Die Schuhschachtel-Schweiz

Eigentlich lieben die Schweizer Häuser mit Schrägdach, aber heute dominieren Flachdächer. Dabei gäbe es gute Gründe für eine Renaissance des Dachgiebels.

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Ob ein Haus heute mit einem flachen oder einem schrägen Tragwerk gebaut wird, beschäftigt nicht einmal mehr die Architekturkritik. Flachdächer sind so selbstverständlich geworden wie Geländewagen in den Städten. Gemäss einer bisher unveröffentlichten Statistik der Immobilienberatungsfirma Wüest Partner nahm der Anteil von Schrägdächern bei Wohnneubauten schweizweit seit 2000 von rund 83 auf 48 Prozent in diesem Jahr ab. Gab es früher bei den Mehrfamilienhäusern in den Städten etwa gleich viel Flach- und Schrägdächer, so hat das Flachdach dieses Jahr einen Anteil von rund 70 Prozent erreicht. Ein letztes Bollwerk gegen Flachdächer bilden Einfamilienhäuser: Ausserhalb der Städte liegt der Anteil von Schrägdächern heute bei 72 Prozent. Doch auch hier zeigt die Tendenz steil nach unten. Noch im Jahr 2000 lag er bei 94,4 Prozent.

Dabei ging man einst gegen Flachdächer auf die Barrikaden. In den 1920er-Jahren setzte ein langer und ideologischer Streit ein: auf der einen Seite die Vertreter des Neuen Bauens, auf der anderen Heimatschutz-Architekten und konservative Politiker. «Es ist zweifellos praktisch, hin und wieder auch bei Wohnbauten flache Dächer anzuordnen, aber es ist natürlich töricht, Steildächer ganz auszuschliessen», schrieb ein gewisser Reg. BauMstr Dr. Ing L. Kuhberg in der Ausgabe der deutschen «Bauwirtschaft und Baurecht» vom 18. Januar 1928. Dachterrassen seien «sicherlich etwas Schönes, aber zu teuer und in unserem Klima selten nutzbar». Er wies darauf hin, es gebe im Durchschnitt nur etwa 20 regenfreie, warme Sonnentage im Sommer. Der Baumeister reagierte damit etwas gereizt auf das Aufkommen einer neuen Bewegung in der Architektur, die mit den traditionellen Methoden des Wohnungs- und Städtebaus brach – und flache Dächer forderte.

Die Schweiz wird seit Jahren mit «Schuhschachteln» überzogen – so auch hier im Winterthurer Quartier Neuhegi. Foto: Doris Fanconi

Das Neue Bauen stiess auch hierzulande auf geteiltes Echo. So stellte 1927 die NZZ auf ihrer Titelseite fest: «Verschiedene klimatische Verhältnisse stellen verschiedene Ansprüche, seit Jahrhunderten haben die Bewohner unserer kleinen Schweiz diesen elementaren Grundsatz beachtet.» Im Alpengebiet sei das flache Giebelhaus heimisch, es ertrage gewaltige Schneelasten, trotze Föhnsturm und Lawinenstürzen – im Flach- und Mittelland, das frei von solchen Elementargewalten sei, habe man hingegen den Steilgiebel kultiviert. «Doch Le Corbusier verlangt überall das flache Dach», stellte das Zürcher Blatt entgeistert fest.

«Bolschewistisch-jüdisches» Flachdach

Die Kritik entzündete sich vor allem an dem in Frankfurt zwischen 1925 und 1930 umgesetzten Stadtplanungsprogramm «Das Neue Frankfurt». Die Siedlungen des sozialen Wohnungsbaus galten städtebaulich, architektonisch sowie sozialpolitisch als revolutionär und fanden weltweit Beachtung. Doch die Konservativen und Nationalsozialisten störten sich an den Flachdächern – und schimpften so gestaltete Häuser Wohnkästen und Hundehütten. Bald war die Rede vom «bolschewistisch-jüdi­schen» Flachdach. Nach der Machtübernahme der Nazis wollte man die Siedlungen abreissen oder ihnen Giebeldächer aufsetzen.

