Schweizer Jugendschiff sucht Asyl im Ausland

Die Behörden wollten die Salomon aus dem Verkehr ziehen. Nun machen die Betreiber des schwimmenden Jugendheims unter dem Namen einer deutschen Organisation weiter.

Während langer Zeit von keiner staatlichen Stelle kontrolliert: Seit 2003 segelt die Salomon als «Hochseelebensschule» über den Atlantik. Foto: PD

Während langer Zeit von keiner staatlichen Stelle kontrolliert: Seit 2003 segelt die Salomon als «Hochseelebensschule» über den Atlantik. Foto: PD

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Zwölf schwierige Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren befinden sich derzeit als Matrosen auf dem Dreimaster Salomon mitten im Atlantik. Momentaner Ankerplatz: die Azoren, über 2000 Kilometer vor der Küste Portugals. Die Jugendlichen, grösstenteils aus der Schweiz, wurden von Jugendschutz-Behörden auf dem Schiff platziert. Dort sollen sie unter nautischem Drill und mit pädagogischer Betreuung auf den rechten Weg zurückfinden. Bisher segelte das schwimmende Jugendheim mit einer Heimbewilligung des Kantons Bern. Doch diese läuft am 31. Juli 2016 unwiderruflich aus.

Dies hat das Berner Jugendamt der Stiftung Jugendschiffe Schweiz, welche die Salomon betreibt, bereits 2014 mitgeteilt. «Wir wollen dem Schiff einen geordneten Ausstieg ermöglichen», hiess es damals beim Berner Jugendamt.

Doch die Stiftung denkt nicht an Ausstieg. Wie jetzt bekannt wird, hat sie im Mai ihren Sitz aus dem Kanton Bern ins zürcherische Rafz verlegt – mit dem Ziel, künftig mit einer Zürcher Heimbewilligung Jugendliche zu betreuen. Der Kanton Zürich wird das entsprechende Gesuch der Stiftung jedoch frühestens in ein paar Monaten beantworten. Damit hätte die Salomon ab nächster Woche keine Bewilligung mehr gehabt für die Betreuung der zwölf Jugendlichen.

Übernehmen die Zürcher?

Doch nun präsentiert die Stiftung Jugendschiffe Schweiz einen juristischen Ausweg. Ab dem 1. August gehe die pädagogische Schiffsarbeit «in die volle Verantwortung» der deutschen Institution Haus Wildfang GmbH über, teilt die Stiftung auf Anfrage mit. Das Haus Wildfang verfüge in Deutschland über entsprechende Betriebsbewilligungen und arbeite auf der Grundlage der deutschen Sozialgesetzgebung. Es sei erfahren «im Bereich der intensivpädagogischen Hilfen im Ausland mit sogenannten Systemsprenger-Jugendlichen».

Trotz des juristischen Asyls in Deutschland läuft auf der Salomon offenbar das meiste weiter wie bisher. Das Schiff segelt weiterhin unter Schweizer Flagge, und es bleibt im Besitz der Stiftung Jugendschiffe Schweiz. Das Schiff und das Betreuungspersonal würden der deutschen Trägerschaft nur «vermietet», sagt Mario Schmidli, Co-Geschäftsleiter der Stiftung Jugendschiffe. Das Fernziel bleibe, dereinst wieder mit einer Bewilligung einer Schweizer Behörde unterwegs zu sein.

Ob der Kanton Zürich die Heimbewilligung erteilen wird, ist offen. Derzeit werde das Gesuch geprüft, sagt Daniel Kübler, Leiter des Zentralbereichs Kinder- und Jugendhilfe im Zürcher Amt für Jugend und Berufsberatung. «Wir rechnen damit, noch in diesem Jahr über den Antrag entscheiden zu können.»

