«Wir rechnen damit, dass noch ein oder zwei Jets betroffen sind»

Für Luftwaffenchef Bernhard Müller gehören Schäden bei Flugzeugen zur normalen Abnützung. Entscheidend sei, ob sie stabil bleiben.

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Es ist eine Premiere in der Geschichte der Schweizer Luftwaffe: Die gesamte F/A-18-Flotte stand vergangenen Mittwoch am Boden. Grund dafür war ein gebrochenes Scharnier an der Landeklappe eines Einsitzers. Aus Sicherheitsgründen musste die Luftwaffe sämtliche F/A-18-­Flieger kontrollieren, bevor sie wieder abhoben. Nun zeigt sich, dass der Schaden grösser ist als angenommen: Drei weitere Maschinen weisen lädierte Scharniere aus. Betroffen sind ein weiterer Einsitzer und zwei Zweisitzer. An den Scharnieren ihrer Landeklappen sind feine Risse vorhanden. 23 ihrer 30 F/A-18 hat die Luftwaffe bisher inspiziert. Die betroffenen Maschinen bleiben bis auf weiteres am Boden. Luftwaffenchef Bernhard Müller nimmt Stellung.

Wie sind die Schäden entdeckt worden?
Die F/A-18 war im Rahmen eines Wiederholungskurses in Meiringen im Einsatz. Zwischen zwei Flügen bemerkte der für die Maschine verantwortliche Flugzeugwart - ein Milizsoldat - bei einer üblichen Kontrolle, dass einer der Flügel nicht so aussah, wie er sollte. Er schaute genauer hin und stellte ein gebrochenes Scharnier fest.

Seit wann war dieser Bruch vorhanden?
Wir gehen davon aus, dass das Befestigungsscharnier während des Flugs kurz vor der Kontrolle gebrochen ist.

War der Pilot dabei in Gefahr?
Nein. Ich habe mit ihm gesprochen. Er hat davon nichts gemerkt, die Steuer­fähigkeit war demnach nicht eingeschränkt.

Erstmals in der Geschichte der Schweizer F/A-18-Flotte standen alle Maschinen am Boden. Wie kam es zu diesem Grounding?
Gemeinsam mit dem Hersteller Boeing und anderen Betreibern dieses Flugzeugs haben wir das Problem mit dem gebrochenen Scharnier analysiert. Nach einer eingehenden Risikoanalyse hat die Armasuisse als Zulassungsbehörde von militärischen Flugzeugen beschlossen, dass die gesamte Flotte einer Überprüfung unterzogen werden muss, bevor die Maschinen wieder abheben.

Was geschieht mit den vier betroffenen Maschinen?
Wir evaluieren gemeinsam mit den Spezialisten von Boeing und den anderen Luftwaffen, wie das weitere Vorgehen aussehen könnte. Ich rechne damit, dass wir in etwa einer Woche mehr wissen.

Fakt ist aber, dass die Flieger repariert werden müssen.
Zum jetzigen Zeitpunkt gilt das nur für jene Maschine, deren Scharnier gebrochen ist. Für die anderen drei F/A-18 steht das noch nicht fest. Das ist nur eine der Möglichkeiten. Denkbar ist auch, dass wir trotz der Risse damit weiterfliegen und die betroffenen Flieger dann in viel kürzeren Abständen kontrollieren. Wir brauchen für diese Entscheidung aber zusätzliche Angaben des Herstellers und genauere Erkenntnisse.

Haben diese Schäden Ihre Experten überrascht?
Risse treten im Laufe der Zeit auf – egal, woraus ein Flieger besteht. Die Frage ist, bleiben die Risse stabil oder nicht. Die Ingenieure des Herstellers belasten das Flugzeug bei seiner Entwicklung jeweils aus und schätzen dadurch seine Lebensdauer ab. Sie messen auch, welches die stark beanspruchten Stellen sind, und erkennen so, wo jeweils mit Rissen zu rechnen ist. Wir wussten, dass die nun betroffene Stelle sehr stark belastet ist. Es war deshalb im Rahmen des Programms zur Nutzungsverlängerung der F/A-18-Flotte vorgesehen, diese Stelle entweder zu verstärken oder gleich den ganzen Bereich auszutauschen. Der Bruch trat aber schneller auf, als wir dachten.

