Ringier ist wegen «Le Temps» in Turbulenzen

Ringier hat nach der Übernahme der Zeitung «Le Temps» ein Problem: Der Genfer Bankier Claude Demole wird seine Anteile verkaufen. Damit stehen die Beziehungen in die Bankenwelt auf dem Spiel.

Printmedien unter Druck: Anfang Mai bündeln die Ringier-Titel «Le Temps» und «L’Hebdo» ihre Kräfte in Lausanne. Foto: Keystone

Printmedien unter Druck: Anfang Mai bündeln die Ringier-Titel «Le Temps» und «L’Hebdo» ihre Kräfte in Lausanne. Foto: Keystone

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Die Redaktion der Zeitung «Le Temps» sitzt auf gepackten Koffern. Rund 90 Journalisten, Produzenten und Korrektoren ziehen Anfang Mai vom Redaktionssitz in Genf nach Lausanne in die Ringier-Zentrale um. Dort werden sie mit Kollegen des Wochenmagazins «L’Hebdo» in einem Newsroom einquartiert. Der Raum, gemäss Baubewilligung für maximal 100 Arbeitsplätze zugelassen, wird derzeit eingerichtet.

Den Entscheid, seine Kräfte in Lausanne zu konzentrieren, fällte Ringier im September 2014. Fünf Monate nachdem Ringier und Tamedia, die Herausgeberin des «Tages-Anzeigers», sich darauf verständigt hatten, dass Ringier die 46,2 Prozent «Le Temps»-Anteile von Tamedia übernehmen kann. Bis dahin waren die Zürcher Medienhäuser zu gleichen Teilen an «Le Temps» beteiligt.

Obwohl die Besitzverhältnisse nun geklärt sind, Ringier-CEO Marc Walder die Übernahme als «Herzensangelegenheit» bezeichnete und Investitionen versprach, ist die Stimmung auf der Redaktion angespannt. Moniert wird, man sei die einzige überregionale Zeitung der Westschweiz und damit ein Referenzmedium, aber Ringier habe kein publizistisches, sondern nur ein ökonomisches Konzept. In Lausanne sollen gar nicht erst genügend Plätze für die bestehende Redaktion bereitstehen.

Es wird Entlassungen geben

Eine gut informierte Quelle sagte gegenüber dem TA, Ringier werde nächstens 10 bis 20 Stellen abbauen und auch Journalisten entlassen. Ringier-Sprecher Edi Estermann bestätigte, dass man Stellen streicht. Er betont: «Wir haben zu keinem Zeitpunkt Kündigungen ausgeschlossen.» Die Entlassungen begründet Estermann mit «den gemeinsam mit den Redaktionen erarbeiteten, neuen Organisationsstruktur.» Man werde «zu gegebenem Zeitpunkt» darüber informieren. Wie viele Leute gehen müssen, bleibt offen.

Ungeklärt bleiben publizistische ­Fragen. Etwa: In welcher Form werden die im Newsroom zusammengelegten Redaktionen von «Le Temps» mit seinem neuen Chefredaktor Stéphane Benoit-Godet und «L’Hebdo» mit seinem langjährigen Chef Alain Jeannet zusammenarbeiten? Die Titel haben rund 15 Prozent Doppelleser. Wenn Journalisten also für beide Titel schrieben, fiele das nur einem kleinen Teil der Leser auf. Aber die Identitäten der Titel würden aufgeweicht. Deren politische Positionen unterscheiden sich markant.

Das Wochenmagazin «L’Hebdo» verfolgt einen konsequent pro-europäischen Linkskurs und hat mit der Politik der SVP ein grundsätzliches Problem. Die Tageszeitung «Le Temps» hingegen wendet sich an liberal-bürgerliche Leser und hat bei rechtspolitischen Themen keine Berührungsängste.

Der 15-köpfigen «L’Hebdo»-Redaktion wurde offenbar bereits mitgeteilt, dass künftig nur acht Edelfedern exklusiv für «L’Hebdo» schreiben werden. Der Rest soll sich offenbar auch für andere Aufgaben bereithalten. Ringier-Sprecher Ester­mann betont: «Die Autonomie der Titel ist und bleibt gewahrt.» Das sei sakro­sankt. Dem werde auch im neuen Newsroom Rechnung getragen.

Möglicherweise wird es bei «Le Temps» im Herbst zu noch fundamen­taleren Veränderungen kommen, samt Entlassungen. Die Zeitung wird ein neues Layout bekommen. Inhalte werden neu definiert und gegliedert, die Rubriken Schweiz oder International mit eigenen Wirtschaftsseiten ergänzt. Parallel dazu soll der neu ernannte Digitalchef Gaël Hurlimann «Le Temps» ab sofort ins digitale Zeitalter pushen.

Die Wut von Bankier Demole

Während das Management die Zukunft von «Le Temps» vorantreibt, zeichnet sich auf höherer Stufe ein unternehmerisch folgenschwerer Abgang ab, der dem Ringier-Image in der Romandie mit Sicherheit nicht zuträglich ist. Der Genfer Bankier, Aktionär und langjährige «Le Temps»-Verwaltungsrat Claude Demole hat VR-Präsident Stephane Garelli mitgeteilt, er werde sein Mandat niederlegen. Demole war für den TA trotz mehrerer Kontaktversuche seit Mittwoch nicht erreichbar. VR-Präsident Garelli sagte: «Ich kann die Absichten eines Aktionärs nicht kommentieren.» Ringier bestätigte aber, Demole werde seinen Aktienanteil von rund 3 Prozent ver­kaufen. Damit wird er auch aus dem Verwaltungsrat ausscheiden.

Sein Rückzug ist für Ringier ein herber Rückschlag. Der 69-jährige Bankier und Teilhaber der Privatbank Pictet sitzt seit der Gründung von «Le Temps» im Jahr 1998 im Verwaltungsrat. Er war schon an dem von den Privatbanken finan­zierten «Journal de Genève» beteiligt, das in «Le Temps» aufging. Und er blieb als Financier der Medienwelt treu, obschon sich namhafte Bankiers wie Bénédict Hentsch von ihr abwandten.

Gemäss TA-Recherchen hatte Verleger Michael Ringier Claude Demole persönlich um den Verbleib im VR gebeten, wohl um die historisch gewachsenen Bezie­hungen in die Genfer Bankenwelt, aber auch zur Stadt weiter zu pflegen, aber auch um die Privatbanken als Inseratekunden nicht zu verlieren.

Als Grund für Demoles Rückzug ­sagen mehrere Quellen unabhängig voneinander, der Bankier sei über die Art der Swissleaks-Berichterstattung von «Le Temps» über die fragwürdigen Geschäftspraktiken der Genfer Privatbank HSBC empört. Demole habe missfallen, dass sich Journalisten auf Dokumente des Datendiebs Hervé Falciani stützten und Bankiers, Kunden und mit ihnen den ganzen Finanzplatz Genf pauschal in Misskredit zogen.

Nach Demoles Rückzug stellt sich für Ringier plötzlich die Strategiefrage: Was passiert mit der Gesellschaft Le Temps SA, deren Sitz man – auch als symbolische Geste – in Genf belassen wollte? Aus Zürich heisst es, die SA bleibe in Genf samt einem Büro mit 10 Journalisten. Und weil Claude Demole die Veräusserung seines Anteils rechtzeitig angekündigt habe, werde Ringier demnächst über «die neue Lösung» informieren.

Erstellt: 13.03.2015, 20:31 Uhr

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