Ausbeutung in Katar – jetzt schaltet sich die Schweiz ein

12-Stunden-Arbeitstage, stickige Unterkünfte: Auf den Baustellen für die WM in Katar schuften Billigarbeiter unter prekären Bedingungen. Nun nimmt das Seco die Fifa in die Pflicht.

Sie haben einen langen Arbeitstag hinter sich: Ausländische Bauarbeiter in Doha warten auf den Bus, der sie in ihre Unterkunft zurückbringt. (Archivbild: Keystone)

Sie haben einen langen Arbeitstag hinter sich: Ausländische Bauarbeiter in Doha warten auf den Bus, der sie in ihre Unterkunft zurückbringt. (Archivbild: Keystone)

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Die Fussballweltmeisterschaft im Wüstenstaat Katar findet erst 2022 statt. Doch an der Infrastruktur wird längst gebaut. Aus dem Nichts wird sie hochgezogen, von Billigarbeitern aus Indien, Nepal, Bangladesh und den Philippinen. Die ­Gewerkschaftsvereinigung Building and Wood Worker International (BWI) mit Sitz in Genf beobachtet die Situation der Arbeitskräfte seit langem mit Besorgnis.

Letzte Woche reisten die BWI- und ­Gewerkschaftsvertreter aus halb Europa nach Katar und trafen sich dort mit Bauarbeitern. Mit dabei war auch die Schweizer NGO Solidar. Ein Delegationsmitglied sagt: «Einmal im Emirat müssen die Arbeiter ihre Pässe abgeben und werden in stickigen, dreckigen Baracken einquartiert. Die Männer schlafen eingepfercht in Schlafsälen mit acht Betten. Die sanitären Einrichtungen sind heruntergekommen. Küchen bestehen in der Regel aus ein paar Gaskochern.» Die Arbeitsbedingungen seien sehr hart. Gemäss katarischem Gesetz darf ein Arbeiter an sechs Tagen pro Woche acht Stunden arbeiten, muss bei Bedarf aber täglich zwei Überstunden leisten, die im Lohn inbegriffen sind. «Für gewöhnlich schuften Arbeiter auf Baustellen jedoch bis zu 12 Stunden pro Tag bei über 40 Grad Celsius. Damit steigt das Unfallrisiko, die medizinische Betreuung ist aber keinesfalls gewährleistet», sagt der Gewerkschafter.

BWI-Chefin Jin Sook Lee kritisiert, dass die von Agenturen angeworbenen Gastarbeiter Verträge bekämen, die in Katar dann ausgetauscht würden. Zudem seien die Löhne generell viel zu tief. Ein einfacher Arbeiter verdient 750 Rial (220 Franken) pro Monat, ein Elektriker 1000 Rial (285 Franken).

Schuften bei über 40 Grad: Arbeiter vor einer Statue in Doha, die Zinedine Zidanes Kopfstoss an der WM 2006 zeigt. (Foto: EPA)

Lees Gewerkschaft vergleicht den Umgang Katars mit den Gastarbeitern mit Sklavenarbeit und sieht darin eine Verletzung der Menschenrechte. Doch Proteste bei der katarischen Regierung blieben folgenlos. Auch am Fifa-Sitz in Zürich kümmert man sich aus Sicht der BWI unzureichend um die Situation. Ende Mai wandte sich die BWI ans Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) und monierte, die Fifa missachte die Leitsätze der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) für multinationale Unternehmen. Weil die Schweiz die OECD-Leitsätze unterzeichnet hat und die Fifa hier ansässig ist, sei der Weltverband nach der Vergabe der WM zur «Einhaltung der international anerkannten Menschenrechte für die mit Tätigkeiten in Katar betrauten Personen» verpflichtet. Die BWI forderte den beim Seco zur Einhaltung der OECD-Richtlinien ein­gerichteten «Nationalen Kontaktpunkt» auf, sich in den Konflikt mit der Fifa einzuschalten und zu vermitteln.

Seco sieht Fifa als Unternehmen

Am BWI-Sitz in Genf war man auf die Reaktion aus Bern gespannt, denn juristisch betrachtet ist die Fifa ein Verein und kein Konzern. Doch das Seco hiess die Beschwerde gut. Auch die Fifa hat in das Verfahren eingewilligt.

Interessant ist die Einschätzung, die der Seco-Kontaktpunkt Mitte Oktober publiziert hat. Darin betont das Gremium die unternehmerische Ausrichtung der Fifa und vergleicht deren Tätigkeit mit einem international tätigen Konzern. Es heisst: «Die OECD-Richtlinien sind anwendbar. Die Fifa ist in die Organisation der Fussballweltmeisterschaft 2022 in Katar involviert, insbesondere weil es vertragliche Verbindungen gibt, die den Schluss zulassen, dass die Aktivitäten des Geschäftspartners kommerzieller Natur sind.» Seco-Sprecher Fabian Maienfisch betont jedoch: «Der Eintretensentscheid bedeutet nicht, dass eine abschliessende inhaltliche Beurteilung der aufgeworfenen Fragen vorgenommen oder eine Verletzung der OECD-Leitsätze festgestellt wurde.»

