Schweizergarde missachtet Menschenrechte

Die Garde gilt als Visitenkarte der Schweiz – doch die Aufnahmebedingungen sind laut Experten diskriminierend. Ändern kann das nur der Papst.

Seit über 500 Jahren fest in Männerhand: Die Schweizergarde in Rom. Foto: Andrew Medichini (AP)

Seit über 500 Jahren fest in Männerhand: Die Schweizergarde in Rom. Foto: Andrew Medichini (AP)

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Die Schweizergarde im Vatikan bekommt eine neue Kaserne. Kostenpunkt: 55 Millionen Euro. Das Korps wird von 110 auf 135 Mann aufgestockt und bleibt – treu zu seiner 500-jährigen Tradition – rein männlich. Zwei Schweizer Stiftungen unterstützen die ­Garde und ihre Projekte. Jene für den Neubau der Kaserne schreibt auf ihrer Website: Die Garde «verkörpert wichtige Schweizer Werte und trägt in vorbildlicher Weise zur positiven Wahrnehmung der Schweiz in der Welt bei».

Auch Bundesräte sind bestrebt,die Garde nahe an die Schweiz zu binden, Ueli Maurer etwa, wenn er sie als «ein Aushängeschild der Schweiz» bezeichnet. In einem Interview sagte Alt-Bundes­rätin Ruth Metzler, seit letztem Jahr Präsidentin der Stiftung der Päpstlichen Schweizergarde: «Die Schweizergarde ist eine Visitenkarte für die Schweiz und unser Engagement im Ausland.»

Kein militärischer Dienst

Ist sie das wirklich? Der ­Garde kann nur beitreten, wer Schweizer Bürger, männlich und ledig ist, obendrein katholisch, mindestens 174 Zentimeter gross, einwandfrei gesund und gut beleumundet. Anders herum sagt es der französische Soziologe Frédéric Martel in seinem ­gerade erschienenen Bestseller «Sodom»:«Die Schweizergarde schliesst von der Rekrutierung in der Schweiz bis zum Dienst in Rom Frauen, Verheiratete, Migranten und Behinderte aus.» Für ihn eine k­lare Diskriminierung.

Eva Maria Belser, Professorin für Staats- und Verwaltungsrecht an der Universität Freiburg, gibt Martel recht. Die Schweiz, und auch Ueli Maurer, erachteten die Schweizergarde nicht als Militär-, sondern als Polizeikorps, weil Schweizer Soldaten für fremde Staaten keinen militärischen Dienst leisten dürften. Von einem Polizeikorps aber könne man gemäss europäischem und weltweitem Konsens Frauen nicht generell ausschliessen. «Sonst ist es eine Diskriminierung, weil eine Verletzung des UNO-Pakts II und der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK).»

Nur Männer erlaubt: Rekruten der Schweizergarde bereiten sich für die Vereidigungszeremonie vor. Foto: Keystone

Nur: Der Heilige Stuhl habe diese Menschenrechtsabkommen nie ratifiziert. Im Prinzip sei der Vatikan teilweise ein völkerrechtsfreier Raum, in dem nicht alle Menschenrechte gälten und die Diskriminierung der Frau vor­geschrieben werde. Eine Klage dagegen würde aber wohl ins Leere laufen. Dass die katholische Kirche so an Glaubwürdigkeit verliere, sei ein politisches Problem.

Zutiefst eidgenössisch?

Und wie ist die Schweiz davon tangiert? Als Organ des Heiligen Stuhls untersteht die Schweizergarde laut Belser nicht der Bundesverfassung und somit auch nicht schweizerischem Recht. Auf der symbolischen Ebene aber sei die Bindung an die Schweiz stark. Die Eidgenossenschaft habe das aussenpolitische Ziel, sich für die Achtung der Menschenrechte einzusetzen, auch gegenüber dem Vatikan.

