Schutzlose Patienten

Nur wenige Ärzte machen sich die Mühe, die Daten ihrer Patienten zu verschlüsseln. Das rächt sich.

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Kaum ein Bundesgesetz hat in den letzten Jahren aus so unterschiedlichen politischen Lagern Kritik einstecken müssen wie das Bundesgesetz über das elektronische Patientendossier (EPDG), das kommendes Jahr in Kraft treten soll. Im Zentrum stand dabei immer die Sorge um den Datenschutz der Patienten: Wer würde Einblick erhalten? Wie verhindert man Missbräuche? In welchen Fällen dürfen Ärzte Informationen untereinander weitergeben?

Ausgerechnet das elektronische Patientendossier hätte aber den Datenschutz verbessert. Denn wie eine Umfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet zeigt, machen sich viele Ärzte keine Mühe, die Daten ihrer Patienten via E-Mail verschlüsselt zu tauschen. Das ist so, als würden sie einander Patientenakten auf Postkarten zuschicken. Dass das nicht mehr passiert, genau dafür sorgt das EPDG. Es schafft ein System, das es allen Medizinern ermöglicht, Daten verschlüsselt zu übermitteln. Vom Landarzt über die Apotheke bis zum Kantonsspital: Auf einen Schlag würden alle sicher miteinander kommunizieren.

Leider hat die Ärztegemeinschaft FMH diese Chance nicht erkannt. Und die aufgeheizte Stimmung gegenüber dem EPDG vielmehr dazu benutzt, die eigenen Interessen zu wahren. So erkannte sie im Ärztealltag Mehraufwand: Technikschulungen, neue Software kennen lernen. Alles viel zu komplex. Das wollte sie älteren Kollegen nicht zumuten. Sie setzte durch, dass frei praktizierende Ärzte nicht dazu verpflichtet werden, das elektronische Patientendossier zu nutzen. Im Gegensatz zu Spitälern, die ohnehin flächendeckend verschlüsselt kommunizieren.

Aus heutiger Sicht zeigt sich, dass die FMH sich ins eigene Fleisch geschnitten hat. Oder besser gesagt: in dasjenige der Patienten. Es sind ja ihre Daten, die schutzlos im Internet herumschwirren. Für 2017, dann tritt das EPDG in Kraft, ist es schon zu spät. Das Parlament hat dem Gesetz in seiner jetzigen Form zugestimmt. Aber sollte die FMH in der Obligatoriumfrage zur Vernunft kommen, lässt sich das Gesetz später abändern. Aus Patientensicht wäre es wohl am besten, man würde in Bern das entsprechende Verfahren heute schon einleiten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.03.2016, 23:07 Uhr

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