Schawinskis Feuer

Das Buch des SRG-Kritikers gegen die No-Billag-Initiative ist so leidenschaftlich, dass es rührend ist.

Trotz Kritik: Roger Schawinski sieht die SRG als «nicht ersetzbare Institution». Foto: Florian Kalotay (13 Photo)

Trotz Kritik: Roger Schawinski sieht die SRG als «nicht ersetzbare Institution». Foto: Florian Kalotay (13 Photo)

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Im Sommer des Jahres 1967 sitzt Roger Schawinski, 22 Jahre alt, im grossen Auditorium der Hochschule in St. Gallen und hört nicht mehr, was der Professor vorne erzählt. Denn es ist Krieg. Jetzt. In Israel. Und ihn braucht es. Er hängt sich ans Telefon, fährt nach Zürich und steht abends am Bahnhof Enge, um sich von seiner Familie und seiner Freundin zu verabschieden – im «Bewusstsein, sie mit grösster Sicherheit nie mehr zu sehen».

Mit dem Zug werden die freiwilligen Schweizer Kämpfer nach Paris gebracht, wo sie auf ihren Flug nach Israel warten. Zwei Tage passiert nichts in Paris, am dritten Tag stehen die israelischen Truppen am Suezkanal, und der Sechstagekrieg ist so gut wie vorüber. Panzersoldat Schawinski fährt zurück nach Zürich, allein und kleinlaut, wie er später in seiner Biografie schreibt. In dieser heisst es auch: «Wie könnte ich es verantworten, dem tatenlos zuzusehen?»

Ein Monat für 180 Seiten

Fünfzig Jahre später sitzt Roger Schawinski, 72 Jahre alt, im Flieger nach Ibiza und hört plötzlich nicht mehr, was die Menschen auf den Sitzen rechts und links erzählen. Es ist kein Krieg, es geht nicht um Leben oder Tod, nur um die Schweiz. Und doch um alles. Um die direkte Demokratie. Die Institutionen. Den Fortbestand unseres Systems. «Damals waren die Umfragen für die No-Billag-Initiative im 50-Prozent-Bereich, und mir war klar: Jetzt muss ich etwas tun.» Im Ferienhaus auf Ibiza macht er die ersten Anrufe, es ist Anfang Oktober. Einen Monat später hat er das Buch geschrieben. Knapp 180 Seiten, an einem Abend zu lesen. «No Billag?» heisst es, «Die Gründe und die Folgen». Schawinski legt das rote Buch auf den Salontisch in seinem Büro bei Radio 1 und sagt: «Das ist ein neues Genre: das aktuelle Taschenbuch zur aktuellen Abstimmung!» Gefolgt vom Nachsatz: «Isch mini Idee gsii.»

Den Nachsatz sagt er leider nicht, den muss man sich denken. Besser: Den denkt man sich automatisch. Es ist bei Roger Schawinski ähnlich wie bei Ueli Maurer: Weil man im Fernsehen die Karikatur der beiden (Viktor Giacobbo sei Dank) schon mindestens so häufig gesehen hat wie die Originale, vermischen sich fiktive und reale Figuren, werden eins. Schawinski, das Original, redet wie Schawinski, die Karikatur. Er braucht tatsächlich englische Satzfragmente, um einen wichtigen Satz noch wichtiger zu machen. You know. Er spricht gerne über sich und seine Leistungen, und ja, er ist tatsächlich eitel. Doch who cares?

Ihm sei es in seiner Kritik immer nur darum gegangen, das Monopol der SRG zu brechen.

Nie hätte er gedacht, dass er, ausgerechnet er, zeitlebens einer der grössten, wenn nicht gar der allergrösste Kritiker der SRG, at the end of the day ein Buch zur Rettung der SRG schreiben würde. Sagt Schawinski. Hat er jetzt doch getan, und weil alle wissen, dass er einer der grössten, wenn nicht gar der allergrösste Kritiker der SRG ist, schreibt er im ersten Teil des Buches auch oft über sich selbst. Im Kapitel «Erzfeind» beispielsweise. Ihm sei es in seiner Kritik immer nur darum gegangen, das Monopol der SRG zu brechen und mehr Medienvielfalt zu ermöglichen. Nie, never, wollte er die SRG zerstören. «Ich sehe es als persönliche Verpflichtung, die mutwillige Zerstörung einer nicht ersetzbaren Institution verhindern zu helfen», heisst es im Buch.