Darum werde es problematisch, wenn die offizielle Schweiz oder der Bundesrat an Vereidigungen der Garde teilnähmen oder erklärten, diese sei ein schweizerisches Aushängeschild. «Dann anerkennt man ein verfassungswidriges Aushängeschild», sagt Belser. Aus Sicht der Verfassung sei denn auch die Aussage von Alt-Bundesrat Samuel Schmid irritierend, der die ­Garde bei der 500-Jahr-Feier eine «zutiefst eidgenössische Institution» genannt habe, «einen kleinen Teil unseres Landes in der Ewigen Stadt».

«Die Garde ­entspricht nicht dem Bild, das die Schweiz sonst von sich geben will.»Alberto Bondolfi,
Römisch-katholischer Theologe und Ethiker

Auch für Helena Trachsel, die Leiterin der kantonalzürcherischen Fachstelle Gleichstellung, sind diese ausschliessenden Aufnahmekriterien diskriminierend. Eine Institution, die quasi unter Schweizer Flagge segle, müsse den Menschenrechten und der Gleichstellung verpflichtet sein.

Ebenso für den katholischen Ethiker Alberto Bondolfi ist ein Polizeikorps, das Frauen ausschliesst, diskriminierend. Darum könne die Garde für die Schweiz kein Aushängeschild sein: «Es entspricht nicht dem Bild, das die Schweiz sonst von sich geben will: fortschrittlich, modern, engagiert für Menschenrechte.»

Geistig zu unflexibel

Wenn der Bundesrat sie dennoch als Visitenkarte ­präsentiere, müssten daraus die Konsequenzen gezogen werden, so ­Bondolfi. Der Neubau der Kaserne hätte die Gelegenheit geboten, Gardistinnen zuzulassen und für sie einen eigenen Trakt zu bauen. Offenbar aber fehle der Garde die geisti­ge Elastizität. ­Merkwürdigerweise ist die grosse Nähe der ­offiziellen Schweiz zur Schweizergarde laut Bondolfi «ein relativ neues Phänomen». Zur Zeit des Kulturkampfs im 19. Jahrhundert, als der Heilige Stuhl die liberalen Verfassungsstaaten samt Menschenrechten ablehnte, ging die Schweiz zum Vatikan auf Distanz und begnügte sich mit einem Nuntius in Bern, ohne einen eigenen Botschafter in Rom zu haben.

Klage wohl chancenlos

Anfragen dieser Zeitung lässt der Informationsbeauftragte der Garde unbeantwortet. An seiner ­Stelle erklärt Andreas Wicky, Mitglied im Zentralvorstand der schweizerischen Ex-Gardisten-Vereinigung und Chefredaktor der Zeitschrift «Der Schweizergardist», der Ausschluss der Frauen vom Gardedienst möge nach Schweizer Kriterien eine Diskriminierung sein, nach vatikanischen Kriterien sei es aber keine.

Der Vatikan habe die Menschenrechtskonventionen von UNO und Europarat nicht ratifiziert, somit seien deren Normen zur Gleichberechtigung für ihn nicht verbindlich. Eine Klage auf Zulassung von Gardistinnen würde vom zuständigen Kuriengericht wohl ohne weiteres abge­wiesen, so der als Zürcher Staatsanwalt tätige Ex-Gardist.

Anders als für die Schweiz ist die Garde gemäss Gardereglement ein «Corpo militare», ein direkt dem Papst unterstelltes Militärkorps des Heiligen Stuhls. Wenn schon, könne nur der Papst die Aufnahmebedingungen ändern, sagt Wicky, nicht aber das Garde­kommando. Offenbar werte dieser die Tradition nach wie vor höher als die Gleichberechtigung.

Wicky persönlich hätte, wie er sagt, nichts gegen Priesterinnen oder Schweizergardistinnen. Dass Bewerber mit körperlichen Beeinträchtigungen nicht aufgenommen werden, bestreitet er; gerade habe ein Westschweizer mit Lipom im Gesicht den Dienst angetreten. Ein Verstoss gegen die EMRK bleibt, dass Gardisten bis 25 unverheiratet sein ­müssen.

Erstellt: 13.10.2019, 20:41 Uhr

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