In der Schweiz verursachte 1930 der Toggenburger Architekt Fritz Engler mit seinem «dachlosen» Haus in Wattwil einen mittleren Volksaufstand. Um die Gemüter zu beruhigen, lud er die Bevölkerung via Zeitungsinserate zur Besichtigung ein, 1200 Schaulistige kamen und staunten, dass es unter einem flachen Dach auch Schlafzimmer gab. Ab den 50er-Jahren setzte sich das Flachdach immer mehr durch, und die Öffentlichkeit gewöhnte sich an die Flachheit der Häuser. In den 70er- und 80er-Jahren gerieten die Flachdächer nochmals in Verruf, allerdings nicht wegen ihres Aussehens, sondern weil Baumängel dazu führten, dass die Dächer leckten und saniert werden mussten. Aber die Technik bekam dieses Problem bald in den Griff.

Allmählich streckte auch die Politik ihre Waffen: 1987 verlangte die SVP im Zürcher Kantonsrat vergeblich, dass ein Ergänzungsbau der Kantonsschule Rychenberg in Winterthur anstelle des vorgesehenen Flachdachs ein Schrägdach bekommen sollte. Ein letztes politisches Aufbäumen fand 2009 statt: Die Schweizer Demokraten (SD) forderten den Zürcher Stadtrat auf, den Bau von Flachdächern aus ästhetischen Gründen einzuschränken. Danach verstummten die kritischen Stimmen in der Öffentlichkeit. Unterdessen erfasste die Schweiz ein neuer Bauboom: Zwischen 2001 und 2015 nahm die Zahl der jährlich erstellten Wohnungen von knapp 29'000 auf über 53'000 zu. Haupttreiber waren die Einwanderung, die historisch tiefen Hypothekarzinsen und folglich auch der Anlagenotstand bei institutionellen Investoren wie Pensionskassen, Versicherungen oder Anlagefonds, die wegen des Negativzinsumfelds viel Geld in den Markt für Renditeliegenschaften pumpten. Fast überall in der Schweiz schossen neue Ein- und Mehrfamilienhäuser aus dem Boden. Kritik an der Zubetonierung der Schweiz kam in erster Linie aus einwanderungskritischen («Dichtestress») und ökologischen («Landfrass») Kreisen.

Es meldeten sich aber auch Skeptiker zu Wort, die sich an der Ästhetik der Neubauten störten. Zum Beispiel schrieb 2012 der damalige Chefredaktor der «NZZ am Sonntag», Felix E. Müller: «Wer heute durch die Schweiz fährt, könnte den Eindruck gewinnen, dass ihn eine Fata Morgana begleite: Er glaubt immer wieder den gleichen Gebäuden zu begegnen.» Es würden Schuhschachteln, rechteckige Kuben mit Flachdach und grossen, meist bis zum Boden reichenden Fenstern und Terrassen gebaut. In Deutschland erschien drei Jahre später im Kunstmagazin «Art» ein fulminanter Verriss der modernen Architektur. Überall in Europa würden neue Innenstädte «in der Standardgestalt maximaler Unpersönlichkeit» entstehen: «axial ausgerichtete grosse Blöcke mit lieblosen Zwischenräumen für Parkflächen, Abstandsgrün und Altglascontainer».

Was ist aus dem guten alten Giebeldach geworden? Foto: Keystone

Doch warum wird auch die Schweiz seit Jahren mit «Schuhschachteln» überzogen? Bei der Zürcher BVK, grösste Pensionskasse der Schweiz und Immobilieninvestor mit 5000 Wohnungen, heisst es beispielsweise: «Moderne Bauweisen mit grossen Fensterflächen und kubischen Gebäudeformen entsprechen einer zeitgemässen Architektur.» Da die BVK vor allem in urbanen Gebieten baue, würden Flachdächer tendenziell eher zur Anwendung kommen. Laut Patrick Schnorf von Wüest Partner würden viele Investoren aufgrund der tiefen Renditen auf Nummer sicher gehen und deshalb keine architektonischen Experimente wagen. Als weitere Gründe nennt die Fachliteratur die bessere Bodenausnutzung und mehr architektonische Möglichkeiten beim Flachdach im Vergleich zu anderen Dachformen. Auch Ruedi Meier, Präsident der grössten Baugenossenschaft der Zentralschweiz ABL, stellt fest: «Der heutige viereckige Standardklotz reizt den gesetzlich bebaubaren Raum komplett aus.» Zudem ermögliche das Flachdach den Bau von attraktiveren Wohnungen auf der obersten Etage dank grossen Dachterrassen.

