Schweizer Gutachten sorgt für Aufruhr in Kosovo

Nach dem Tod eines Politaktivisten in einem kosovarischen Gefängnis hegen Experten aus Lausanne Zweifel an der offiziellen Todesursache.

Der verstorbene Aktivist war ein flammender Unterstützer Kurtis: Ein Mitglied der Oppositionspartei hält das Porträt Astrit Deharis während einer Beerdigungszeremonie. Foto: Visar Kryeziu (AP Photos)

Der verstorbene Aktivist war ein flammender Unterstützer Kurtis: Ein Mitglied der Oppositionspartei hält das Porträt Astrit Deharis während einer Beerdigungszeremonie. Foto: Visar Kryeziu (AP Photos)

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Dieses Gutachten hat die Öffentlichkeit in Kosovo mit Spannung erwartet. Rechtsmediziner aus Lausanne sollten eine Frage beantworten, die das Balkanland seit Jahren bewegt, polarisiert und zu destabilisieren droht. Diese Frage lautet: Unter welchen Umständen ist der in Bern geborene Student Astrit Dehari am 5. November 2016 im Gefängnis von Prizren im Süden Kosovos gestorben? Die dortigen Behörden sprechen von Suizid, die Partei Vetëvendosje (Selbstbestimmung) ist überzeugt, dass ihr Aktivist einem politischen Mord zum Opfer gefallen ist.

Nach dem mysteriösen Todesfall hatten die Familie Dehari und die Partei Vetëvendosje eine unabhängige Untersuchung gefordert – am besten durch Schweizer Experten. Die Justiz in Kosovo gab dem Druck nach und beauftragte das Universitätszentrum für Rechtsmedizin der Romandie in Lausanne, ein Gutachten zu erstellen. Gestern Donnerstag wurde das Dokument im französischen Original und in einer albanischen Übersetzung den Eltern von Dehari übergeben.

Mit ihren Schlussfolgerungen bringen die Lausanner Forensiker die kosovarischen Behörden massiv in Bedrängnis. Sie halten aufgrund der rechtsmedizinischen Untersuchung einen Selbstmord des 26-jährigen Studenten für unwahrscheinlich. Ausserdem müsse die Beteiligung oder Intervention eines Dritten bei diesem Todesfall in Betracht gezogen werden. Vor diesem Hintergrund fordert das forensische Institut aus Lausanne eine neue Untersuchung, um die Umstände des Todes von Astrit Dehari zu klären.

Tränengas im Parlament

Die Partei Vetëvendosje, welche aus den Parlamentswahlen vom 6. Oktober als stärkste politische Kraft Kosovos hervorgegangen ist, sprach auch am Donnerstag von einem Mord. Der zuständige Staatsanwalt und die damalige Justizministerin wurden beschuldigt, die Ermittlungen behindert zu haben. Generalstaatsanwalt Aleksandër Lumezi kündigte an, seine Behörde werde Justizexperten aus den USA engagieren, um die Aufklärung des Falls zu beaufsichtigen. Lumezi wird Anfang November die Schweiz besuchen. Auf dem Programm stehen mehrere Treffen mit Vertretern der hiesigen Justiz.

Die Vetëvendosje-Aktivisten wurden des Terrorismus verdächtigt.

Astrit Dehari wurde Ende August 2016 zusammen mit fünf weiteren Anhängern der linken und damals sehr militanten Partei Vetëvendosje verhaftet wegen ihrer angeblichen Beteiligung an einem Angriff auf das Parlament Kosovos. Dabei war die Aussenfassade des Gebäudes beschädigt worden. Tote oder Verletzte gab es nicht. Die Vetëvendosje-Aktivisten wurden des Terrorismus verdächtigt.

Doch die Beweislage ist dünn, die Justiz hat das Verfahren noch nicht abgeschlossen. Als die Volksvertretung attackiert wurde, bekämpfte Vetëvendosje mit fast allen Mitteln ein Grenzabkommen der kosovarischen Regierung mit dem Nachbarstaat Montenegro. Abgeordnete der Partei setzten sogar Tränengas im Parlament ein, um die Vereinbarung zu verhindern. Das gelang ihnen nicht.

Medizinstudent und Mitglied der Anti-Establishment-Bewegung

Vetëvendosje-Chef Albin Kurti rechnet sich nun gute Chancen aus, Regierungschef Kosovos zu werden. Wohl deshalb schlägt er moderate Töne an und sagt, das Zünden von Tränengaspetarden im Parlament gehöre der Vergangenheit an. Er ist aber weiterhin überzeugt, dass Staatschef Hashim Thaçi im vergangenen Jahr etwa 8000 Hektaren Alpweiden an Montenegro weggegeben habe in der Hoffnung, die EU werde im Gegenzug die Visumspflicht für Kosovaren aufheben. Die EU hat das Versprechen bis heute nicht eingelöst.

Kurti ist im Kosovo beliebt: Der Anti-Establishment-Politiker will Regierungschef werden. Foto: Keystone

Der im Gefängnis verstorbene Aktivist Astrit Dehari war ein flammender Unterstützer Kurtis. Dehari kam 1990 in Bern zur Welt, wo seine Eltern als politische Flüchtlinge lebten. Ihre drei Kinder wurden in der Schweiz eingeschult. Nach dem Krieg kehrte die ganze Familie nach Kosovo zurück. Astrit studierte Medizin in Pristina, sein Bruder Arbënor deutsche Sprache und Literatur.

Beide gehörten zum harten Kern der Anti-Establishment-Bewegung Vetëvendosje, beide verbanden nationalistische Schlagwörter mit linker Kapitalismuskritik, beide forderten eine Vereinigung Kosovos mit dem «Mutterland» Albanien, und beide waren der Meinung, dass die ehemaligen «Befreier Kosovos» wie Hashim Thaçi das Land ausplünderten und die Freiheitsideale verraten hätten.

Zeuge auch tot

Die Tragödie der Familie Dehari nahm schon 2014 ihren Anfang. Damals starb der ältere Sohn Arbënor Dehari – angeblich nach einem Sturz vom Balkon seiner Wohnung in Pristina. Nach dem Tod von Astrit Dehari in der U-Haft verstrickten sich die Behörden in Widersprüche. Zuerst hiess es, der Mann habe in seiner Zelle Selbstmord durch eine Überdosis Tabletten begangen, danach wurde mitgeteilt, er sei auf dem Weg ins Spital gestorben, später erklärten die Polizisten, der Tod sei erst im Spital eingetreten. Ein Zeuge, mit dem Dehari seine Zelle geteilt hatte, starb wenige Monate später in einem anderen Gefängnis.

«Früher assen wir aus denselben Tellern. Heute bringen sie unsere Kinder um.»Xhemile Dehari, Mutter von Astrit

Die Mutter Xhemile Dehari, die den Tod von zwei Söhnen beklagt, sagte 2017 gegenüber der «Wochenzeitung»: «Früher assen wir aus denselben Tellern. Heute bringen sie unsere Kinder um.» Gemeint waren Leute wie Staatschef Thaçi. Er und die Deharis waren in den 90er-Jahren in der Volksbewegung Kosovos (LPK) politisch aktiv, die ihren Auslandssitz in der Schweiz hatte. Thaçi weist die Vorwürfe der Familie entschieden zurück, er bezeichnet das Verhalten von Vetëvendosje als «primitiv».

Erstellt: 24.10.2019, 21:30 Uhr

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