Rock, Faustschläge und patriotische Tendenzen

Kevin G. ist langjähriger Sänger der Schweizer Band Amok, die am Neonazi-Treffen in Unterwasser auf der Bühne stand. Wie gefährlich ist der bekannte Rechtsradikale?

Der gelernte Metzger Kevin G. sagt, die Ausländerkriminalität mache ihm Sorgen.

Der gelernte Metzger Kevin G. sagt, die Ausländerkriminalität mache ihm Sorgen.

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Im Telefonbuch ist er nicht zu finden. Auf eine Kontaktanfrage, hinterlassen im Briefkasten, folgt keine Reaktion. Sein Bruder schreibt auf eine Nachricht nicht zurück, und seine Mutter sagt über die Gegensprechanlage eines Hombrechtiker Wohnblocks, sie habe kein Interesse, den Medien Auskunft zu geben. Dann, drei Tage später, trifft eine E-Mail ein: «Senden Sie mir Ihre Fragen. Kevin G.»

Diese türmen sich – spätestens seit dem 15. Oktober: An jenem Samstag trafen sich in Unterwasser im Toggenburg rund 5000 Rechtsextreme zu einem Konzert. Auf dem Flyer waren drei deutsche Bands angekündigt. Und eine aus der Schweiz: Amok. Mitgründer und langjähriger Sänger der Gruppe ist Kevin G.

Auf Aufnahmen der Band singt er Textzeilen wie «Ihr linken Fotzen! Ihr linken Fotzen! Bei eurem Anblick kann man ja nur kotzen!», die Amok-Alben heissen «Verbotene Wahrheit», «Kraft aus dem Herzen» und «das Lumpenpack von Bern». Ebenso wird er in der Presse mit zwei Musikprojekten namens «Erschiessungskommando» und «Mordkommando» in Verbindung gebracht, deren Texte Morddrohungen gegenüber Zürcher Juden und Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) enthalten. Ob es Kevin G. ist, der «Bomben auf Wiedikon!» ins Mikrofon brüllt, ist nicht geklärt. Es gibt zwei Indizien: die Ähnlichkeit der Stimmen und einen Kommentar auf der Rechtsrock-Plattform 88nsm.com, der die Projekte miteinander in Verbindung bringt.

In einer Antwort schreibt Kevin G., er habe Amok «schon vor vielen Monaten verlassen» und mache «auch sonst keine Musik mehr». Mit den anderen Projekten habe er «nichts zu tun». Am Anlass in Unterwasser sei er nicht dabei gewesen, «ich kann deshalb auch nicht sagen, was für Ansichten an dieser Veranstaltung vertreten wurden». Zu seiner eigenen Weltanschauung sagt er: «Wenn es heute als rechtsradikal gilt, dass man sein Heimatland liebt und sich Sorgen betr. Masseneinwanderung, Asylpolitik und Ausländerkriminalität macht. Ja dann gelte ich in den Medien wohl als rechtsradikal.» Die Antworten verschickte er von der Adresse amok_info@*****.com.

Schlägereien an der Chilbi

Es gibt keinen Beleg dafür, dass Kevin G. in Unterwasser auf der Bühne stand. Fakt ist, dass er als Amok-Frontmann zu einer bekannten Figur der Schweizer Rechtsextremen geworden ist. Wer ist der 28-Jährige? Wie gefährlich ist er? Und wo kommt sein Gedankengut her? Um diese Fragen zu beantworten, hat der TA mit einer Reihe von Personen gesprochen, die ihn kennen.

Kevin G. wuchs in Hombrechtikon auf, einer 8600-Einwohner-Gemeinde im Zürcher Oberland. Von 1999 bis 2003 besuchte er dort die Oberstufe. Damals seien sein älterer Bruder und er in die rechtsextreme Szene eingetaucht, sagt Lothar Janssen. Der Psychotherapeut leitet die Beratungs- und Präventionsstelle der Schule Hombrechtikon. «Kevin war nicht ohne seinen Bruder vorstellbar», sagt Janssen. Der Ältere habe den Jüngeren mitgezogen, die beiden hätten sich selbst gern als Opfer von ausländischen Mitschülern inszeniert. In Wahrheit war es oft umgekehrt, bei einer Prügelei ging laut Janssen das Schlüsselbein eines Jungen zu Bruch.

Nach der Jahrtausendwende keimte in Hombrechtikon eine rechtsradikale Szene. An der Chilbi gab es Schlägereien, an denen sich auch auswärtige Rechtsextreme beteiligten. Bei einer Veranstaltung an der Schule zum Thema «Wie geht es euch an der Oberstufe?» verlas eine Gruppe um Kevin G. und seinen Bruder auf dem Podium eine Art Manifest. «Da waren eindeutige Tendenzen zu hören, die Lehrerschaft war entsprechend geschockt», erinnert sich Janssen. G. sagt, es sei schon möglich, dass er damals «patriotische Tendenzen» vertreten habe.

Attacke gegen einen Polizisten

Nach der Schule begannen beide Brüder eine Lehre als Metzger im Zürcher Oberland. In diese Zeit fällt der erste bekannte Auftritt von Amok: im September 2005 im Wallis, an einer Gedenkfeier für den Gründer des internationalen Skinhead-Netzwerks Blood & Honour. G. war damals 17-jährig. Die Vorliebe für Musik hing eng mit den Böhsen Onkelz zusammen, im Jugendtreff sang er ganze Alben der Deutschrockband mit. Psychologe Janssen nennt die Onkelz eine «klassische Einstiegsdroge» in die rechte Szene. G. schreibt, sein Musikgeschmack sei «vielfältig». Ein weiteres Puzzlestück ist das Blood-&-Honour-Netz, in das die Brüder eintraten. «Dort fanden sie Kameradschaft», sagt Janssen. Die beiden waren bei der Mutter aufgewachsen. Der Vater fehlte.

