Hochseeflotte: Schneider-Ammanns Deal droht zu platzen

Der Bund will seine Pleite-Schiffe abstossen. Im Mai verkündete der Wirtschaftsminister einen Durchbruch. Nun fühlt sich der wichtigste Käufer nicht mehr an die Verträge gebunden.

Karikatur: Felix Schaad

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Schon seit über einer Woche sitzt die SCL Andisa, ein 12'000-Tonnen-Frachter unter Schweizer Flagge, im Golf von ­Mexiko fest. Und allmählich steigt die Nervosität. Bei den Besitzern des Schiffs in ­Zürich. Bei der Crew an Bord. Und ganz sicher auch bei den Beamten von Johann Schneider-Ammann.

Die Mitarbeiter des Wirtschaftsministers hatten in den letzten Monaten ­fieberhaft nach einem Käufer für die SCL Andisa und die übrige Flotte des Schweizer Reeders Hansjürg Grunder gesucht. Wegen der globalen Schifffahrtskrise steht dessen Unternehmen, die Swiss Cargo Line, vor dem Konkurs. Da viele von Grunders Schiffen mit Bürgschaften des Bundes gesichert sind, muss die Eidgenossenschaft für die Verluste dieser Pleite geradestehen.

Mitte Mai verkündete Bundesrat Schneider-Ammann den Durchbruch: Käufer für die Schiffe seien gefunden, Verträge unterzeichnet. Der Schaden für die Steuerzahler lasse sich auf 190 Millionen Franken begrenzen, hinzu komme eine Reserve von 25 Millionen. Unter diesen Vorzeichen bewilligte das Parlament zähneknirschend einen Notkredit von 215 Millionen Franken für die Schweizer Hochseeflotte.

Schiffsübernahme abgesagt

Doch nun gerät Schneider-Ammanns Deal ins Stocken: Die SCL Andisa sollte diese Woche als erstes von zehn Schiffen an den kanadisch-libanesischen Makler Talal Hallak verkauft werden. Doch der Handel ist nicht plangemäss über die Bühne gegangen. Dies geht aus einem Bericht hervor, der Tagesanzeiger.ch/Newsnet vorliegt.

«Der Verkauf des Schiffs wird heute nicht stattfinden.» Ausriss: TA

Demnach hat sich in den letzten ­Tagen Folgendes ereignet: Obwohl die SCL Andisa bereits von Experten inspiziert worden war, haben die künftigen Schiffsmanager eine eigene Mängelliste zum Frachter erstellt. «Damit versuchen die Käufer den Preis neu zu verhandeln», heisst es im Bericht. Einem Insider zufolge fordern die Käufer, dass der vereinbarte Preis des 12'000-Tonnen-Frachters von knapp 4 Millionen Dollar um eine halbe Million reduziert wird.

Dieser Rabatt würde voll zulasten der Schweizer Steuerzahler gehen. Und das Gefeilsche könnte sich auch bei den übrigen neun Schiffen wiederholen. Somit ist fraglich, ob der Schaden nicht noch grösser wird als die vom Parlament bewilligten 215 Millionen Franken. Oder ob der Bund den Verkauf trotz unterschriebenen Verträgen rundweg abblasen muss, weil sich der Käufer nicht an die Abmachungen hält. Zumindest für die SCL Andisa existiere einstweilen kein neues Übernahmedatum, heisst es im Bericht weiter.

Fotos: Die schweizerische Handelsflotte

Die nun auftretenden Probleme dürften für die Berner Behörden eigentlich kaum überraschend sein. Der insolvente Reeder Hansjürg Grunder hatte sie mehreren Quellen zufolge davor gewarnt, die Schiffe an Hallak zu verkaufen. Grunder hatte früher selbst eine langjährige und über vielfältige Firmenkonstrukte organisierte Geschäftsbeziehung mit dem Makler gepflegt. Nach Beginn der Schifffahrtskrise 2008 kam es zwischen den Unternehmern jedoch zum Zerwürfnis. Es folgte ein langer und erbittert geführter Rechtsstreit. Die Auseinandersetzung gipfelte diesen Januar darin, dass ein Schiedsgericht Grunders Reederei SCL zur sofortigen Zahlung von fast 4,8 Millionen Dollar an Hallak verpflichtete. Für Grunders bereits stark unterfinanzierte Reederei bedeutete dieser Entscheid letztlich das Aus.

Um teure Festsetzungen der Schiffe zu verhindern, schaltete sich das Wirtschaftsdepartement ein. Es besänftigte Hallak für sechs Monate mit einer Sofortüberweisung von 250'000 Dollar, wie es in der Botschaft des Bundesrats zum 215 Millionen-Franken-Nachkredit heisst. Die Schuld von 4,8 Millionen Dollar dürfte in den Verkaufsverhandlungen über die Schiffe getilgt worden sein.

Der Bund wollte sparen

Auch Branchenkenner sind nicht erstaunt, dass Talal Hallak den Verkaufsprozess durcheinanderbringt. Dem Makler aus Montreal eilt ein zweifelhafter Ruf voraus. Den «seltsamen Käufer der Schweizer Hochseeschiffe», nannte ihn die «Aargauer Zeitung» unlängst.

SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner, der sich intensiv mit der Hochsee-Affäre befasst, hat ebenfalls Vorbehalte gegenüber Hallak. Er verlangt mittels Vorstoss Informationen über den Makler und seine Geldgeber. Der Aargauer Politiker und Fuhrhalter will unter anderem wissen, welche Anzahlung der Schiffskäufer geleistet hat und wie es um dessen Kreditwürdigkeit steht.

Ein Scheitern des Deals um die zehn Schiffe wäre vorab für Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann eine Niederlage. Als er im Mai im Parlament für eine Bewilligung des 215-Millionen-Notkredits warb, verteidigte er das eilige Vorgehen des Bundes. Mit einem raschen Verkauf spare der Bund Monat für Monat bis zu zwei Millionen Franken Zinsen, so Schneider-Ammann. Nun muss er sich womöglich vorhalten lassen, er habe die Schiffe übereilt einem Käufer versprochen, der zuvor nicht ausreichend geprüft worden war.

Eva Jacobs, Chefin der für die SCL Andisa zuständigen Zürcher Reederei Enzian, wollte sich auf Anfrage nicht zu den Verzögerungen beim Verkauf des Frachtschiffs äussern. Das Wirtschaftsdepartement erklärt: «Über die Details der Verkäufe – beispielsweise die Käufer – kann der Bund nicht informieren.»

Erstellt: 23.06.2017, 23:18 Uhr

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