Schulstunde mit Dr. Blocher

Kolumnist Markus Somm über die Rede zum neuen Jahr von Christoph Blocher.

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Wie inzwischen jedes Jahr, jeweils zu Anfang, hat Christoph Blocher, der informelle Chef der SVP, auch am 2. Januar 2019 aus dem Leben dreier Persönlichkeiten der Schweizer Geschichte berichtet. ­Dieses Mal kam er nach Winterthur, füllte eine Halle und sprach vor gut tausend Menschen über die ­Gebrüder Sulzer, über Jonas Furrer, den ersten Bundespräsidenten der modernen Schweiz, sowie über den Kunstsammler Oskar Reinhart. Allein der Vorgang ist bemerkenswert ­genug. Wo in aller Welt stellt sich ein erfolgreicher ­Unternehmer und mächtiger Politiker vor ein Publikum und erzählt die ­Biografien berühmter ­Männer oder Frauen? Wo kommt es vor, dass ein ­78-jähriger Doktor der Jurisprudenz sich selber in die Geschichtsbücher kniet, um nachher ­Arbeitern, Haus­frauen, Ärzten, Lehrern oder Sanitär­installateuren eine ­unentgeltliche Schulstunde zu erteilen? Was aber am ­bemerkenswertesten erscheint, ist die ­Tatsache, dass fast jedes Mal irgendein aus­gebildeter Historiker sich veranlasst fühlt, Blocher am Zeug zu ­flicken, oft von Journalisten dazu motiviert, die darüber zu schreiben ­haben. Und nie, gar nie sind sie ­zufrieden. Statt sich aus professionellen Gründen zu ­freuen, dass ein bekannter Mann eine Gelegenheit schafft, über ­Schweizer ­Geschichte nachzudenken, ­rümpfen diese ­Experten die Nase oder halten sie zu, meistens weisen sie schlecht gelaunt darauf hin, dass Blocher keinesfalls Geschichte studiert habe, und alles, was er sage, einzig einer politischen Agenda diene. Vor keinem Unsinn schrecken sie dann zurück.

Marlis Betschart etwa, Stadtarchivarin von Winterthur, moniert im «Tages-Anzeiger»: «Er sucht in der Geschichte Bezüge zu sich selber und seinen Werten», was wie ein schwerer Vorwurf wiegt, aber ins Leere fällt, denn tatsächlich beschäftigen sich auch die meisten Historiker mit Dingen, die mit ihnen zu tun haben, ob im positiven oder negativen Sinn. Wenn ein linker Forscher die Verwicklungen eines schweizerischen Handelshauses in die amerikanische Sklavenwirtschaft untersucht, dann tut er dies bestimmt nicht, weil ihn die Sklavenwirtschaft kalt liesse, sondern weil er glaubt, damit einen Teil der Schweizer Geschichte kritisch aufzuarbeiten. Sein Bezug ist persönlich, wenn nicht politisch, ihm geht es genauso um Werte. Darüber hinaus stört sich Betschart daran, dass Blocher sich bloss um das «Glorreiche» kümmere und anderes weglasse, wie etwa die «Lebenswelt der Arbeiter». Gewiss, auch das ist «spannend», um im Jargon von Betschart zu bleiben, aber Blocher möchte über die Gebrüder Sulzer als Gründer eines Weltunternehmens etwas erzählen, nicht deren Arbeiter, die Arbeit fanden, weil es die Gebrüder Sulzer gab. Wer Geschichte schreibt, wählt aus, unmöglich ist es, über alles zu ­berichten. Warum nicht einmal über etwas Neues? Betschart ist in diesem Fall die Konservative, nicht Blocher.

Denn über die «Lebenswelt der Arbeiter während der Industrialisierung» sind seit den 1960er-Jahren zahllose Bücher erschienen, während die Schweizer Historiker sich kaum mit den Unternehmern beschäftigt haben. Es ­mangelt an einschlägigen, wissenschaftlichen Biografien, was in einem Land, wo die Unternehmer wohl zu den wirkungsmächtigsten Akteuren der Geschichte gehören, ­einigermassen erstaunt. Wie ist das zu erklären? Mit einer etwas einseitigen Perspektive, die aber nicht ­Blocher anzulasten ist, sondern den professionellen ­Historikern, die seit den 70er-Jahren mehrheitlich der Linken zuneigen und deshalb die Unternehmer eher als uninteressant, wenn nicht problematisch ansehen. Mit ­anderen Worten, sie verhielten sich selektiv, ohne sich dafür zu entschuldigen. Wenn aber ein konservativer ­Politiker die gleiche «selektive» Vorgehensweise anwendet, dann ist Feuer im Dach.

Was die Historiker indes viel mehr beunruhigen ­müsste, ist die Tatsache, dass sie selber nicht mehr in der Lage sind, eine Debatte anzustossen. Es fehlt ihnen das Gespür für Brisanz, sie schreiben unverständlich, sie murmeln etwas in den Bart und wenn sie nicht mehr weiter wissen, erklären sie eine Schlacht wie Marignano für bedeutungslos und weigern sich, etwas zu sagen. Zum Jubiläum des Generalstreiks im November 2018 wollten sie den Konservativen für einmal zuvorkommen, doch am Ende hielt Christoph Blocher eine Rede, und fast alle sprachen nur mehr davon – auch die Historiker, die daran erinnerten, dass Blocher kein Historiker sei.

Erstellt: 12.01.2019, 22:46 Uhr

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