Immer grösser, immer mehr

Ist es eine Verpflichtung, die auch aus einem schlechten Gewissen gespeist ist? Dem schlechten Gewissen, mit seiner Kritik vielleicht den Keim des Widerstands gelegt (erfunden) zu haben? Schawinski schüttelt sich. Nein, ganz sicher nicht, nein. «Ein schlechtes Gewissen hätte ich höchstens, wenn die Abstimmung durchkommt und ich nichts dagegen getan hätte.»


Video: Welche SRF-Sendung würden Sie vermissen?

Die Umfrage zur No-Billag-Initiative.


Die Schuldigen an der aktuellen Situation, in der eine Annahme der Initiative und damit ein Ende der SRG in ihrer heutigen Form denkbar geworden sind, ortet Schawinski andernorts. Bei der SRG selber, der Politik und den privaten Verlegern. Die SRG habe in den vergangenen Jahrzehnten nur eine Strategie gehabt: immer grösser, immer mehr. Die Politik habe zugeschaut, die Verleger hätten sich von der SRG kaufen lassen und sich auch nicht gerührt. «Und jetzt haben wir ein so grosses Monopol, das tatsächlich und für immer stürzen könnte.»

Schawinski, der auf SRF 1 eine wöchentliche Talksendung hat, teilt gegen das eigene Haus mächtig aus. Das Übel sieht er vor allem in einer Person: dem ehemaligen SRG-Direktor Armin Walpen, der ihm schon seit Jahren in herzlicher Feindschaft verbunden ist (gilt auch umgekehrt). Walpen sei es gewesen, der die Vorwärtsstrategie der SRG initiiert habe. Er habe sich als «allmächtiger Wächter des Monopols» gesehen, es hartnäckig verteidigt, auch zu jener Zeit, in der es ein «window of opportunity» für ein ernst zu nehmendes nationales privates TV-Programm gegeben habe.

Doch es wurde nichts aus einem natio­nalen TeleZüri, Schawinskis Sender, es blieb bei der alleinherrschenden SRG. Wegen Walpen. Und seiner Nach­folger Roger de Weck und Gilles Marchand, die nichts daran geändert haben, die nichts daran ändern wollten. «Hätten wir heute eine Konkurrenzsituation auf dem TV-Markt, es gäbe diese Abstimmung nicht.»

«Gewaltiges Getöse»

Die Sache mit Walpen, den Verlegern und TeleZüri sind alle nicht ganz neu. Die Lektüre des Buches lohnt sich trotzdem. Es fasst die Debatte gut zusammen, es zeigt die Entwicklung der SRG-Kritik vom rechtsbürgerlichen Hofer-Club der 70er-Jahre bis zu den libertären Kreisen hinter No Billag, es belegt schlüssig, warum gewisse Informationssendungen von Privaten kaum finanziert werden könnten (und warum es darum gewisse Unterhaltungssendungen braucht), und es liefert auch eine Idee für die Zeit nach einem möglichen Nein. Nicht die 200-Franken-Initiative der SVP, viel zu wenig, 300 Franken bräuchte es schon, «damit die SRG ihr Tafelsilber retten kann».

An ein Ja will Schawinski gar nicht denken. Er beschreibt die Folgen, das schon, die Abwrackung der SRG, den ausgetrockneten Medienmarkt, all das; doch was später wirklich kommt, kann sich auch Schawinski nur schwer vorstellen. Oft raunt er in seinem Buch über das «gewaltige Getöse», das diese «Mutter aller Abstimmungen» auslösen könnte, über die «Wucht» dieser «unschweizerischen Radikalaktion». Nach einem Ja sei alles möglich. Rechte Kräfte, die SVP, die libertären Jungspunde, würden die Grundfesten des Staates schon lange angreifen. Die Sozialwerke, die Gerichte, die Unis, die Nationalbank. «Fällt das Mediensystem, haben sie ein erstes Ziel erreicht. Und danach wird es weitergehen.» Und dagegen, sagt Schawinski, dagegen muss man doch etwas tun. Seriously.

Roger Schawinski: No Billag? – Die Gründe und die Folgen. 176 Seiten, 12 Franken, Wörterseh-Verlag, 2018. Vernissage: Sonntag, 7. Januar, von 11 bis 12 Uhr im Restaurant Metropol Zürich. Moderation: Filippo Leutenegger.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.01.2018, 07:43 Uhr

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