Salafisten verteilen jetzt Mohammed-Biografien

Deutschland verbietet die Koran-Verteilaktion «Lies!». Doch Salafisten planen bereits ihre nächste Kampagne – auch in der Schweiz.

Seit gestern in Deutschland verboten: Koran-Verteilung des Vereins «Die wahre Religion» in München. Foto: Georgia, Alamy

Seit gestern in Deutschland verboten: Koran-Verteilung des Vereins «Die wahre Religion» in München. Foto: Georgia, Alamy

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

An über 190 Örtlichkeiten in ganz Deutschland fuhren gestern Polizisten vor, führten Razzien durch, beschlagnahmten Beweise. Der Anlass des Grosseinsatzes: Das deutsche Innenministerium hat den Verein «die wahre Religion» verboten und aufgelöst, wie Innenminister Thomas De Maizière an einer Medienkonferenz bekannt gab. Der Verein steht hinter der Aktion «Lies!», unter deren Dach zumeist junge Männer in weissen T-Shirts und Jacken in ganz Europa Korane verschenken – auch in der Schweiz.

Der Verein sei «verfassungsfeindlich», es handle sich um das «grösste deutsche Sammelbecken jihadistischer Islamisten», heisst es in einer Erklärung. Die deutsche Regierung sieht in «Lies!» ein Propaganda-Werkzeug für islamistische Kreise.

Das Gesicht des Projekts ist wieder Pierre Vogel

Das heisst aber nicht, dass damit keine solche Strassenaktionen mehr stattfinden werden. Deutsche Salafisten bauen zurzeit eine Organisation namens «We love Muhammad» auf. Das Vorgehen und die Inszenierung gleicht der «Lies!»-Initiative. Die Beteiligten verteilen allerdings statt Koranen Mohammed-Biografien in Buchform.

Umfrage

Soll die Verteilaktion von «Lies!» verboten werden?





Gesicht des neuen Projekts ist der bekannte deutsche Konvertit und Prediger Pierre Vogel, der bereits mit den «Lies!»-Organisatoren in Verbindung stand. Auf seiner Facebook-Seite wurde am Montag ein Video aus Basel gepostet. In der Aufnahme ist ein Mann zu sehen, der sich in der Innenstadt aufhält. Er trägt einen Rucksack, daran ist ein Werbeplakat aufgespannt: «Muhammad – die Biografie des edlen Propheten», lautet der Schriftzug. Nach eigenen Angaben ist der Mann Schweizer mit mazedonischen Wurzeln.

Audiobücher für Kinder

Er verschenkt an diesem Tag in Basel ein Buch der «Sira», der Biografie des Propheten Mohammed. Dazu kommen Gratis-Audiobücher auf CD, welche sich an Kinder richten. Kollegen des Mannes verteilen Visitenkarten, es gibt auch eine App zum Downloaden. Es sei die erste Strassenaktion der Initiative «We love Muhammad», sagt der Mann.

Auf Pierre Vogels Facebookseite finden sich auch Bilder einer Verteilaktion in Bern – und ein Hinweis, dass bald Teams in Deutschland, Österreich und im Aargau aktiv sein würden. Vogel antwortete gestern nicht auf Fragen des TA.

«Wir sind eher restriktiv»

Auch in der Schweiz findet seit über vier Jahren Samstag für Samstag sowie unter der Woche in irgendeiner Fussgängerzone eine «Lies!»-Aktion statt. Die bär­tigen Herren, die hinter den rot-weiss-­goldenen Ständen selig lächeln, dürften im schweizerischen Strassenbild er­halten bleiben. Ein generelles Verbot von «Lies!» wie in Deutschland ist in der Schweiz kaum möglich.

Einzelne Kommunen haben trotzdem Wege gefunden, um Koran-Verteilungen zu verhindern oder einzudämmen. Am weitesten ging bislang ein Aargauer Städtchen: Die Regionalpolizei Brugg hat im Juni 2012 «Lies!»-Akti­visten keine Bewilligung für eine Aktion beim Brugger Neumarkt erteilt, «da Abklärungen ergaben, dass radikale Islamisten dahintersteckten», wie Stadt­ammann Daniel Moser sagt. «Wir sind aber allgemein eher restriktiv», ergänzt Moser, «beispielsweise auch bei Scientologen oder wenn Gideon-Bibeln vor Schulen verteilt werden sollen.» Von den Koran-Verteilern sei seit der Absage vor über vier Jahren kein Gesuch mehr eingegangen.

Auch Baden setzt Grenzen

Einen anderen Weg, Grenzen zu setzen, hat Baden gefunden. Das Aargauer Städtchen bewilligt laut Stadtammann Geri Müller pro Gruppierung und Jahr nur zwei Standaktionen, weshalb dort «Lies!»-Aktivisten wenig präsent sind.