Die Diplomatie soll eingreifen

Die Tatsache, dass das Seco den Verein Fifa mit einem Konzern vergleicht, wirft Fragen auf: Positioniert sich der Bund gegenüber der Fifa generell neu? Will er sie allenfalls steuerlich stärker belasten? Seco-Sprecher Maienfisch will die Beurteilung der Fifa im vorliegenden Fall nicht zu stark gewichten. Die Rechtsform der Fifa sei «nicht relevant für die Anwendbarkeit der OECD-Leitsätze», die Fifa als Verein habe man «nicht infrage gestellt», und es bestehe auch «kein Zusammenhang mit der Besteuerung der Fifa», so Maienfisch. Auch ein Fifa-Sprecher hält fest: «Der Rechtsstatus der Fifa ist vom Nationalen Kontaktpunkt nicht infrage gestellt worden.»

Das Mediationsverfahren dauert grundsätzlich ein Jahr, kann aber verlängert werden. BWI und Fifa mussten sich zu absoluter Geheimhaltung verpflichten. Das Seco wird nach Beendigung des Verfahrens in einer Abschlusserklärung über die Ergebnisse informieren.

Wie die Gewerkschaft BWI begrüsst auch die NGO Solidar die Bemühungen des Seco. Sprecher Lionel Frei regt als ­zusätzliches Engagement der offiziellen Schweiz an, ihr in Katar stationierter Botschafter soll mit den dortigen Autoritäten einen Dialog über Menschenrechte führen. Die Delegation, die letzte Woche in Katar weilte, stellte bei einem Treffen mit dem Schweizer Botschafter nämlich fest, dass das Thema in der Schweizer Diplomatie vor Ort derzeit keine Rolle spielt.

Erstellt: 13.11.2015, 06:50 Uhr

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Kritik an Arbeitsbedingungen

4000 Tote bis zur WM befürchtet

Von den etwas über 2 Millionen Einwohnern
im Wüstenstaat Katar haben nur rund 300'000 ?Menschen einen einheimischen Pass. Die restlichen Einwohner sind Gastarbeiter aus Asien, Afrika und anderen arabischen Staaten. Die meisten arbeiten an Infrastrukturprojekten wie U-Bahn-Linien für die Fussball-WM 2022. Für den Aufbau der WM-Stadien dürften nochmals mehrere Hunderttausend Arbeiter ins Land strömen. Katar steht wegen des Umgangs mit den Gastarbeitern international in der Kritik.

Dem Land wird insbesondere vorgeworfen, nicht genügend für die Sicherheit der Arbeiter zu tun. Auf den Baustellen für die Fussball-WM sollen bereits mehrere Hundert Menschen umgekommen sein. Der Internationale Gewerkschaftsbund rechnet mit 4000 Todesopfern bis zum WM-Beginn.

Auch Sponsoren wie Coca-Cola und Visa haben sich kritisch zu den Arbeitsbedingungen geäussert. Der deutsche Vizekanzler Sigmar Gabriel forderte im März bei einem Besuch in Katar bessere Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen. (phr)

«Wir wollen Weltspitze sein»

Bundesrat Didier Burkhalter begrüsst die wachsende Bedeutung der Schweiz im Bereich der Konfliktmediation. Dies sei eine Priorität der Aussenpolitik. Es gelte daher, die Ausbildung von Vermittlern und Mediatoren zu fördern und die Posten vermehrt auch mit Frauen zu besetzen. «Die Mediation ist der potenzielle Sonnenstrahl im Dunkel der Krise», sagte Burkhalter anlässlich der Jahreskonferenz der Abteilung für Menschliche Sicherheit (AMS) am Donnerstag in Bern. Die Schweiz sei gut positioniert in ziviler Friedensförderung und Mediation. «Wir wollen diese Position ausbauen und Weltspitze sein in diesem Bereich», sagte der Aussenminister. Mediationen und Verhandlungen müssten vorbereitet werden. Dabei gelte es, Rampenlicht und Öffentlichkeit zu meiden, das Vertrauen der Parteien zu wahren und diskret zu sondieren, wo Fortschritte möglich seien.

Der Bundesrat erinnerte an die Rolle der Schweiz als Gastgeberin internationaler Konferenzen, wie etwa die Atomverhandlungen mit dem Iran, jene zwischen den USA und Nordkorea oder die Syrien-Treffen. Solche Ereignisse würden zum Ruf der Schweiz als Vermittlerin erster Wahl beitragen. Es sei wichtig, die ganze Mediationspalette zu pflegen und ein vielfältiges Engagement anzubieten. Das Aussendepartement habe ein Konzept zur Stärkung der Mediationskapazitäten erarbeitet. Der Fünfjahresplan sieht vor, die Mediationsausbildung auszubauen, Nachwuchs mithilfe spezialisierter Karrieren aufzubauen und verstärkt mit Partnern zusammenzuarbeiten. Burkhalter wies zudem darauf hin, dass es zur besseren Bewältigung zahlreicher Mediationen mehr Frauen brauche. «Die Frauen sind zu oft von solchen Verhandlungen ausgeschlossen, was die Chancen auf Frieden verringert.» (SDA)

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