Seid clever – werdet Maler!

Eine einseitige Ausrichtung unserer Schulen auf die digitale Wirtschaft wäre ein Fehler.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein befreundeter Malermeister berichtet, wie schwierig es ist, zwei, drei fähige Vorarbeiter für seinen Betrieb zu finden. Aus den Schweizer Schulen ist gleichzeitig Folgendes zu hören: Wenn ein guter Schüler sagt, er möchte gern Maler (oder Elektriker oder Schreiner) werden, ­bekommt er vom Lehrer oft die Antwort, er als gescheiter Bursche gehöre doch ans Gymi.

Solche Lehrer meinen es gut. Sie haben bereits verinnerlicht, was als neues Schlüsselziel der Bildungspolitik gilt. Unsere Schülerinnen und Schüler sollen konsequent darauf getrimmt werden, sich in der kommenden digitalen Gesellschaft zu behaupten. Computer und Roboter, heisst es, würden viele Berufe mit angeblich tiefen intellektuellen Anforderungen überflüssig machen. Wer den Kopf nicht trainiert, und zwar von Kindsbeinen an, dem droht die Langzeitarbeitslosigkeit. Wo heute noch Handarbeit gefragt ist, genügt morgen schon ein 3-D-Drucker. Gewinner ist dann, wer den Drucker richtig programmiert. Wer sich nur aufs Handwerk versteht, wird zu den Verlierern gehören.

Glorifizierung der Start-up-Kultur

Dazu kommt die Glorifizierung der digitalen Start-up-Kultur. Ein frisch lanciertes ETH-Spinoff mit einer vielversprechenden App und einer Handvoll Physikern und Programmierern stösst garantiert auf mehr Interesse als eine Zimmerei, die seit Jahrzehnten präzise und pünktlich arbeitet und ihren Mitarbeitern regelmässig einen rechten Lohn zahlt. Für die spezifischen Probleme von Start-ups im Steuerrecht findet die Politik erstaunlich schnell eine Lösung. Das übrige ­Gewerbe wartet ewig auf schlankere Bewilligungsverfahren.

Und bei allen Nibelungenschwüren der Politiker auf das «duale Bildungssystem» (das die Berufslehre ebenbürtig neben die Hochschul­ausbildung stellt): Zunehmend schleicht sich die Akademisierung von allem und jedem ein. Schon als Hausabwart kann – und muss man vielleicht bald – den Bachelor in Facility Management machen.

Als zukunftsweisend gilt heute, sich am Silicon Valley zu orientieren. Da entstehen die jungen, frechen Technologiefirmen, die hierzulande den altbewährten KMU das Leben schwer machen: Uber dem Taxigewerbe, Airbnb den Hoteliers, Google und Facebook der Werbewirtschaft und den Zeitungen.

Sicher ist es richtig, mit der Digitalisierung zu rechnen und sich dafür zu rüsten. Die Schweiz hat durchaus das Potenzial, in der digitalen Ökonomie mehr Firmen und Arbeitgeber hervorzubringen. Die Voraussetzungen für die nächsten Googles, Facebooks und Ubers sind am Zürich- oder Genfersee nicht grundsätzlich schlechter als im Silicon Valley. Wer aber überbordet und die Schule einseitig auf die «neuen Realitäten» einer digitalen Zukunft ausrichten will, macht einen unverzeihlichen Denkfehler.

Auch Handwerker sind helle Köpfe

Auch Handwerksberufe brauchen helle Köpfe. Ein Maler, zum Beispiel, muss als Vorarbeiter nicht nur die Spritzpistole flink bedienen können. Er muss komplizierte Arbeitsabläufe planen, diese Planung seinen Mitarbeitern plausibel machen – und dann doch wieder improvisieren können. Er muss seine Kundinnen und Kunden verstehen, auf sie eingehen und aus ihren Wünschen heraushören, was sie wirklich wollen. Er muss auch exakt rechnen können, die Arbeitseinsätze auf Effizienz trimmen. Und er hat die Chance, sein eigenes Start-up zu gründen. Wohnungswände sauber zu streichen – und dabei nicht irrtümlich Steckdosen zu übermalen –, ist als Geschäftsidee mindestens genauso vielversprechend wie noch eine neue App.

Sicher sollen unsere Kinder in den Schulen und Hochschulen ihr Potenzial voll ausschöpfen können. Falsch aber wäre es, das Potenzial zu unterschätzen, das in den vielen nicht digitalen Berufen liegt. Diesen Fehler sollten Lehrerinnen und Lehrer vermeiden, vor allem aber auch die Eltern. Ohne exzellente Bauzeichner, Maurer und Elektriker muss die digitale Wirtschaft in windschiefen Büros um den Strom in ihren Computern zittern. Ohne Pflegepersonal, das sowohl die Patienten als auch die Professoren versteht, funktioniert kein Spital.

Wenn ihr das denn schon wollt, sollte es in der Schule heissen, werdet Maler! Oder Schreiner, Gerüstbauer, Glaser. Die digitale Zukunft wird euch brauchen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.06.2017, 17:53 Uhr

Artikel zum Thema

Gymnasium UND Lehre

Politblog Die Ausbildung der Schweizer Jugendlichen muss heute im internationalen Umfeld bestehen. Deshalb gibt es nur eine Lösung. Zum Blog

Lehre oder Gymnasium?

Kolumne Lange Zeit wurde gepredigt, der Trend zur Wissensgesellschaft erfordere immer mehr Leute an der Uni. Das ist ein Irrweg. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Profis lassen sich nicht von Emotionen leiten

Intelligente Roboter verbessern unseren Alltag. Warum nicht auch unsere Investments?

Die Welt in Bildern

Massenyoga: Gemeinsame Yoga-Lektion in der indischen Stadt Chandigarh im Vorfeld des Welt Yoga Tages. (19.Juni 2018)
(Bild: Ajay Verma ) Mehr...