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Schweiz auf der «Sun»-Frontseite – Brite kündigt Freitod gross an

Ein 68-jähriger Schreiner aus Grossbritannien hat sich bei Dignitas in Pfäffikon das Leben genommen. Er kündigte dies im grössten britischen Boulevard-Blatt an – und verfolgte damit ein Ziel.

mw

Bob Cole war an einer aggressiven Form von Lungenkrebs erkrankt. Der 68-jährige Schreiner aus der britischen Stadt Chester wollte sich deshalb das Leben nehmen. Weil Sterbehilfe in Grossbritannien illegal ist, liess sich Cole von der Schweizer Organisation Dignitas in den Tod begleiten, wie die britische Tageszeitung «The Sun» auf ihrer Frontseite gross ankündigte.

Cole machte seinen Freitod laut der «Sun» publik, um auf eine Liberalisierung der Sterbehilfe in Grossbritannien hinzuwirken. «Ich sollte mit Würde in meinem eigenen Land, in meinem eigenen Bett sterben können», zitiert das Boulevardblatt Cole. Bereits die Frau des begeisterten Berggängers nahm sich laut dem Bericht letztes Jahr bei Dignitas das Leben, da sie an einer tödlichen Gehirnkrankheit litt.

Die Legalisierung der Sterbehilfe wird in Grossbritannien rege diskutiert. Die nächste Debatte darüber steht im britischen Parlament am 11. September an. Die Vorlage des Labour-Abgeordneten Rob Marris sieht vor, dass todkranke, aber zurechnungsfähige Patienten von Ärzten ein tödliches Medikament verlangen können, um sich dieses selber zu verabreichen.

Auf die Verabschiedung dieser oder einer ähnlichen Vorlage zielte auch Cole ab. «Die Politiker müssen den Mumm aufbringen, das Gesetz zu ändern. Wenn sie nicht akzeptieren, dass die britische Bevölkerung dies will, wird es ihnen aufgezwungen werden», sagte Cole laut der «Sun».

Die «Sun» hat eine Printauflage von rund 2 Millionen Exemplaren und wird online jeden Monat von rund 30 Millionen Usern gelesen. Die Meldung über Coles geplanten Freitod wurde von zahlreichen anderen Medien aufgegriffen. Auch die BBC berichtet darüber.

Anfang August hatte bereits der Fall der 75-jährige Britin Gill Pharao für Aufsehen gesorgt. Die ehemalige Krankenschwester hatte sich von der Basler Sterbehilfeorganisation Lifecircle in den Tod begleiten lassen. In einem von der «Times» publizierten Blogbeitrag beschrieb sich Pharao als ziemlich gesund. Sie sterbe lieber, als alt zu werden, schrieb sie. Auch Pharao machte ihren Freitod publik, um politischen Druck zu erzeugen.

Im Jahr 2012 nahmen sich in der Schweiz im Rahmen einer Freitodbegleitung 29 Personen aus Grossbritannien das Leben. Insgesamt waren es 172 Personen; 77 davon stammten aus Deutschland.

Die Sterbehilfeorganisationen in der Schweiz sind als Vereine organisiert. Besondere Regeln oder eine Aufsicht bestehen für diese nicht. Eine stärkere Regulierung der Sterbehilfe war in der nationalen Politik zuletzt kein Thema mehr, nachdem das Parlament 2012 verschiedene Vorstösse dazu abgelehnt hatte. Das Fazit damals: Über Gegenstand und Umfang der Regelung bestand keinerlei Konsens.

Nachdem der Fall von Gill Pharao nun bekannt geworden war, forderte Jürg Schlup, Präsident des Ärzteverbands FMH eine Diskussion darüber, ob eine gesetzliche Regelung notwendig sei. Von der Politik ist diese Forderung bislang nicht aufgegriffen worden. Die Luzerner CVP-Nationalrätin Ida Glanzmann, die sich früher erfolglos für ein Aufsichtsgesetz einsetzte, sagt, sie sei nach wie vor der Meinung, dass man eine Aufsicht einsetzen sollte. Glanzmann stört sich insbesondere an den Kosten, die Sterbehilfeorganisationen verrechnen. Für Sterbewillige aus dem Ausland sind dies bis zu 10'000 Franken. Sie halte es für bezeichnend, das Dignitas seit Jahren keine Rechnung öffentlich mehr vorgelegt habe, sagt Glanzmann. «Ich würde gerne wissen, ob man dies einfach so laufen lassen will.»

Während die Sterbehilfeorganisation Dignitas selber eine Anfrage zur Stellungnahme unbeantwortet liess, äussert sich Bernhard Sutter, Geschäftsführer der Sterbehilfeorganisation Exit, zu möglichen Konsequenzen für die Situation in der Schweiz. Er glaube, die beiden Fälle in Grossbritannien würden eher ein positives Licht auf die Schweiz werfen. «Sie zeigen, dass die Selbstbestimmung am Lebensende in der Schweiz voll respektiert wird.» Mit einer neuen Debatte über eine Regulierung der Sterbehilfe rechnet Sutter nach der nur wenige Jahre zurückliegenden Ablehnung dieses Vorhabens durch Bundesrat und Parlament nicht. Grössere Auswirkungen könnte laut ihm der in Deutschland anstehende Entscheid zur Sterbehilfe haben. Am 2. November entscheidet der Bundestag dort über eine Vorlage, die die Sterbehilfe verbieten und explizit auch den Sterbetourismus in die Schweiz einschränken will. Ob eine Annahme schliesslich eine Zunahme oder eine Abnahme der Fälle von Freitodbegleitungen Deutscher in der Schweiz zur Folge hätte, ist für Sutter aber offen: «Beides ist vorstellbar.»

Cole setzte seinen Plan laut der «Sun» in die Tat um und nahm sich am Freitag bei Dignitas in Päffikon das Leben.

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