«Ich bin charmanter geworden, glaube ich»

Vom harten Interviewer in der «Rundschau» zum politischen Vermittler in der «Arena»: Kann TV-Mann Sandro Brotz das?

Sandro Brotz macht sich bereit für seine Joggingrunde. Foto: Urs Jaudas

Sandro Brotz macht sich bereit für seine Joggingrunde. Foto: Urs Jaudas

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«Ich bin der harte Sandro Brotz. Der Mann mit den härtesten Interviews der Schweiz.» Sandro Brotz hat das einmal in einem Video gesagt, es war eine Persiflage natürlich, sie war lustig (und auch ein kleines bisschen eitel).

Hart, unerschrocken, angriffig, zäh. Brotz hat sich als Moderator der «Rundschau» ein Image erschaffen, das er immer weiter kultiviert hat. «Ich hätte da noch eine Frage», kündigt er seine Sendung jeweils an, und es klingt immer ein bisschen so, als wäre ihm und nur ihm die eine Frage zum Thema eingefallen. Doch damit ist jetzt Schluss. Der scharfe Hund des Schweizer Fernsehens muss seine antrainierte Schärfe ablegen. Brotz wird ab Mai «Arena»-Moderator und löst Jonas Projer ab. Dann wird von ihm erwartet, dass er sich zurücknimmt und Diskussionen führt, die er früher abgewürgt hat. Kann er das?

Brotz hat sich schon einmal verwandelt, es war vor rund zehn Jahren, sein Leben bestand aus drei Packungen Zigaretten pro Tag, 30 Kilo Übergewicht und versoffenen Feierabenden. Dann riet ihm der Arzt nach einer Lungenentzündung ziemlich ultimativ zum Wandel. Brotz hängte das Röntgenbild seiner Lunge an seinen Kühlschrank und begann zu joggen. Zwei Jahre lang hing das Bild. Dann war er der Mann, wie man ihn heute kennt. Drahtig und unnachgiebig.

Gestählt von Marathons

Er soll darum beim Joggen erzählen, wie er sich erneut verwandeln will. Der 49-Jährige muss sich die Anfrage erst überlegen, eine Stunde später ruft er zurück, sagt, joggen gehe, er wäre ja eh raus an diesem Donnerstag, doch er habe eine Bitte: kein Foto im Joggingdress. Und eine Warnung: «Wird saukalt, hab mich vorinformiert.»

Der Donnerstag kommt, es schneit, sein Händedruck ist so stark, wie es draussen kalt ist. Brotz ist misstrauisch, vermutet hinter Fragen Finten und auf ihn gerichtete Flinten. Er sagt nach einer Frage: «Ich glaube, ich weiss, auf was Sie hinauswollen.» So führt er gewöhnlich seine Interviews, im Kopf allerlei Frageszenarien, immer zur Reaktion bereit.

Der Mann ist fit. Auf der Sport-App Strava erfährt man, dass Brotz in den letzten vier Wochen 13-mal Sport machte, immer samstags und sonntags, manchmal über drei Stunden lang. Leichtfüssig zieht er also vor dem Fernsehstudio an und federt durch den Schneeregen. «Heute gehe ich an keine Rennen mehr, es reicht mir, im Beruf kompetitiv unterwegs zu sein.» Brotz will gut sein. Für sich und das gute Gefühl. Aber auch für das Publikum.

Als junger Reporter spitzte er einen Text derart zu, bis der Verleger ihn aus dem Blatt strich. Brotz wollte wissen, wie weit er gehen kann.

Doch nicht alle mögen ihn. Viele Zuschauer haben ein Problem mit seiner Art, Fragen zu stellen. Manchmal macht es den Anschein, als unterbreche er besonders gerne die Sätze anderer, als würde er ihnen nicht zutrauen, dass sie sie passabel beenden können. Einmal, zweimal, dreimal. Typisch Brotz, heisst es dann. Rechthaber wird er genannt, Selbstdarsteller – eine «Arena» unter Brotz? Nein danke.

Seine Gegner haben nicht nur Mühe mit seinen Fragen. Sie behaupten auch, dass er links sei. Ultralinks sogar.

Also, Herr Brotz, viele Leute hätten da noch eine Frage: Sind Sie links? «Sie erwarten doch nicht im Ernst, dass ich als Moderator einer politischen Sendung meine politische Gesinnung verrate.» Neutral also? «Nein.» Sondern? «Ich habe eine Haltung.» Die wäre? «Ich will herausfinden, weshalb Menschen ihre Positionen haben.»

Brotz und die SVP: ein vorbelastetes Verhältnis

Sauber ausgewichen. Brotz ist ein Profi. Ein Mann des Wortes. «Ich bin charmanter geworden, glaube ich», sagt Brotz. So sicher ist er sich da nicht. Und sieht man sich die Reaktionen nach Bekanntgabe seiner neuen Position an, versteht man die Unsicherheit. Vor allem die SVP ist ziemlich unzufrieden. Brotz und die SVP haben ein vorbelastetes Verhältnis, das nach Brotz’ Beförderung offenbar noch belasteter ist. SVP-Nationalrat Claudio Zanetti sagte in der «Aargauer Zeitung», dass Brotz armeefeindlich und ein SVP-Hasser sei, dazu in seiner Sendung SVP-Politikern boshafte Fragen stelle.