Die meisten anderen Schweizer Städte, darunter Basel, Bern und Zürich, tolerieren «Lies!». Sie gewichten verfassungsmässige Rechte wie die Religionsfreiheit hoch. Auf Zürcher Stadtgebiet gab es laut Polizeisprecher Michael Wirz im laufenden Jahr bereits 30 bewilligte Standaktionen «mit muslimisch-religiösem Hintergrund». Auch auf den Winterthurer Strassen sind die Islamisten sehr präsent. Die zweitgrösste Zürcher Stadt hat erst kürzlich wieder ein Verbot der «Lies!»-Aktivitäten geprüft – und verworfen. «Es gibt keine hinreichenden Hinweise dafür, dass an den Standaktionen für kriminelle Handlungen geworben oder dazu angestiftet worden ist», sagte Daniel Beckmann, Leiter des Rechtsdiensts der Winterthurer Stadtpolizei, der «Neuen Zürcher Zeitung».

Die Bundesanwaltschaft ermittelt

Die Bundesanwaltschaft ermittelt nichtsdestotrotz gegen mehrere Personen, die mit dem Projekt in Verbindung stehen oder standen. Dies gab die Bundesanwaltschaft (BA) gestern auf Anfrage bekannt. Die BA kooperiere in ­diesem Zusammenhang auch mit den deutschen Strafverfolgungsbehörden, teilte Kommunikationschef André Marty mit. Haftverlängerung hat die BA eben für Sandro V. beantragt, der als «Emir» von «Lies!» in der Schweiz auftrat. Der Mann aus Winterthur sitzt seit einem Dreivierteljahr bei Bern in Unter­suchungshaft. Er wird verdächtigt, die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) unterstützt zu haben. Sandro V. bestreitet die Vorwürfe.

V. gehörte zu den Vertrauten des «Lies!»-Chefs Ibrahim Abou-Nagie, eines Deutsch-Palästinensers. Bilder zeugen von einem gemeinsamen Besuch der beiden in einer Koran-Druckerei. Zudem gehörte Sandro V. 2013 zu den Organisatoren einer «Benefizveranstaltung» für Syrien in Winterthur, zu der Abou-Nagie angekündigt war.

Verflochten mit dem Islamischen Zentralrat

In einer Stellungnahme auf Facebook wies der Verein «Die wahre Religion» gestern darauf hin, dass Abou-Nagie ­Verbindungen zum IS stets verneint habe. Ihm sei nie etwas nachgewiesen worden. Mehrere junge Männer, die in Deutschland und in der Schweiz bei «Lies!» mitgeholfen hatten, zogen allerdings zur Terrormiliz.

Zwischen schweizerischen und deutschen «Lies!»-Exponenten bestehen über Sandro V. und Abou-Nagie hinaus enge Verbindungen. Personell verflochten sind weitere Organisatoren der Koran-Verteilungen auch mit dem Islamischen Zentralrat Schweiz (IZRS).

Erstellt: 15.11.2016, 21:10 Uhr

Artikel zum Thema

«Nur weil mir eine Gruppe nicht passt, kann ich sie nicht verbieten»

In Deutschland wird der Verein hinter den Koran-Verteilaktionen verboten, in der Schweiz nicht. Und das ist auch richtig so, sagt Staatsrechtsprofessor Markus Schefer. Mehr...

Schweiz ermittelt gegen Koran-Verteiler

Exklusiv Die Bundesanwaltschaft führt mehrere Strafverfahren gegen Personen mit Verbindungen zur «Lies!»-Aktion. Sie kooperiert auch mit den deutschen Behörden, die heute eine Razzia durchgeführt haben. Mehr...

«Nährboden für Radikalisierung»

Das Verteilen von Gratiskoranen ist einigen Zürcher Behörden ein Dorn im Auge. Alle Versuche, der Aktion «Lies» einen Riegel vorzuschieben, sind bislang jedoch gescheitert. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Blogs

Mamablog Skiferien mit bitterem Beigeschmack

Paid Post

Studieren von zu Hause aus

Erstmals in der Schweiz lässt sich ein Bachelor virtuell absolvieren. Dieses Set-up erlaubt es den virtuell Teilnehmenden ohne Pendeln zu studieren.

Die Welt in Bildern

Handarbeit: Schauspieler des Kote Marjanishvili Theaters in Tiflis während einer Probe des Tolstoi-Stücks «Die Kreutzersonate». (18. Februar 2020)
(Bild: Zurab Kurtsikidze) Mehr...