Sein Kampf

Amok: Wenn schon nicht angenommen, so doch wahrgenommen.

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Noch ist kaum etwas über Hintergründe und Motive der schrecklichen Tat von Salez bekannt, nur das: wie unfassbar brutal der Täter vorging. Amoklauf ist der Begriff, der sich für solche Taten anbietet. Wobei Amokläufe kein neues Phänomen sind, sondern eine historische Konstante.

Der Amok ist ein Mann. Ein unauffälliger Nachbar, freundlich, aber zurückgezogen, ein Sonderling. Manchmal wohnt er noch bei seiner Mutter, ist aber sonst isoliert, ohne Freunde, unfähig, echte Bindung herzustellen. Manchmal sammelt er Waffen, spielt Brutalo-Videogames oder interessiert sich für Horrorfilme. Aber die Menschen, mit denen er zu tun hat, kennen ihn nur von weit weg.

Der Amok ist ein Mann. Ein unauffälliger Nachbar, freundlich, aber zurückgezogen, ein Sonderling.

Wird der Amoktäter aktiv, macht er keine Kompromisse, er geht sofort bis zum Äussersten: kaltblütig, todesverachtend, wahllos und ohne Mitgefühl. «Typischer Auslöser», schreibt der Zürcher Psychiater Mario Gmür über Amokläufer, «ist eine plötzliche oder über längere Zeit sich anbahnende Lebenskrise mit einem jähen Zusammenbruch des existenziellen Wertesystems.» Die Ehe scheitert, es wurde einem gekündigt, man geht Bankrott, wird zurückgewiesen, die Selbstachtung leidet und scheint nur durch eine extreme Tat wieder herstellbar in Form von Rache oder posthumer Berühmtheit.

Doch diese Eigenschaften treffen auf sehr viele Menschen zu, Amokläufer hingegen sind sehr selten. Was also treibt sie dazu? Eine Amoktat ist immer verstörend und verschliesst sich zivilisatorischem Begreifen. Zwar finden sich oft wiederkehrende Eigenschaften in den Biografien der Täter. Sie wurden gekränkt und zurückgewiesen, in der Schule gehänselt, die Mädchen wollten nichts von ihnen, die anderen Männer fanden sie komisch und selber haben sie nie einen Weg gefunden, mit diesen Demütigungen klar­zukommen, mit sich selber leben zu können. Denn der Amoktäter ist sich selbst seine eigene grösste Enttäuschung.

Die Motive sind vielfältig: Verschmähte Liebe, Geltungsdrang, Rachsucht, Behördenärger, Einsamkeit oder einfach ein schräger Blick.

Der Begriff Amok stammt aus dem Malaiischen und bedeutet: «Im Kampf sein Letztes geben.» Amokläufer waren Krieger, die den Tod verachteten und deshalb als Lieblinge der Götter galten. Entsprechende Figuren finden sich in vielen Mythen, von den Wikingern über die Griechen bis in den südindischen Raum. Es sind Berserker und Kamikaze. Heute wird Amok oft synonym mit Wahnsinn und Raserei verwendet, tatsächlich aber ist das Gegenteil der Fall: Der Amokläufer agiert ruhig und kaltblütig, als hätte er sich alles Menschlichen entledigt. Kalte Verzweiflung treibt ihn voran, seine Ohnmacht verwandelt er in Allmacht. Er fantasiert sich ebenfalls als Krieger, der das Recht selbst in die Hand nimmt.

Die Motive sind vielfältig: Verschmähte Liebe, Geltungsdrang, Rachsucht, Behördenärger, Einsamkeit oder einfach ein schräger Blick lassen den Amoktäter zur Tat schreiten. Sie folgt einem typischen Ablauf: Nach einer oft längeren Phase der Vorbereitung und Planung folgt eine kürzere Phase des dumpfen Brütens, gefolgt vom Ausbruch plötzlicher und tödlicher Gewalt. Danach fällt der Täter in einen tiefen Schlaf und erinnert sich danach oft an nichts. Wenn es denn so weit kommt, meistens stirbt er selbst beim Angriff.

Seine Tat ist ein letzter Aufschrei, ein letzter Wunsch, von der menschlichen Gemeinschaft wenn schon nicht aufgenommen, so doch wahrgenommen zu werden.

Der Amok ist fast immer ein Mann. Von Männern wird erwartet, dass sie keine Schwäche zeigen, alles stoisch hinnehmen, dass sie nicht weinen und sich beklagen. Umso mehr, als die Männer aus westlichen Industriegesellschaften die Privilegierten sind und im Verhältnis zur Restwelt reich. Von diesem Selbstbewusstsein bekommt der Amoktäter nichts ab. Er weiss, er sollte dazugehören, gehört aber nicht dazu. Er fühlt sich abgestumpft, fremd, einsam. Er weiss nicht, was er hier soll. Seine Tat ist ein letzter Aufschrei, ein letzter Wunsch, von der menschlichen Gemeinschaft wenn schon nicht aufgenommen, so doch wahrgenommen zu werden. Etwas tun, von dem alle Notiz nehmen müssen, ein Monster werden, etwas tun, um irgendwie dazugehören zu können, und sei es durch Negation von allem, was Menschen verbindet: Liebe, Mitgefühl, Rücksicht. Er will den Schmerz, der sein Leben ist, weitergeben in tödlicher Weise.

Zurück bleiben Schmerz und Tod.

Erstellt: 16.08.2016, 00:08 Uhr

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