Schweizer Top-Ermittler in Moskau auf Abwegen

Der Russland-Spezialist der Bundeskriminalpolizei ermittelte auf eigene Faust. Jetzt läuft gegen ihn ein Strafverfahren.

Vorgesetzte waren gegen den Russland-Aufenthalt: Im Dezember 2016 war der nun entlassene Ermittler nach Moskau gereist. Foto: Stanislav Krasilnikovvia/Getty Images

Vorgesetzte waren gegen den Russland-Aufenthalt: Im Dezember 2016 war der nun entlassene Ermittler nach Moskau gereist. Foto: Stanislav Krasilnikovvia/Getty Images

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Unangemeldet tauchte Anfang Februar eine Schar Kantonspolizisten bei den Kollegen der Bundeskriminalpolizei (BKP) im Berner Weissenbühlquartier auf. Mit einem Durchsuchungsbefehl betraten sie das unscheinbare Bürogebäude. Dort beschäftigen sich Ermittler des Bundes mit heikelsten Fällen, zum Beispiel mit internationaler organisierter Kriminalität. Doch auch die Berner Kantonspolizisten waren in einer überaus sensiblen Sache unterwegs. Sie sollten den Arbeitsplatz des Russland-Spezialisten der BKP durchsuchen, eines Kriminalisten mit fast zwei Jahrzehnten Erfahrung.

Der Top-Ermittler wiederum untersucht politisch hochbrisante Fälle, darunter grosse Korruptionsaffären um Ex-Politiker und Oligarchen. Oder besser gesagt: Er untersuchte. Denn seinen Job ist er seit jenem Februartag los. Er wurde ins Einvernahmezentrum des Bundes gebracht. Dort war er für einmal nicht der Verhörende, sondern der Verhörte.

Die Bundesanwaltschaft wollte alles wissen zu seiner Moskau-Reise, die damals rund zwei Monate zurücklag. Dem Russland-Experten werden schwere Vorwürfe gemacht. Ob das zu Recht geschieht, muss das weitere Strafverfahren erweisen.

«Vorsorglich freigestellt»

Die BKP hatte ihren eigenen Mann kurz zuvor, am 8. Februar, angezeigt. Ihr Verdacht: Amtsanmassung, Amtsmissbrauch und Verletzung des Amtsgeheimnisses. Zudem – so die schwerste Anschuldigung in der Anzeige des Arbeitgebers – liess sich der Korruptionsermittler angeblich selbst bestechen. Von dem halben Dutzend Bekannten, mit denen Tagesanzeiger.ch/Newsnet gesprochen hat, traut das dem Familienvater keiner so richtig zu. Allerdings gehen die genannten Straftatbestände, gegen die der Endfünfziger verstossen haben soll, aus einem Zwischenentscheid des Bundesstrafgerichts hervor. Doch dort fehlen Details und so bleibt vieles zum Fall im Dunkeln.

Die Bundesanwaltschaft bestätigt einzig, dass sie nach Eingang der Anzeige ein Strafverfahren eröffnet hat und betont, dass die Unschuldsvermutung gelte. Fedpol, zu dem die BKP gehört, teilt zusätzlich mit, dass ein Mitarbeiter «von seinen Tätigkeiten vorsorglich freigestellt wurde» und dass «personalrechtliche Massnahmen geprüft» werden. Und der Verteidiger des Beschuldigten, der Berner Anwalt Dominic Nellen, darf nichts zum Fall sagen – nicht einmal, ob sein Mandant die Vorwürfe bestreitet. Doch darauf deutet einiges hin.

Was genau ist passiert? Im Dezember 2016 war der nun entlassene Ermittler nach Moskau gereist, wie so oft. Er war ja auch «verantwortlich für die Beziehung der Schweizerischen Bundesanwaltschaft zur Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation». So heisst es in seinem Profil in einem sozialen Netzwerk im Internet. Zudem hat der nun Beschuldigte dort geschrieben, er «berate den Bundesanwalt» Michael Lauber sowie dessen Leute in Russland-Fragen. Weiter verrät er über sich: «Ich pflege persönliche Beziehungen zu den leitenden Vertretern der Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation.»

Njet aus der Chefetage missachtet

Und genau das ist ihm nun – unabhängig vom völlig offenen Ausgang des Strafverfahrens – zum Verhängnis geworden. Seine Kriminalistenkarriere knickte, weil er die persönlichen Beziehungen zu russischen Akteuren zu sehr pflegte. Aber sie knickte auch, weil der Top-Ermittler seine Fälle unbedingt lösen wollte, auch mit unkonventionellen, eventuell sogar illegalen Methoden.

Gemäss mehreren Quellen hatten Vorgesetzte nicht gewollt, dass der Russland-Spezialist Ende 2016 nach Moskau reiste. Bei der BKP kursiert sogar das Gerücht, dass ihm das untersagt worden sei, weil er noch zu viel Überzeit und Ferienguthaben gehabt habe. Jedenfalls setzte sich der Ermittler über das Njet seiner Chefetage hinweg.