Mit 20 Jahren war Kevin G. eine Grösse in der Szene, knüpfte Kontakte ins Ausland. Als 2007 in Glarus eine Gruppe Rechtsextremer eine bewilligte Juso-Demo angriff, war er vorne mit dabei – und versetzte einem Polizisten einen Faustschlag. Dafür verurteilte ihn der Verhörrichter in Glarus zu 180 Tagessätzen à 80 Franken bedingt.

G. gab damals zu Protokoll, er sei «zufällig auf andere gleichgesinnte Kollegen getroffen» und habe «einfach mal mit den Juso-Leuten reden wollen». Als ein Polizist einen Pfefferspray gegen ihn einsetzte, habe er um sich geschlagen und dabei wohl den Beamten getroffen.

Im selben Jahr erschien «Verbotene Wahrheit», das Amok-Debütalbum. Auf der CD war ein Lied zu finden, in dem der Journalist Hans Stutz attackiert wurde, der sich auf Rechtsextremismus spezialisiert hatte: «Hans Stutz / hast du es gecheckt / du musst dich nicht verwundern / wenn einst ein Messer in deinem Rücken steckt», lautet eine Textpassage.

Stutz, der bereits über Amok recherchiert hatte, reichte Strafanzeige ein. Die Polizei installierte eine versteckte Kamera vor dem Proberaum der Band und beschlagnahmte ein Textbuch, in dem die kompromittierenden Passagen fein säuberlich aufgeschrieben waren. Nach über zweijährigen Ermittlungen verurteilte die Luzerner Justiz Kevin G. wegen Rassendiskriminierung und öffentlicher Aufforderung zu Verbrechen oder Gewalt. Dazu kam das unsachgemässe Aufbewahren einer Gaspistole. Dafür erhielt er eine Geldstrafe von 3600 Franken, diesmal unbedingt.

Die Geschichte blieb nicht der einzige Fall von Rassendiskriminierungs-Vorwürfen. Am 4. Juli 2015 traf eine Gruppe Neonazis in Zürich-Wiedikon auf einen orthodoxen Juden. Kevin G. habe als Rädelsführer der 20-köpfigen Gruppe den Mann als «Scheissjuden» beschimpft und ihm ins Gesicht gespuckt, berichtete die «SonntagsZeitung». Zeugen hätten die Attacke bestätigt. Kevin G. bestreitet die Vorwürfe. Laut einer Person aus seinem Umfeld verteidigt er sich damit, er sei im entscheidenden Moment bereits im Taxi gesessen.

Die zuständige Staatsanwältin sagt dazu nichts. Sie bestätigt nur, dass Ermittlungen bis heute andauern.

Die Staatsanwältin hat wohl auch ein St. Galler Strafdossier zur Einsicht angefordert. Am 20. Juni 2013 fällte in Uznach das Kreisgericht See-Gaster ein Urteil gegen zwei Rechtsradikale. Ein Reporter der «Südostschweiz» fasste zusammen: «Ihre Haare sind kurz rasiert. Die muskulösen Arme tätowiert. Sie tragen schwarze Ledergilets. Auf ihnen prangt das Emblem des rechtsextremen Netzwerks Blood and Honour.»

Ein Jahr Gefängnis

Einer der beiden war Kevin G., wie der Leitende St. Galler Staatsanwalt Thomas Weltert dem TA bestätigt. Laut der damaligen Berichterstattung verprügelten die beiden 2012 in der Boomerang-Bar in Jona einen betrunkenen Provokateur. G. schlug ihm einen Keramik-Aschenbecher ins Gesicht, der zerbrach. Als der Mann am Boden lag, traten sie weiter auf ihn ein. Der damals 35-Jährige erlitt einen doppelten Nasenbeinbruch sowie Quetschungen an Stirn und Brustkorb. Die Anklage dokumentierte zwei weitere Gewaltausbrüche von G.: An der Hombrechtiker Chilbi 2012 schlug er einem Gegner einen Zahn aus, und an der Zürcher-Oberland-Messe 2011 schlug er eine betrunkene Frau bewusstlos, die ihm ein Getränk über den Kopf geschüttet hatte.

Das Kreisgericht verurteilte ihn unter anderem wegen mehrfacher Körperverletzung zu 30 Monaten Gefängnis, davon 12 Monate unbedingt. G. sagt, seine Vorstrafen seien «Jahre her» und müssten «nicht weiters diskutiert werden».

Seinen Job in einer Metzgerei im Zürcher Oberland verlor er dennoch nicht. Aus seinem Umfeld heisst es, der Arbeitgeber wisse von den Vorfällen und von Amok, wolle ihm aber eine letzte Chance geben, sein Leben in den Griff zu bekommen. Gleichzeitig sagen Quellen, G. habe zwei Gesichter: Bei der Arbeit sei er fleissig und pünktlich, mit ausländischen Mitarbeitern komme er gut aus. Gleichzeitig halte er eisern an seinen radikalen Ansichten und an Amok fest. «Für mich ist das unverständlich», sagt jemand, der ihn seit Jahren kennt. Der grosse Bruder habe ja auch «geruhigt».

Für Lothar Janssen ist der Fall klar – Kevin G. habe sich längst von seinem Bruder emanzipiert: «Der Ältere ist nach meinem Wissensstand nicht mehr aktiv. Kevin aber ist aufgestiegen. Er ist ein Star in der Szene, er hat Fame», sagt der Psychologe. «Darauf will er nicht verzichten.» Und das mache ihn gefährlich.

Mitarbeit: Fabian Eberhard

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.11.2016, 23:36 Uhr

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