Schockierend normal

CVP-Nationalrat Buttet entschuldigt sein Stalking-Verhalten mit Eheproblemen, dabei zeigt sein übergriffiges Verhalten ein allzu bekanntes Muster.

Erklärt sein Verhalten mit Eheproblemen: Nationalrat Yannick Buttet.

Erklärt sein Verhalten mit Eheproblemen: Nationalrat Yannick Buttet. Bild: Peter Schneider/Keystone

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Zerknirscht und reuig zeigte sich CVP-Nationalrat Yannick Buttet heute. Und fand viele Erklärungen dafür, warum er seine Ex-Geliebte gestalkt hatte. Er befinde sich in einer ernsten Ehekrise. Er wisse, sein Verhalten sei falsch gewesen. Er entschuldige sich. Zurücktreten aber werde er nicht, es gelte erst das Strafverfahren abzuwarten.

So weit, so belanglos: Was will man auch anderes sagen, nachdem man nächtens von der Polizei aus einem Gebüsch gezerrt worden ist? Eine andere Frage ist, warum diese Einsicht erst nach einem Polizeieinsatz und massivem Druck der Öffentlichkeit kommt. Denn die Stalking-Affäre war nur der Höhepunkt eines Benehmens, das Buttet im Bundeshaus längst einen einschlägigen Ruf beschert hat. Besonders unter Alkoholeinfluss muss er immer wieder zudringlich geworden sein, schlüpfrige Bemerkungen gemacht und sich so deplatziert verhalten haben, dass von seinem «unkontrollierten Sexualtrieb» und «schockierenden Entgleisungen» die Rede war.

Video – Reaktionen aus Bundesbern

Parlamentarierinnen äussern sich zu den Vorwürfen gegen Yannick Buttet. (Video: Tamedia, SDA)

Natürlich wissen wir nicht, wie schlimm das alles tatsächlich war, und gerade bei sexuellen Belästigungen und Übergriffen ist es wichtig, genau hinzuschauen. Aber es gibt nicht nur die Kategorie «strafrechtlich relevantes Verhalten» – von Politikern darf, ja muss man auch erwarten, dass sie sich so sozialverträglich benehmen, dass man mit ihnen arbeiten kann. Frauen im Bundeshaus berichten aber über Buttet, er sei regelmässig zudringlich geworden. Allem Anschein nach gehört er zu jener Sorte Männer, die ein Nein nicht als Nein akzeptieren. Die glauben, zudringliches Verhalten mit Alkoholkonsum oder Eheproblemen entschuldigen zu können. Oder es gar nicht entschuldigen zu müssen, weil es ihnen zusteht.

Gehört nicht in den MeToo-Topf

Und das ist es, was diesen Fall so schockierend wie normal macht. Schockierend, weil es bei solchen Typen offensichtlich die Polizei braucht, bis sie merken, dass ihr Verhalten unakzeptabel ist. Dass sie anderen tatsächlich lästig fallen. Dass sie Grenzen überschreiten. Normal, weil das auch im Jahr 2017 keineswegs eine Seltenheit ist und in allen Schichten, bei allen Parteien vorkommt. Auch solche, die christliche Werte vertreten wollen.

Der Fall Buttet ist nicht MeToo, ist kein Hashtag, unter dem Vergewaltigungen und verunglückte Komplimente in einen Topf geworfen werden. Hier geht es um konkretes Verhalten, und es ist wichtiger denn je, das zu diskutieren. Und dazu müssen wir jetzt mehr darüber erfahren. Es ist wichtig, dass Frauen hinstehen und berichten, was sie erlebt haben, was sie vielleicht auch mit anderen Parlamentariern erleben. Wie sie sich gewehrt haben oder wenn nicht, warum nicht. So gesehen, ist dieser Fall eine Chance. Nutzen wir sie.

Video – «Das ist inakzeptabel»

CVP-Präsident Gerhard Pfister äussert sich zur Stalking-Affäre. (Video: Tamedia, SDA)

Erstellt: 30.11.2017, 17:18 Uhr

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