Schlimmer als jedes Klischee

Nach dem Bauskandal in Graubünden bleibt ein Zerrbild des Kantons zurück.

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Graubünden sei das «Athen der heutigen Gauner», lesen wir bei Schiller. Wer schon immer fand, da sei etwas dran, mag sich bestätigt sehen: Das nun aufgedeckte Baukartell ist in seiner Dimension einzigartig, und es schädigte Kanton wie Private um Dutzende von Millionen. Mittendrin: Regierungsratskandidat Andreas Felix. Der BDP-Präsident war in der fraglichen Zeit stellvertretender Geschäftsführer des Baumeisterverbands. Dieser lud zu Sitzungen, an denen die Absprachen getätigt wurden. Der Verband bestimmte Zeit und Ort, stellte die Versammlungsleiter – und will nun nichts davon gewusst haben, was dort besprochen wurde. Es fällt schwer, dies zu glauben. Wenig überzeugend ist auch Felix’ Argument, der Weko-Bericht nenne ihn nirgends namentlich und entlaste ihn dadurch. Der Schluss ist irreführend, denn die Weko ermittelt nicht gegen Personen.

Aber auch wenn Felix über all die Jahre nichts von den illegalen Handlungen bemerkt haben sollte, stellt sich die Frage, ob er ein idealer Regierungsrat wäre. Wer einen Verband nicht im Griff hat, empfiehlt sich nicht für ein Regierungsamt. Die Wähler werden am 10. Juni die Antwort geben.

Problematisches Verhalten des Tiefbauamts

Bleibt die Frage nach den politischen Verantwortlichen. BDP-Regierungsrat Jon Domenic Parolini stand als Scuoler Gemeindepräsident zwar nicht direkt in der Verantwortung. Doch muss er sich vorwerfen lassen, den Hinweisen nicht auf den Grund gegangen zu sein. Problematisch ist insbesondere das Verhalten des kantonalen Tiefbauamts, das vom Whistleblower informiert wurde – und die Sache versanden liess. Niemand im Kanton, so scheint es, hat den Mann ernst genommen. Erst als er sich an die Weko wandte, wurde der Fall untersucht.

Zurück bleibt das Zerrbild eines Kantons, in dem Bauunternehmer und Dorfkönige über dem Gesetz stehen und eine Art Omertà herrscht. Wer die Verhältnisse in Graubünden zu kennen glaubt, wird solche Vorwürfe als klischiert und überzeichnet zurückweisen. Um sich im vorliegenden Fall eines Besseren belehren zu lassen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.04.2018, 22:47 Uhr

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