Schlecht auf AKW-Unfall vorbereitet

Hunderttausende Menschen müssten die Behörden bei einem AKW-Unfall im Kanton evakuieren können. So will es der Bund. Und wie sieht es konkret aus.

Noch übt hier das Militär – bei einem AKW-Unfall würden in der Mehrzweckhalle in Schwarzenburg Evakuierte einquartiert.

Noch übt hier das Militär – bei einem AKW-Unfall würden in der Mehrzweckhalle in Schwarzenburg Evakuierte einquartiert. Bild: Franziska Rothenbühler

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Nach Fukushima sollte der Katastrophenschutz bei einem AKW-Unfall auf Geheiss des Bundesrats rasch überprüft werden. Doch bereits die Vorarbeiten der Bundesverwaltung verzögerten sich. Erst 2015, vier Jahre nach der Reaktorkatastrohpe in Japan, lag das neue «Notfallschutzkonzept bei einem KKW-Unfall» des Bundes vor.

Es legt erstmals fest: Auch die Evakuierung der Bevölkerung in den Alarmzonen 2 – mit 20 Kilometer Radius um die AKW – muss vorbereitet werden. Zuvor galt dies nur für die kleinen Alarmzonen 1. Alle anderen Menschen sollten in Häusern, Kellern oder Bunkern Schutz vor der radioaktiven Wolke suchen – was weiterhin eine mögliche Massnahme bleibt.

Stadt Bern wird nicht evakuiert

Neu müssen die kantonalen Behörden die Evakuierung der Zone 2 so vorbereiten, dass sie umgesetzt werden könnte, falls der Bundesrat sie im Notfall anordnen sollte. Dazu sind sie aber noch nicht in der Lage, wie Nachfragen bei den drei AKW-Standortkantonen zeigen. Der Kanton Bern hat bereits angekündigt, dass er die neue Aufgabe nur sehr partiell umsetzen will.

Bis Ende 2017 will er ein Konzept zur Evakuierung «von Teilen der Zone 2 (Richtgrösse 30'000 Einwohner)» vorlegen. Das bedeutet: Der Grossraum Bern, in dem rund eine Viertelmillion Menschen leben, soll nicht evakuiert werden. Der Kanton spielt auf Zeit, bis Mühleberg 2019 vom Netz geht.

«Im dümmsten Fall stehen die Menschen schutzlos im Stau.»Diego Ochsner, Chef Bevölkerungsschutz SO

Zugleich spielt der Kanton Bern eine kleine Vorreiterrolle. Er hat zumindest die Evakuierung der Zone 1 (mit nur 3000 Einwohnern) seriös geplant – und zeigt damit im kleinen Massstab, was vorbereitet sein muss. Wer nicht auf eigene Faust im Auto oder ÖV fliehen kann, würde von Polizei oder Feuerwehr zu markierten Sammelstellen gebracht.

Dort würden die Leute mit Postautos abgeholt und ins Aufnahmezentrum Schwarzenburg gefahren. Dafür gibt es einen Vertrag mit der Postauto AG. Er regelt auch, dass Zivilschützer die Fahrer begleiten und für sie Schutzausrüstung mitbringen. Alle Haushalte haben Merkblätter erhalten.

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Aargau und Solothurn planen

So weit sind Evakuierungen in den Kantonen Aargau und Solothurn nicht vorbereitet. Immerhin wollen beide Kantone – anders als Bern – die vom Bund gestellte Aufgabe erfüllen. Laut Thomas Aldrian von der Sektion Katastrophenvorsorge will man im Aargau «die Gelegenheit nutzen, um Evakuierungen für alle Notfallszenarien zu planen». Nicht nur für AKW-Unfälle, sondern auch für Dammbrüche oder Chemieunfälle.

«Spätestens Ende 2017» soll die Planung stehen. Solothurn wolle die Evakuierung der Zonen 1 und 2 um das AKW Gösgen bis Ende 2016 respektive Mitte 2017 planen, sagt Diego Ochsner, Chef des Amtes für Militär und Bevölkerungsschutz.