Blieben Sie zu lange untätig?
Nein, denn bisher hatten wir weder Kenntnis von einem Bruch noch von Rissen. Die vom Werk abgeschätzte Lebensdauer unserer F/A-18 beträgt so, wie wir sie betreiben, rund 5000 Flugstunden, und die betroffenen Maschinen versammeln je circa 3000.

«Wir wussten, dass die nun betroffene Stelle stark belastet ist.»

Beklagen noch andere Luftwaffen mit Hornets diese Schäden?
Das vermuten wir. Konkret wissen wir es aber nicht.

Nutzt die Schweizer Luftwaffe ihre F/A-18 anders als andere Armeen?
Natürlich gibt es Unterschiede. So belastet eine Marine, die ihre Maschinen ab Flugzeugträgern operiert, ihre Flotte ganz anders als wir. Deren Kampfjets sind beispielsweise Salzwasser ausgesetzt und müssen viel härtere Landungen ertragen. Handkehrum nutzen wir unsere Hornets im Luftkampf, was sie anders belastet als bei Manövern für Erdzielangriffe.

Welche Konsequenzen hat der Ausfall der beschädigten Hornets?
Der Luftpolizeidienst und die Einsätze sind sichergestellt. Sie haben erste Priorität. An zweiter Stelle steht die Ausbildung der neuen Piloten, die in diesen Tagen vom Propellerflugzeug in den Jet umsteigen. Auch diese Umschulung können wir garantieren. Unklar ist, wie es mit dem Training der bestehenden Piloten aussieht. Das müssen wir im Laufe der kommenden Woche klären.

Die Kontrolle von sieben Hornets steht noch aus. Was, wenn auch diese am Boden bleiben müssen?
Das ist unrealistisch.

Weshalb?
Rein statistisch. Wir haben 23 Maschinen untersucht, vier sind betroffen. Es ist unrealistisch, dass just die sieben ebenfalls befallen sind, die zufällig bei der Ruag in Revision sind.

Dann erwarten Sie nicht, dass weitere F/A-18 beschädigt sind?
Mit den Erfahrungen, die wir nun gemacht haben, rechnen wir damit, dass noch ein oder zwei Jets betroffen sind.

Haben die nun entdeckten Schäden einen Zusammenhang mit den jüngsten Abstürzen der Luftwaffe?
Nein. Keiner von ihnen wurde durch Strukturmängel der Jets verursacht.

1999 und 2015 wiesen einige der F-5-Tiger-Kampfjets Risse an den Flügeln auf und mussten am Boden bleiben. Besteht hier eine Verbindung?
Nein. Diese Risse traten weder am gleichen Ort auf, noch handelt es sich um denselben Hersteller oder dasselbe Material.

Können Sie den Ausfall der beschädigten F/A-18 mit der Tiger-Flotte kompensieren?
Nein. Anders als die Hornets kann der Tiger nur bei guter Sicht – also weder bei schlechtem Wetter noch in der Nacht – betrieben werden. Zudem ist er nicht bewaffnet.

Was bedeutet der Vorfall für die Beschaffung des neuen Kampfflugzeugs?
Dass wir uns an den Marschplan halten müssen.

Muss das Beschaffungsverfahren jetzt beschleunigt werden?
Nein, noch schneller geht es nicht. Ich bin strikte gegen jegliche Abkürzungen. Wir müssen die Beschaffung des neuen Jets mit aller Ernsthaftigkeit anpacken.

Gehört die Entscheidung über das neue Kampfflugzeug vor das Volk?
Das muss die Politik entscheiden.

Erstellt: 03.02.2018, 11:02 Uhr

Bernhard Müller
Seit Jahresbeginn kommandiert der 60-Jährige die Luftwaffe. Der gebürtige Aargauer wohnt in Alpnach, ist Helikopterpilot und dient seit 40 Jahren in der Luftwaffe. Er war als Cheffluglehrer an der Einführung des Superpumas beteiligt, leitete unter anderem humanitäre Helikoptereinsätze der Schweizer Armee in Albanien und auf Sumatra sowie Feuerlöscheinsätze in Griechenland. Vor seiner Beförderung fungierte er als Chef Einsatz der Luftwaffe. Vor seiner militärischen Karriere hat Müller das Lehrerseminar absolviert und anschliessend an der philosophischen Fakultät der Universität Zürich studiert. (Bild: Keystone Christian Merz)

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