Schlecht erreichbar, überlastet, keine Zeit

Leute, die von Erwachsenenschutz-Massnahmen betroffen sind, beklagen sich über Berufsbeistände. Eine Gesetzesänderung soll das Problem lindern.

Brauchen Erwachsene einen Beistand, sollen an Stelle von Berufsbeiständen öfter Privatpersonen eingesetzt werden. Das empfiehlt die Unabhängige Anlaufstelle Kindes- und Erwachsenenschutz (Kescha).

Brauchen Erwachsene einen Beistand, sollen an Stelle von Berufsbeiständen öfter Privatpersonen eingesetzt werden. Das empfiehlt die Unabhängige Anlaufstelle Kindes- und Erwachsenenschutz (Kescha). Bild: Keystone

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Seit bald zwei Jahren betreibt Unternehmer Guido Fluri die Beratungs-Hotline Kescha (Anlaufstelle Kindes- und Erwachsenenschutz). Der Anwalt von Opfern staatlicher Willkür hatte während seines politischen Engagements für die Wiedergutmachungs-Initiative zahlreiche Anrufe erhalten und festgestellt, dass es ein Bedürfnis gibt, zu reden und angehört zu werden.

Leute, die von Massnahmen im Kindes- und Erwachsenenschutz betroffen sind, brauchen oft vor allem Empathie und Rat, sagt Fluri. Deshalb gründete er Anfang 2017 die Kescha, bei der seither die Telefone rund um die Uhr klingeln.

Die Universität Freiburg hat die Beratungsgespräche ausgewertet und analysiert, nun liegt das Resultat vor. Im Bereich Erwachsenenschutz haben viele Hilfesuchende Mühe mit Beiständen, die im Auftrag der Behörde tätig sind, teilte die Kescha am Freitag mit. Die Berufsbeistände hätten zu wenig Zeit, seien überlastet, schlecht erreichbar und blieben demzufolge oft untätig. Zudem gebe es viele personelle Wechsel.

Die Autoren der Studie empfehlen deshalb, wenn immer möglich private Beistände einzusetzen – Personen, die den Betroffenen näher stehen und die mehr Zeit haben, Familienangehörige oder ehrenamtlich tätige Privatpersonen.

«Es ist aufwendig, diese Leute zu finden»

Die Freiburger SP-Nationalrätin Ursula Schneider Schüttel, Präsidentin der parlamentarischen Gruppe Kindes- und Erwachsenenschutz, wird in der kommenden Session ein Postulat einreichen, das eine Gesetzesänderung anregt. Beim Einsatz eines Berufsbeistands hätte die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) demnach zu begründen, weshalb sie keinen privaten Beistand einsetzt.

Heute schon ist es so, dass die Kesb auf Wunsch der betroffenen Person einen privaten Beistand prüfen muss – mit einer solchen Gesetzesänderung müsste sie von sich aus private Beistände suchen, ohne, dass dies explizit gewünscht wird. Eine Privatperson hätte also in jedem Fall Priorität, der Verzicht auf eine solche Lösung müsste begründet werden.

Schneider Schüttel sagt: «Es ist mit Aufwand verbunden, diese Leute zu suchen. Und man muss ein gewisses Vertrauen haben.» Es brauche Abklärungen bezüglich Ausbildung und Eignung. Doch der Aufwand lohne sich, ist die ehemalige Sozialvorsteherin von Murten überzeugt. Die Auswertung der Uni Freiburg zeige, dass es ein Bedürfnis gebe nach mehr Nähe und mehr Zeit. Rund die Hälfte aller Beistände sollten Privatpersonen sein, empfehlen die Autoren. In einigen Kantonen sei dies schon erreicht.

Gefährdungsmeldung sachlich begründen

Die Kescha hat 2018 Hilfesuchende in 1093 Fällen betreut und insgesamt 1644 Beratungsgespräche geführt. In manchen Fällen fanden zwei oder drei Gespräche statt. Rund ein Drittel der Fälle betraf das Erwachsenenschutzrecht, davon wiederum fast 80 Prozent handelten von Konflikten mit Beiständen. Rund zwei Drittel der Fälle betrafen den Kindesschutz.

Hier empfiehlt die Universität Freiburg einen umsichtigeren Umgang mit Gefährdungsmeldungen, und sie hat dafür mit der Kescha eine Broschüre entwickelt. Denn Gefährdungsmeldungen würden nicht nur bei körperlicher, psychischer oder sexueller Gewalt gemacht, sondern auch als Folge von Paarkonflikten, wie die Beratungsgespräche zeigten. Hilfesuchende sähen die Gefährdungsmeldung häufig als aus der Luft gegriffen oder gar böswillig motiviert an.

Eine Meldung soll nur gemacht werden, wenn ein Kind nach objektiven Kriterien gefährdet erscheint.

Gefährdungsmeldungen können zwar hilfsbedürftige Kinder schützen, sagen die Autoren, doch sie seien für die Betroffenen je nachdem auch eine grosse Belastung. Der Leitfaden enthält eine Checkliste mit Anhaltspunkten, die auf eine konkrete Gefährdung eines Kindes hindeuten. Eine Meldung soll nur gemacht werden, wenn ein Kind nach objektiven Kriterien gefährdet erscheint. Ansonsten sollen andere Massnahmen zum Zug kommen: Gespräche mit den involvierten Personen oder der Beizug einer Fachstelle.

Und schliesslich die dritte Empfehlung der Studienautoren: Die Kantone sollen vermehrt kommunizieren und in die Medienarbeit investieren, um der Bevölkerung die Arbeit und Funktionsweise der Kesb zu erklären.

Behörde stärken statt schwächen

Die Vorschläge und der parlamentarische Vorstoss, den Schneider Schüttel in der Frühlingssession einreichen wird, werden auch von den Kesb selber unterstützt, beziehungsweise von der Dachorganisation Kokes. Diese war von Anfang an mit dabei, als Guido Fluri das Sorgentelefon Kescha lancierte. Fluri betonte immer die Wichtigkeit der Behörde, dass man sie nicht schwächen, sondern stärken solle.

Die Kritik der Kescha und der Universität Freiburg versucht sich denn auch abzuheben von jener der SVP-Nationalräte Pirmin Schwander und Barbara Keller-Inhelder, die im Frühling eine Volksinitiative zur Entmachtung der Kesb lanciert hatten. Die Sammelfrist dauert noch bis im November 2019.

Erstellt: 25.01.2019, 09:24 Uhr

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