«Opfert uns nicht!»

Altersvorsorge 2020? Der Gewerkschaftsbund ist deutlich dafür. Zuvor herrschte ein Röstigraben-Krieg.

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«Opfert uns nicht!», ruft die empörte Gewerkschafterin aus der Romandie ins Mikrofon. «Ein Ja zum Rentenalter 65 für Frauen», sagt ein anderer, ebenfalls auf Französisch, «heisst ja zur Unterdrückung der Frauen.» Und irgendwann sagt einer: «Hier geht es nicht um eine Geschichte zwischen Deutschschweiz und Westschweiz. Es geht um die Prinzipien der Gewerkschaften.»

Natürlich weiss der Mann, auch er ein Welscher, dass er Unrecht hat. Es heisst sehr wohl «Deutschschweiz gegen Westschweiz», hier im Berner Hotel Ador, an diesem grauen Freitagmorgen. Gräulich scheint auch die Stimmung unter den 120 geladenen Delegierten des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds (SGB), trotz ostentativ gut gelauntem Hallo von SGB-Präsident Paul Rechsteiner («Traumresultat bei der Unternehmenssteuerreform III! Erleichterte Einbürgerung gutgeheissen! Bald mehr AHV!»).

Die Preisgabe eines gewerkschaftlichen Prinzips

Immerhin steht an diesem Morgen die Parole zur Altersvorsorge 2020 auf der Traktandenliste – und damit eben die Preisgabe eines ehernen gewerkschaftlichen Prinzips. Dass die Reform einen tieferen Umwandlungssatz für die Pensionskassenrente brächte, macht die Vorlage für die Gewerkschafter nicht bekömmlicher, spielt in der Debatte aber nur eine Nebenrolle. Doch dass die Dachorganisation der Schweizer Büezer ein zusätzliches Jahr Frauenarbeit unterstützen würde? Für viele hier im Raum unvorstellbar, oder besser: inimaginable.

Aber eben: Da sind auch die um 70 Franken erhöhten AHV-Renten, die SP-Ständerat Rechsteiner durch geschicktes Taktieren in die Vorlage brachte. «Ein Paradigmenwechsel!», wie der temperamentvolle Berner SP-Nationalrat Corrado Pardini den SGB-Delegierten lautstark einbläut. «Zum allerersten Mal hat das Parlament bei den Renten eine Korrektur vorgenommen: weg von der zweiten Säule, hin zur AHV! Damit ist der Kompass für die nächste und die übernächste Reform gesetzt! Es ist vorbei mit dem Aushungern der AHV! Wir kommen weg von den Pensionskassen, diesen ewigen Sanierungsfällen!» Die 70 Franken sind wenig, aber sie sind bloss der Anfang – mit dieser Verheissung grosser Zeiten gehen viele Befürworter am Mikrofon auf Stimmenfang.

«Es ist vorbei mit dem Aushungern der AHV!»Corrado Pardini, Nationalrat (SP, BE)

Da sind ferner die vielen weiteren Retuschen, kleinere und grössere, mit denen Rechsteiner und seine Alliierten der Reform ihr Gepräge gaben. Bundesanteil an der AHV verteidigt, Mischindex verteidigt, besserer Schutz für Ältere, verbesserter Koordinationsabzug: Man hat die Argumente oft gehört in den Parlamentsdebatten der letzten Monate, man hört sie auch von den SGB-Delegierten wieder.

Über 40 Leute sprechen, doch interessant ist vor allem, wer es ist, der was sagt. Alter oder Geschlecht: kein Muster erkennbar. Dafür aber: Röstigraben pur, wie er in Volksabstimmungen kaum noch aufreisst. Mit ihrem verbalen Esprit, ihren raumgreifenden Armschleudern geben die Westschweizer Redner eine Ahnung von französischer Debattenkultur – vielleicht auch mit dem, was sie sagen. «Möglicherweise stimmt es sogar, dass die Altersvorsorge 2020 der beste Kompromiss ist, der im Parlament zu erreichen war», sagt eine Romande. «Aber wir sind kein Parlament! Wir sind keine Politiker!»

Germanischer Pragmatismus, lateinisches Feu sacré

Dagegen aus der Deutschschweiz: fast nur Lob für Rechsteiner, fast nur Support für die Vorlage – fast nur Politikerdenken. Man will den Spatz in der Hand, man will der Rechten und den Arbeitgebern den Triumph eines Neins nicht gönnen. Man fürchtet, was dann geschehen könnte. Germanischer Pragmatismus hier, lateinisches Feu sacré dort. Eine, die besonders brennt, lässt sich bei ihrem Auftritt gar von einigen Frauen mit Pussyhats und grossem Transparent sekundieren: Renten erhöhen, nicht das Rentenalter, steht darauf. Als die Frau trotz abgelaufener Redezeit immer weiter deklamiert, ertönen Buhrufe.

Es ist der einzige kleine Aufruhr während der dreistündigen Diskussion. Mit fast maschineller Effizienz scheinen die Delegierten ansonsten darauf hinzuarbeiten, die Sache hinter sich zu bringen. Ein Westschweizer Antrag auf geheime Abstimmung verfehlt am Ende das erforderliche Quorum. Schliesslich: Altersvorsorge 2020, ja oder nein, die Delegierten halten ihre Stimmkarten hoch. Das Ergebnis sind 98 Ja-Stimmen, 21 Nein, eine Enthaltung. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund hat soeben ein höheres Rentenalter für die Frauen unterstützt. Inimaginable. Aber wahr.

Erstellt: 24.03.2017, 15:50 Uhr

SGB-Präsident Paul Rechsteiner (l.) mit Sekretariatsleiter Daniel Lampart. Foto: Anthony Anex (Keystone)

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