Schweizer Geiseln: Führte Deal zu toten Taliban?

Das in Pakistan verschleppte Paar sollte gegen Taliban ausgetauscht werden – angeblich mit tödlichen Folgen.

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Prominent liegt der Erlebnisbericht der Schweizer Ex-Geiseln seit Anfang Woche in Buchhandlungen auf. Daniela Widmer und David Och, früher beide im Sold der Berner Polizei, müssen nun, eineinhalb Jahre nach ihrer Flucht, erneut Kritik einstecken, die ihnen zusetzt. Demut und Dankbarkeit vermissen Kommentatoren aus Presse und in Onlineforen. Wenigstens das Buchhonorar – so wird gefordert – sollten die Aargauerin und der Berner dem Bund zahlen, der für die Befreiungsbemühungen Hunderttausende ausgab.

Liebe in Zeiten der Malaria

Und wieder wird angezweifelt, dass sich die beiden nach 259 Tagen Geiselhaft selbst befreit haben. Dem wird sich jedoch kaum jemand anschliessen, der die 317 Seiten, die auf Widmers Tagebuch beruhen, gelesen hat und nicht von Verschwörungstheorien angetan ist. Zwar gibt es Fälle, in denen sich Verschleppte nach Lösegeldzahlungen plötzlich von ihren Bewachern absetzen konnten, die so taten, als würden sie nicht mehr aufpassen. Im Fall von Widmer und Och war es allem Anschein nach nicht so.

Eindrücklich geht aus dem Buch hervor, wie die beiden Entführten ihren Überlebenswillen unter widrigsten Bedingungen stärkten, wie sie gegen Verwahrlosung und Krankheiten ankämpften. Wie die Liebe in Zeiten der Malaria stärker war als die Gewalt, die sie umgab. Und wie das Paar trainierte, Abertausende Liegestützen und Rumpfbeugen machte und ewige Runden drehte in Innenhöfen, umgeben von unüberwindbaren Mauern.

«Lasst die Ketten rasseln»

In den achteinhalb Monaten der Gefangenschaft – und dies blieb bislang weitgehend unbeachtet – gab es ernsthafte Bemühungen, die beiden Geiseln im Austausch mit in Pakistan inhaftierten Taliban oder gegen Lösegeld freizubekommen. Drei Parteien mit zum Teil divergierenden Interessen arbeiteten an Deals: der pakistanische Staat, die Eidgenossenschaft und Angehörige. Pakistans berüchtigter Geheimdienst ISI spielte dabei eine Schlüsselrolle, die für die Familien der Entführten und vermutlich auch für die Schweizer Diplomatie undurchsichtig blieb.

Um Druck auf Bund und Angehörige auszuüben, fertigten die Taliban Videos an, in denen die Geiseln Forderungen übermitteln mussten. «Lasst die Ketten rasseln», befahl ihnen ein aus Deutschland stammender Kämpfer vor einer Aufnahme, «es soll ein dramatisches Video sein.» Um die Gegenseiten gegeneinander auszuspielen, liessen die Taliban die Entführten nach Hause telefonieren. In einem der Dialoge aus dem Buch muss Daniela Widmer fordern: «100 Mujahedin sollen freigelassen werden.» Ihre Mutter antwortet: «Das sind zu viele, Daniela, das bekommen sie nicht!»

Die Geiseln erfahren von ihren Entführern, der pakistanische Präsident Zardari habe 60 Mujahedin angeboten, plus Lösegeld, später sollen es 100 Taliban sein, alles Informationen, die sich nicht überprüfen lassen. 85 Freizulassende würden von der Regierung ausgewählt, 15 von den Taliban. Auf einem Video muss David Och daraufhin die Nummer einer 1000-Rupien-Note vorlesen. Damit prüft die Regierung Pakistans, ob sie tatsächlich mit seinen Entführern verhandelt.

«Eher tot als lebendig»

Bald lassen die Taliban die beiden Geiseln wissen, die ersten 5 freigelassenen Mujahedin seien eingetroffen und auf dem Basar frenetisch bejubelt worden; 8 weitere folgen. Die Entführten sind hoffnungsvoll – bis sie einen Brief erhalten. Ein Talib schreibt, dass die 13 Freigelassenen «bis auf die Knochen abgemagert» und «eher tot als lebendig» seien. Einer sei sogar gestorben. Von gezielten Vergiftungen ist die Rede. Taliban von der 15er-Liste seien in Geheimgefängnissen umgebracht worden. Die Verhandlungen über den Austausch scheitern.

Fortan wird um Lösegeld gefeilscht. Es sind Millionensummen, die die Angehörigen auftreiben sollen. In einem Gespräch in die Schweiz übermitteln Daniela Widmer und David Och ihren Standort, sie räumen täglich Gegenstände aus dem Innenhof, über die ein Befreiungskommando stolpern könnte. Doch als niemand kommt, entscheiden sie sich, aus eigener Kraft der Todesgefahr zu entrinnen.

Erstellt: 30.08.2013, 07:27 Uhr

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