Für Brotz ist der Gram einseitig, er habe keine Probleme mit der wählerstärksten Partei. Er sei sich zwar des Drucks aus der rechten Ecke bewusst, sagt er, doch wenn er sehe, wie gerade die SVP-Politiker nach der Sendung aus seinem Studio liefen, zufrieden und gut gelaunt, dann müsse er bei den jüngsten Voten schon schmunzeln.

Ein rasanter Aufstieg

Brotz hat einen steilen Aufstieg hinter sich. Er startete als Lokaljournalist und schaffte es ziemlich schnell in die Chefredaktion des «SonntagsBlicks» und des «Sonntags». Patrik Müller ist Chefredaktor der AZ-Medien und war langjähriger Arbeitskollege. Er sagt, dass wohl auch Brotz’ KV-Ausbildung zum Werdegang beigetragen habe: «Er wollte zeigen, dass man in der akademischen Journalismuswelt auch ohne Uniabschluss bestehen kann.» Müller erzählt, wie Brotz gerne Grenzen auslote. «Aber immer aus Kalkül», sagt Brotz. Wie damals, als er als junger Lokalreporter eine Kolumne derart zuspitzte, bis der Verleger sie aus dem Blatt strich. Brotz wollte nur wissen, wie weit er gehen kann.

Grenzen hat er dann später bei Christoph Mörgeli erreicht («Sind Sie eigentlich vom Aff bisse?»), bei Bundesrat Maurer («Machen Sie es beim nächsten Mal besser») und auch beim einstigen Armeechef Blattmann, der seine verbale Contenance verlor («Sandro Kotz, äh Brotz»). Grosse Aufmerksamkeit für Brotz, kleine Triumphe in seiner Karriere. Er wird auf sie verzichten müssen. Als «Arena»-Moderator muss er nun Vermittler zwischen den Fronten sein.

Mehrmals pro Woche läuft Brotz seine Strecke um den Leutschenbach ab, die SRF-Leute sehen ihn selten in der Kantine, er schnürt am Mittag lieber die Laufschuhe. Wie heute. Der Schneefall legt zu. «Furchtbar», ruft Brotz, «es ist wie am Zürich Marathon 2011! Nein, 2016 wars.» Da kokettiert einer mit seiner Marathonerfahrung.

Brotz hat den Grenzgänger auch im Sport gelebt. Er stand im Handballtor und trainierte, bis er sich übergeben musste. Er hat sieben Marathons und sechs Triathlons absolviert. Er ist dreimal mit dem Velo verunfallt, samt Rippen- und Kreuzbeinbruch.

Er lässt sich weichzeichnen

Seit er bei der «Rundschau» begonnen hat, sind seine Anzüge enger, die Krawatten schmaler und die Fragen schärfer geworden. Brotz hat seine Rolle als Verhörer in der «Rundschau» perfektioniert; seine Stimme, seine Körperhaltung, seine Interventionen. Heute reicht manchmal ein Wort – «Moment» –, und das Gegenüber hält ein.

Vom privaten Brotz heisst es, dass er ein sozialer, emotionaler, differenzierter Mensch sei, ein Kontrast also zum harten Fragesteller. Vielleicht auch darum liess sich der Moderator immer wieder von «Glanz und Gloria», «Schweizer Illustrierter» und «Blick» weichzeichnen. Brotz mit Sohn beim Rodeln. Brotz, der von neuem und vergangenem Liebesglück erzählt. Brotz bei Awardverteilungen. Brotz ist Teil des Unterhaltungsprogramms geworden. Nun erst recht als Strippenzieher der wichtigsten Politsendung des Landes. Ist er nun weich und charmant genug?

«Sandro Brotz ist journalistisch professionell genug, um die einseitige Parteinahme von seinem Vorgänger Projer zu eliminieren.»Adrian Amstutz, SVP-Nationalrat

«Ich wechsle einfach eine Rolle, kein Problem», sagt er. Ehemalige und aktuelle Mitarbeiter sind da ähnlich zuversichtlich. Und dann gibt es noch die Meinung von einem SVPler, Nationalrat Adrian Amstutz, der anders als seine Parteikollegen klingt: «Brotz kann das, er ist journalistisch professionell genug, um die einseitige Parteinahme von seinem Vorgänger Projer zu eliminieren.»

Die Joggingrunde um den Leutschenbach dauerte übrigens 35 Minuten, 6 Kilometer, Durchschnittspuls: 132. Gewöhnlich läuft Brotz schneller.

Erstellt: 05.04.2019, 21:44 Uhr

Die «Arena» – im Abwärtstrend

Es gab eine Zeit, da bestand der Freitagabend aus «Fascht e Familie» und der «Arena». Was dort im Ring gesprochen wurde, war tags darauf Thema. Filippo Leutenegger war damals Moderator. Es folgten Patrick Rohr, Urs Leuthard, Reto Brennwald, Sonja Hasler, Urs Wiedmer und Jonas Projer. Je älter die Sendung wurde, umso weniger Menschen schauten zu. In den 90er-Jahren hatte die «Arena» über 350'000 Zuschauer und einen Marktanteil von bis zu 38 Prozent, heute sind es noch 150'000 und 18 Prozent. (czu)

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