Schwule therapieren – bis zum Trauma

Deutschland will Therapien gegen Homosexualität verbieten. Auch in der Schweiz begeben sich Männer in die Hände von Schwulen-Heilern. 

Gelten in gewissen Freikirchen als Sünder: Homosexuelle demonstrieren an der Pride in der Zürcher Innenstadt für Gleichberechtigung und Akzeptanz. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Gelten in gewissen Freikirchen als Sünder: Homosexuelle demonstrieren an der Pride in der Zürcher Innenstadt für Gleichberechtigung und Akzeptanz. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie heissen Konversionstherapien, Reorientierungstherapien oder tauchen ganz unverdächtig als «Seminare zur sexuellen Selbstbestimmtheit» auf. Da­hinter steckt meist dasselbe: die Haltung, dass man sich seine ­sexuelle Orientierung selbst aussuchen könne, Homosexualität also frei gewählt und daher heilbar sei. Die meisten solcher ­Therapien finden in einem freikirchlichen Umfeld statt; dort, wo Schwule und Lesben als ­Sünder angesehen werden, die zu ihrem eigenen Besten wieder auf den richtigen Pfad gebracht werden müssen. Diese Bekehrungsversuche stossen jedoch international auf Widerstand. Kritiker lehnen sie nicht nur als unwirksam, sondern als gefährlich für die Gesundheit der Betroffenen ab.

Bis Ende Jahr will der deutsche Bundesgesundheitsminister Jens Spahn solche Umpolungen deshalb unter Strafe stellen. Auch in der Schweiz wehren sich Politiker, auf nationaler, aber auch kantonaler Ebene. In den beiden Basler Kantonen sind bereits entsprechende Anfragen eingereicht worden. In Basel-Stadt von Grossrätin ­Michela Seggiani, in Basel-Landschaft von Landrätin Miriam Locher. Die SP-Politikerinnen wollen unter anderem wissen, ob die ­Regierungsräte Kenntnis von solchen Therapien in der Region ­haben und ob man solche Angebote allenfalls verbieten könnte. «Wir haben uns über die Kantonsgrenze hinaus abgesprochen, weil viele Freikirchen bei uns in Stadt und Land gleichermassen aktiv sind», sagt Locher.

Baselbieter Pfarrer «geheilt»

Sie hält gar nichts davon, Homosexuelle heilen zu wollen. Eine Haltung, für die sie auch kritisiert wurde. So habe sich ein Mitglied der ­Baselbieter BDP bei ihr gemeldet. Die Frau kenne laut eigenen Angaben gleich mehrere ehemalige Schwule, die nach einer Umpolung nun ein heterosexuelles Leben mit Frau und Kindern führten. Unter den «Geheilten» sei auch ein ehemaliger Baselbieter Pfarrer. Früher als Gay-­Aktivist unterwegs, gab er vor ­einigen Jahren an, nun nicht mehr schwul zu sein.

«Gelebte Homo­sexualität entspricht nicht dem Willen Gottes.»

Aus einem Papier der Schweizerischen Evangelischen Allianz.

Die sogenannte Ex-Gay-Bewegung entstand in den 70er-Jahren innerhalb der amerikanischen Freikirchen-Szene. Damals liessen sich zahlreiche Schwule von Predigern, Ärzten und Psychotherapeuten behandeln. Einige von ihnen betrachteten sich danach als geheilt oder gaben dies zumindest vor. Unter ihnen war auch ein Gründungsmitglied einer dieser Organisationen. Jahre später gab der Mann jedoch zu, dass er nach wie vor schwul sei, genauso wie alle anderen ­Behandelten, die er kenne. Aus Sicht der Wissenschaft ist das nicht erstaunlich. Man geht heute davon aus, dass die sexuelle Orientierung weder frei wählbar noch therapeutisch veränderbar ist und entsprechende Versuche die Gesundheit gefährden, wie der amerikanische Psychologenverband 2009 feststellte.

Gott und die Schwulen

Viele Freikirchen halten dennoch daran fest, dass Menschen in der Lage seien, «ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen – und auch das zu ändern, was nach herkömmlichen Theorien als unabwendbar erscheint». So zitiert die Newsplattform «Primenews» aus einem Papier der Chrischona-­Gemeinden, einer der grössten Freikirchen der Schweiz.

Im Umgang mit den «hoffnungslos» Homosexuellen, sind Freikirchen konsequent und schliessen die Betroffenen aus.

