: Wer gewinnt, wer verliert?

Der Abstimmungskampf beginnt. Im Streit um Lohnabzüge und AHV-Renten muss jeder Stimmberechtigte die Rechnung für sich selbst machen.

Als der Pöstler noch die AHV brachte: Eine Rentnerin 1980 in ihrer Stube. Foto: Keystone, Photopress-Archiv

Als der Pöstler noch die AHV brachte: Eine Rentnerin 1980 in ihrer Stube. Foto: Keystone, Photopress-Archiv

Für das Mitte-links-Bündnis, das die Reform der Altersvorsorge mit hauchdünner Mehrheit durchs Parlament gebracht hat, handelt es sich um den bestmöglichen Kompromiss. Für die Gegner gefährdet das Grossprojekt die Renten künftiger Generationen, strapaziert den Generationenvertrag aufs Äusserste. Doch jeder einzelne Stimmberechtigte muss am 24. September für sich die Frage beantworten, ob die Rechnung für ihn persönlich aufgeht.

Neue Berechnungen des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV) können beim Abstimmungsentscheid eine Orientierungshilfe bieten. Anhand von ausgewählten Fallbeispielen wird vorgerechnet, wie sich die Reform auf die erwerbstätigen Frauen und Männer sowie auf Familien auswirkt: welche zusätzlichen Steuern und Beiträge für sie anfallen und wie sich die Rentenansprüche mit der ­Reform verändern.

Es zahlen die künftigen Rentner

Zur Kasse gebeten werden vor allem die künftigen Rentner, die Arbeitnehmer und Arbeitgeber: Sie müssen mehr Geld ins Pensionskassensystem einzahlen und zusätzliche Lohnbeiträge an die AHV abliefern. Sinn und Zweck der höheren Beiträge in die zweite Säule ist es, die Senkung des Umwandlungssatzes (von 6,8 auf 6,0 Prozent) abzufedern ­beziehungsweise eine Rentenkürzung zu verhindern. Doch absolut gilt die ­Besitzstandsgarantie nur für die Angehörigen der Übergangsgeneration: jene, die bei Inkrafttreten der Reform mindestens 45 Jahre alt sind. Bei jenen, die knapp unter diese Schwelle fallen, treten die grössten Rentenverluste auf.

Die Abstimmungsschlacht um die Rentenreform ist eröffnet: Ruth Humbel (CVP/AG) nimmt Stellung. (Video: Tamedia/SDA)

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So errechnete das BSV für eine erwerbstätige Person, die bei Inkrafttreten 44-jährig ist und monatlich 7000 Franken verdient, eine Renteneinbusse von 110 Franken pro Monat. Je tiefer das Einkommen, desto geringer fällt die Renteneinbusse in der zweiten Säule aus. Bei einem Monatseinkommen von 5200 Franken beträgt die Einbusse monatlich 48 Franken. Für Geringerverdiener schaut am Ende des Erwerbslebens sogar eine kleine Verbesserung der Pension heraus. Und je jünger jemand bei Inkrafttreten der Reform ist, desto weniger wirkt sich die Senkung des Umwandlungssatzes auf die Rente aus, weil er länger ins Pensionskassensystem einzahlt.

Je tiefer das Einkommen, desto geringer ist die Einbusse in der zweiten Säule.

Doch die Abfederung in der zweiten Säule hat ihren Preis. Für die 35- bis 54-Jährigen werden die Pensionskassenbeiträge um 1 Prozentpunkt erhöht (je 0,5 für Arbeitnehmer und Arbeitgeber). Zusätzlich werden künftig auf einem höheren Lohnanteil Beiträge für die berufliche Vorsorge erhoben. Dies liegt daran, dass der Koordinationsabzug gesenkt und dieser zusätzlich vom Beschäftigungsgrad abhängig gemacht wird. Ein tieferer Koordinationsabzug führt zu höheren Sparbeiträgen. Das verbessert besonders die Absicherung der Erwerbstätigen mit Teilzeitpensen.

Gemildert werden die Renteneinbussen in der zweiten Säule zudem durch den umstrittenen AHV-Zuschlag. Alle künftigen Rentnerinnen und Rentner werden monatlich 70 Franken mehr AHV erhalten, für Ehepaare beträgt die Erhöhung bis zu 226 Franken. Die Kosten dieser Rentenerhöhung betragen 0,3 Lohnprozente, die ab 2021 erhoben werden. Arbeitgeber und Arbeitnehmer liefern je 0,15 Prozent mehr an die AHV ab. Der gesamte AHV-Beitrag für Arbeitnehmer und Arbeitgeber liegt ab 2021 neu bei 8,7 Prozent.

Mehrwertsteuer trifft alle

Auf die laufenden AHV- und BVG-Renten hat die Reform keinen Einfluss. Aber die heutigen Altersrentner sind von der Erhöhung der Mehrwertsteuer auch betroffen. Sie müssen wie alle Konsumenten ab 2021 zusätzliche 0,3 Prozentpunkte Mehrwertsteuer entrichten. Und sie werden bereits ab 2018 die Steuereinnahmen aus 0,3 Prozentpunkten Mehrwertsteuer an die AHV zahlen – Mittel, die bisher an die IV flossen. Die Zusatzeinnahmen dienen zur Sicherung der AHV bis ins Jahr 2030. Die Zahl der Rentner wird in den nächsten Jahren massiv ansteigen. Ohne Zusatzmittel gerät die AHV im nächsten Jahrzehnt tief in die ­roten Zahlen.

Auch die Frauen zahlen einen Preis zur Sicherung der AHV-Renten. Ihr Rentenalter wird ab 2018 schrittweise erhöht und wird ab 2021 bei 65 Jahren liegen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.06.2017, 23:58 Uhr

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