Laut den Vorgaben des Bundes müssten die kantonalen Behörden dann in der Lage sein, bei einem drohenden AKW-Unfall zum Beispiel den Grossraum Olten-Aarau oder das dicht besiedelte Limmattal mit den Städten Baden und Wettingen innert 6 bis 12 Stunden zu evakuieren. Wären sie das? Aldrian äussert sich vorsichtig: «Es muss unser Ziel sein, dass es klappt.

Die Vorgabe bleibt aber sportlich.» Ochsner verhehlt seine Skepsis nicht. Schon zur Evakuation der Zone 1 um Gösgen – hier wohnen 30'000 Menschen – seien «enorme Transportkapazitäten nötig». Erst recht gelte dies für die Zone 2 mit über 400'000 Einwohnern. «Beim öffentlichen Verkehr stellt sich zudem die Frage, ob die Fahrer bei einem KKW-Unfall überhaupt zur Arbeit erscheinen würden.» Auf der Strasse bestehe das Risiko, «dass eine Evakuierung zum Zusammenbruch des Verkehrs führt. Im dümmsten Fall stehen die Menschen schutzlos im Stau, wenn die radioaktive Wolke kommt.»

Die kantonalen Praktiker erachten es als sicherer, wenn die Menschen in Häusern Schutz suchen. «In Gebäuden ist der Schutz vor Strahlung sehr hoch», betont Ochsner. Doch auch wenn der Bundesrat statt einer Evakuierung den «geschützten Aufenthalt» anordnen sollte – bei einem schweren AKW-Unfall wäre die Evakuierung nur aufgeschoben. Auf später, nachträglich, aus bereits verstrahltem Gebiet. Die Planung einer solchen «nachträglichen Evakuierung» steht ebenfalls auf der Pendenzenliste des Bundes für die Kantone. (Der Bund)

Erstellt: 31.10.2016, 13:31 Uhr

Hohe Strahlenbelastung bei Unfall

Die laufende Revision der eidgenössischen Strahlenschutzverordnung wurde bisher wenig beachtet, doch sie hat es in sich. Denn laut dem Entwurf sollen hohe Dosiswerte für die radioaktive Belastung von Bevölkerung und Helfern erlaubt werden – während und nach einem Unfall in einem Atomkraftwerk.

So ist für die Bevölkerung im ersten Jahr nach einem AKW-Unfall eine Belastung von 100 Millisievert (mSv) zulässig – das Hundertfache des normal zulässigen Werts für alle künstlichen Strahlenbelastungen. Für zum Dienst verpflichtete Personen wie Feuerwehrleute, Zivilschützer oder Buschauffeure wären maximale Dosen von 150 mSv erlaubt. Für Spezialeinsätze «zur Rettung von Menschenleben» oder «um Katastrophen abzuwenden» müssen verpflichtete Helfer eine Dosis bis zu 350 mSv in Kauf nehmen.

Nach dem Unfall kann ein Gebiet als bewohnbar erklärt werden, wenn die jährliche Strahlenbelastung 20 mSv beträgt. Für Einwohner von verstrahlten Gebieten gälte damit derselbe Wert, der heute für AKW-Mitarbeiter gilt.

Die Organisation Ärzte für Umweltschutz (Aefu) kritisiert diese Revision und das federführende Bundesamt für Gesundheit (BAG) scharf. Die Maximalwerte würden dazu führen, dass verstrahlte Gebiete nicht evakuiert werden müssten. Wer dennoch wegziehe, werde dies freiwillig tun und deswegen seinen Anspruch auf Schadenersatz verlieren. «Das BAG dient damit nicht dem Gesundheitsschutz der Bevölkerung, sondern dem Schutz der AKW-Betreiber vor Schadenersatzklagen», lautet der Vorwurf der Aefu.

Das BAG entgegnet, dass es bisher gar keine Referenzwerte für die Strahlenbelastung bei einem AKW-Unfall gebe. Es handle sich um Maximalwerte, «das Ziel muss eine deutlich tiefere Belastung sein». Der Bundesrat wird voraussichtlich im ersten Halbjahr 2017 über die Revision der Strahlenschutzverordnung entscheiden.

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