Der Russland-Spezialist war gemäss einem ehemaligen Kollegen seit jeher der Typ Macher, der sich eher wenig um Formalitäten scherte. Im Umgang mit der russischen Justiz sei das bis zu einem gewissen Grad vonnöten gewesen, um etwas zu erreichen.

Es würde zum BKP-Mann passen, dass er im vergangenen Dezember einige Tage freinahm und auf eigene Faust und auf eigene Kosten in die russische Hauptstadt flog. Leute, die ihn beruflich kennen, charakterisieren ihn zwar als integer und intelligent. Am Arbeitsplatz eckte er allerdings immer wieder an. Das wird zum einen damit erklärt, dass der Russland-Spezialist Quereinsteiger war. Er stammte nicht von der Polizeischule, sondern von der Universität, wo er Philosophie und Slawistik studiert hatte. Zum anderen kam seine bisweilen undiplomatische Art nicht immer und überall gut an. Wiederholt hatte er auch vor grösserem Publikum seine Chefs und auch die Fedpol-Direktion kritisiert, zuletzt auch wegen einer BKP-Reorganisation, die intern breite Unruhe ausgelöst hatte.

Der Ermittler ging wohl diesmal zu weit

Fachlich gilt der Russland-Spezialist aber als Kapazität. Die Bundesanwaltschaft hat immer wieder auf ihn zurückgegriffen, insbesondere wenn es darum ging, auf dem kurzen Dienstweg Informationen aus Russland zu bekommen. Der nun Verdächtige kannte das Land bestens, seit er noch zu Sowjetzeiten dort Russisch gelernt hatte.

Gemäss ehemaligen Vorgesetzten und Kollegen leistete er sehr gute Ermittlungsarbeit. Seine Fallberichte werden als überdurchschnittlich taxiert. Sie bildeten die Grundlage für mehrere Verurteilungen, so in der Aeroflot-Affäre. Dort bestätigte das Bundesgericht 2010 einen Schuldspruch gegen einem Berner Anwalt wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung.

Solche Verdienste helfen ihm nun wenig. Mit seiner Moskau-Reise im Dezember ist der Russland-Spezialist nach Ansicht der BKP-Führung zu weit gegangen, viel zu weit. Diese Einschätzung teilt die Fedpol-Spitze.

Dazu dürfte entscheidend beigetragen haben, dass der Ermittler nicht nur die Anweisung ignorierte, für einmal nicht nach Moskau zu fliegen. Gemäss unbestätigten Informationen soll er russischen Justizvertretern auch schweizerische Verfahrensunterlagen übergeben haben. Das wäre eine Straftat, wenngleich sich Ermittler aus verschiedenen Ländern in internationalen Fällen stetig informell austauschen.

Auftrag der Bundesanwaltschaft

Untersucht wird nun auch die ebenso delikate Frage, wieso sich der Beschuldigte auf seinem inoffiziellen Moskau-Trip zudem mit Anwälten einer – wohl privaten – Partei in einem schweizerischen Straf- und Rechtshilfeverfahren traf. Dabei – so heisst es im knappen Entscheid des Bundesstrafgerichts – habe er «die Interessen der Bundesanwaltschaft vertreten» und «deren Standpunkt» den Rechtsvertretern «klargemacht».

Der Fall, bei dem es im Treffen ging, geht noch auf die 90er-Jahre zurück, ist aber noch immer nicht abgeschlossen. Bereits um die Jahrtausendwende herum war der Russland-Experte mit der Sache betraut gewesen. Neben ihm war auch ein Adjunkt der damaligen Bundesanwältin Carla Del Ponte und dessen Nachfolger Valentin Roschacher involviert.

Dieser ehemalige Adjunkt hat in der Zwischenzeit längst in die Staatsschutzabteilung der Bundesanwaltschaft gewechselt. Nun sollte ausgerechnet er die Moskau-Reise seines alten Bekannten untersuchen. Doch daraus wird nichts.

Nach einer ersten Einvernahme hat der Beschuldigte ein Befangenheitsgesuch gegen den früheren Mitstreiter eingereicht. Der Staatsanwalt des Bundes hat sich eher überraschend nicht gegen seine Absetzung gewehrt. Vielmehr findet er selbst, dass er wohl den «Anschein der Befangenheit» erwecke. Deshalb setzte ihn das Bundesstrafgericht ab.

Die Bundesanwaltschaft will sich nicht zu der Frage äussern, wieso diese Konstellation nicht von vorneweg erkannt und vermieden worden war. Auch schweigt sie zur Frage, ob nun ein externer Staatsanwalt eingesetzt werde.

Erstellt: 29.03.2017, 14:30 Uhr

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