Diese Haltung wird auch von der Schweizerischen Evange­lischen Allianz vertreten, der ­mehrere Hundert evangelikale Gemeinden angehören. Deren Präsident und Sexualtherapeut Wilf Gasser bezeichnete Homosexualität in einer schriftlichen Stellungnahme als «schwer­wiegende Störung der Sexualentwicklung». Gelebte Homo­sexualität entspreche nicht dem Willen Gottes, und Betroffene sollten in einem «Prozess der Veränderung» unterstützt werden. Gasser liefert auch gleich Zahlen dazu: Rund ein Drittel der Veränderungswilligen würden durch eine Therapie heterosexuell. Ein weiteres Drittel erlebe «eine wesentliche Veränderung der sexuellen Ausrichtung». Im Umgang mit dem letzten ­Drittel, den hoffnungslos Homosexuellen, sind einige Freikirchen konsequent und schliessen die Betroffenen aus.

«Frauen wird in Freikirchen häufig keine eigenständige Sexualität zugestanden, sie reagieren sowieso nur auf Männer.» Udo Rauchfleisch, Psychoanalytiker Universität Basel

Udo Rauchfleisch ist Psychoanalytiker und emeritierter Professor der Universität Basel. Er setzt sich schon länger kritisch mit Konversionstherapien auseinander und hat schon mehrere homosexuelle Männer behandelt, nachdem sie eine solche durchgemacht hatten. «Die Über­zeugung, dass Gott ihre Neigung verurteilt, ist für Schwule in solchen Gemeinschaften schlimm. Sie bekommen enormen Druck von aussen, da oft das gesamte soziale Umfeld zur Freikirche gehört. Und gleichzeitig glauben sie selber auch an die Grund­sätze ihrer Kirche und wollen ein gottgefälliges Leben führen.» Diese Zerrissenheit führe dazu, dass viele offen dafür seien, sich von ihrer Homosexualität heilen zu lassen. Fast immer seien es Männer, Lesben stünden kaum im Fokus. «Frauen wird in Freikirchen häufig keine eigenständige Sexualität zugestanden, man geht davon aus, dass sie sowieso nur auf den Mann reagieren.»

«Sexualität hat eine starke Schubkraft, die lässt sich nicht einfach so ausknipsen.»Udo Rauchfleisch, Psychoanalytiker Universität Basel

Eine «Schwulen-Heilung» kann auf verschiedene Arten ablaufen, meist seien Laien am Werk, nur selten Ärzte oder Psychotherapeuten. Ein Arzt, bei dem das Magazin «Gesundheitstipp» kürzlich einen schwulen Klienten eingeschleust hat, schaute mit diesem unter anderem erotische Fotos von Männern an; weil der Patient in anderen Männern etwas suche, das er selber sein möchte. Diese Behandlung rechnet der Mediziner laut eigenen Angaben über die Krankenkassen ab. Viele ­gehen davon aus, dass Homo­sexualität durch Erlebnisse in der Kindheit ausgelöst werde, und arbeiten mit Elementen aus der Traumatherapie.

Bruch mit Gemeinde nötig

Gemeinsam ist allen Ansätzen wohl das Ziel: Der Klient soll ­heterosexuell werden oder zumindest sein Schwulsein mit aller Kraft unterdrücken. «Nur das traditionelle Familienbild wird akzeptiert», sagt Rauchfleisch. «Das geht so weit, dass Schwule unter diesem Druck heiraten und Kinder bekommen.» Oft mit verheerenden Folgen: «Sexualität hat eine starke Schubkraft, die lässt sich nicht einfach so ausknipsen.» Der innere Konflikt und die Schuldgefühle würden immer grösser, bis hin zu Depression, Selbstwertkrisen und sogar Suizid. Er habe Patienten behandelt, die durch eine Konversionstherapie schwer traumatisiert worden seien. In allen Fällen sei schliesslich der Bruch mit der Gemeinde notwendig geworden.

Rauchfleisch befürwortet ein Verbot solcher Behandlungen. «Es ist mir klar, dass das dann nicht einfach aufhört. Diese Leute sind der Überzeugung, das Richtige zu tun, und wollen auch weiterhin die Welt retten.» Es sei aber wichtig, dass die Gesellschaft mit einem Gesetz zeige, dass sie das nicht tolerieren möchte.

Erstellt: 19.07.2019, 08:46 Uhr

Kommentare

Die Welt in Bildern

Eine fast aussterbende Tradition: Tänzer führen den Thengul-Tanz während der 74. Indonesischen Unabhängigkeitsfeier im Präsidentenpalast in Jakarta, Indonesien vor. (17. August 2019)
(Bild: Antara Foto/Wahyu Putro) Mehr...