Kontrolle für Berner unmöglich

Obwohl die Salomon seit 2003 als «Hochseelebenschule» im Einsatz ist, wurde sie lange Jahre von keiner staatlichen Stelle kontrolliert. 2013 verschärfte der Bund jedoch die Pflegekinderverordnung. Seither können Jugendliche nur noch im Ausland platziert werden, wenn die jeweilige Institution staatlich beaufsichtigt wird. Weil die Stiftung im Kanton Bern ihren Sitz hatte, anerkannte dieser seine Zuständigkeit. Er war 2014 aber nur bereit, eine befristete Bewilligung bis Juli 2016 auszustellen.

Eine längerfristige Bewilligung sei für den Kanton Bern aus rechtlicher Sicht gar nicht möglich, sagt Andrea Weik, die Leiterin des kantonalen Jugendamts. «Auf einem Schiff, das irgendwo auf dem Atlantik unterwegs ist, können wir unsere Verantwortung als Aufsichtsbehörde nicht wahrnehmen.» Zur Aufsichtstätigkeit gehöre, in der Institution unangemeldete Besuche vornehmen zu können. Zudem müsse man auf Aufsichtsanzeigen oder ausserordentliche Vorfälle reagieren können. All das sei auf einem Schiff nicht möglich, sagt Weik.

Die Besatzung schliesst die Jugendlichen als Disziplinarmassnahme ab und zu in einer Kabine ein.

Hinzu komme, dass die Schiffsbesatzung die Jugendlichen als Disziplinarmassnahme ab und zu in einer Kabine einschliesse. Laut der Berner Gesetzgebung dürften aber nur Institutionen solche Einschlüsse vornehmen, die über eine entsprechende Bewilligung des Bundesamts für Justiz verfügen, sagt Weik. Eine solche hätten die Betreiber der Salomon aber nicht.

Schmidli von der Stiftung Jugendschiffe sagt hingegen, dass es als Disziplinarmassnahme auf der «Salomon» nie Einschlüsse gebe, sondern nur als Sicherheitsmassnahme. Solche Einschlüsse würden «nur bei akuter Fremd- und Selbstgefährdung» und in Absprache zwischen dem Kapitän und dem Leiter des Schiffs verfügt. Ausserdem würden das Kantonale Jugendamt und das Schweizerische Seeschifffahrtsamt sofort darüber informiert.

Die Stiftung Jugendschiffe Schweiz hatte in den letzten Wochen noch versucht, in Bern eine Übergangsbewilligung zu erhalten, bis Zürich über ihren Fall entschieden hat. Auf dieses Gesuch der Stiftung sind die Berner Behörden jedoch mangels Zuständigkeit nicht eingetreten, weil die Stiftung ihren Sitz neu im Kanton Zürich habe. Nun sind die Betreiber der Salomon nach Deutschland ausgewichen. Die Pflegekinderverordnung lässt unter gewissen Bedingungen Platzierungen in ausländischen Institutionen zu. Ob diese Bedingungen im vorliegenden Fall erfüllt sind, liess sich zunächst nicht verifizieren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.07.2016, 22:47 Uhr

106 Jahre alter Dreimaster

Das Jugendschiff Salomon

Der 32 Meter lange Dreimast-Topsegelschoner Salomon wurde im Jahr 1910 gebaut und seither mehrmals umgebaut. Heute
dient er als «Hochseelebensschule» für maximal 16 männliche Jugendliche mit schwierigem Verhalten. Das Schiff segelt unter Schweizer Flagge und steht unter der nautischen Aufsicht des Schweizerischen Seeschifffahrtsamts in Basel. Für das
pädagogische Angebot ist das Amt jedoch nicht zuständig.

2014 hatte das Jugendamt des Kantons Bern pädagogische Vorbehalte gegen das Angebot der Schiffbetreiber angebracht. Diese Vorbehalte äussert das Jugendamt heute nicht mehr. Die Nichtverlängerung der Heimbewilligung wird einzig mit der Unmöglichkeit begründet, dass man auf einem Schiff, das auf hoher See unterwegs sei, die Verantwortung als Aufsichtsbehörde nicht wahrnehmen könne. (hä)

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