Steildach steht für Geborgenheit

Wie ein Tragwerk auf den Menschen wirkt, darüber machte sich das 2008 von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) herausgegebene Buch «Das schräge Dach» Gedanken: «Das Steildach hat eine zentrale Rolle als Instrumentarium eines sozial wirksamen Designs.» So diene das schräge Dach als verbindendes Element aller Einzelzellen und stehe für Geborgenheit sowie Verbundenheit. Das mag etwas gestelzt formuliert sein, aber offenbar spürt der Laie, was damit gemeint ist. Laut der Immo-Barometer-Befragung 2017 von Wüest Partner findet eine Mehrheit der Schweizer den Typus «herkömmliches Mehrfamilienhaus mit Schrägdach» die attraktivste Gebäudeart. «Das zeigt meiner Meinung nach, dass die Identifikation mit dem traditionellen Haustypus immer noch hoch ist», sagt Patrick Schnorf.

Es ist kein Zufall, dass die Altbauten der Gründerzeit respektive des Historismus in den mitteleuropäischen Städten zu den beliebtesten Immobilien zählen. Sie unterscheiden sich von modernen Häusern durch aufwendig gestaltete Fassaden, Blockrandbebauung sowie schrägen oder halb schrägen Dachformen. «Lasst uns bauen wie vor 100 Jahren», forderte denn auch Gerhard Matzig, Architekturkritiker der «Süddeutschen Zeitung». Die wünschenswerte Urbanität und Harmonie im Stadtbild sei bis heute unerreicht geblieben.

«Die Baukultur entwickelt sich mit den sich verändernden Bedürfnissen.»Hochbauamt Stadt Bern

Fragt man bei den Baubehörden grosser Schweizer Städte nach, ob dies erstrebenswert sei, stösst man eher auf Unverständnis. «Nein, die Baukultur entwickelt sich mit den sich verändernden Bedürfnissen», heisst es beim Hochbauamt der Stadt Bern. Die Tendenz zu Flachdächern habe zudem für das Stadtbild keine negativen Auswirkungen, da die Qualität der Bauten nicht primär von der Dachform abhängig sei. Auch Zürich findet, dass Bauen wie vor 100 Jahren «nicht zeitgemäss wäre». Es könne durchaus der Fall sein, dass gewisse architektonische Qualitäten aufgrund ökonomischer Überlegungen eher zu kurz gekommen seien, meint Katrin Gügler, Direktorin des Amts für Städtebau. «Die Stadt ist aber durchaus robust genug und verträgt auch viel Unspektakuläres.» Mit welchen Dachformen die Verdichtungsaufgabe umgesetzt werde, sei ausser in den Kernzonen den privaten Bauherrschaften überlassen. Jens Andersen, Stadtbaumeister von Winterthur, betont wiederum, dass es trotz Flachdachboom gerade in Winterthur auch innovative Beispiele von kürzlich gebauten oder erst geplanten Bauten mit Schrägdächern gebe. Dabei fragt er rhetorisch: «Vielleicht ein Gegentrend?»

Gegen den Trend baut die ABL. In der Luzerner Neustadt musste die Baugenossenschaft wegen Statikproblemen ihre Siedlung aus den 1930er-Jahren abreissen. Da von der Stadt keine Auflagen zur Dachform gemacht wurden, war ein zeitgemässer Ersatzbau mit Flachdach möglich. Doch die ABL entschied sich bewusst für eine Blockrandbebauung mit einem Steildach in Trapezform, «weil dieses Projekt städtebaulich und im architektonischen Ausdruck am besten überzeugt hat», sagt ABL-Präsident Ruedi Meier. Damit erweist der Bauherr mit dem 170 Millionen Franken teuren Neubau auch der Umgebung, die aus stattlichen Wohnhäusern aus der Zeit um 1900 besteht, seine Reverenz.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.10.2017, 06:17 Uhr

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